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Amerika: Eine persönliche Bestandsaufnahme

In „Amerikas letzte Chance: Warum sich die Weltmacht neu erfinden muss“ machen Reymer Klüver und Christian Wernicke im Wahljahr 2012 eine Bestandsaufnahme der Situation in den USA in wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und sozialer Hinsicht.

Dabei ziehen die Autoren Bilanz aus Obamas bisheriger Amtszeit, die von einem schweren Erbe und überhöhten Erwartungen geprägt war.

Ausdrücklich ist ihr Buch aber eines über Obamas Land, nicht über Obama und seine Gegenspieler selbst.

Gesellschaft anhand von Einzelschicksalen

Dazu haben die Autoren einen interessanten Ansatz gewählt:

Sie stellen nicht nur interessante Fakten zur wirtschaftlichen und sozialen Situation in den USA bereit, sondern bringen zahlreiche Lebensgeschichten amerikanischer Bürger ein, die teilweise recht bedrückend beschreiben, wie beispielsweise ein junges Paar sein Haus in der Immobilienkrise verliert und letztendlich völlig verschuldet einen Neuanfang wagen muss.

Somit bekommen bedrückende Entwicklungen wie die Immobilienkrise oder die immer noch nicht ausreichende gesundheitliche Versorgung gerade der Einkommensschwachen Bevölkerungsteile ein Gesicht.

Durch die einzelnen Schicksale, die aber meist repräsentativ für tausende weitere stehen, werden diese Entwicklungen eindrücklich nachvollziehbar.

So machen die Autoren in den USA das Gefühl einer kollektiven Verunsicherung und Bedrückung aus und machen dieses für den Leser erlebbar.

Versiegender Optimismus

Der grenzenlose Optimismus, den die Autoren im Rahmen von Reisen und im Falle Christian Wernickes auch als Austauschstudent in den 1980er Jahren kennenlernten, ist heute nicht mehr in der Form erkennbar.

Zusammenhalt und Zuversicht sind geschwunden, eine starke Polarisierung in vielerlei Hinsicht zieht tiefe Gräben durch das Land.

Amerikas heutige Krise ist bedingt durch die Rezession, aber auch durch die bestehenden sozialen Spannungen zwischen schwarz und weiß beispielsweise, denen von den Autoren Rechnung getragen wird.

Der Autor führt im GeVestor-Interview aus:

„Dieser Can-Do-Spirit, von dem ich eben sprach, ist abhanden gekommen. Nicht, dass es ihn nicht noch gäbe. Im Gegenteil, er wird ständig beschworen, und der Optimismus gerade auch intellektueller Amerikaner, dass die USA ihre gegenwärtige Misere überwinden werden, ist phänomenal.“

Der aktuelle Fall des von einem Nachbarschaftspolizist erschossenen Trayvon Martin und die dadurch in den USA entfachte Rassismusdebatte zeigt, wie Klüver und Wernicke es vermögen, entscheidende Vorgänge auszumachen.

Der Trend der wirtschaftliche Polarisierung, die die Einkommensschere weiter auseinander treibt, sorgt für ein Wegfallen der Mittelschicht und scheint einen gesellschaftlichen Ausgleich unmöglich zu machen.

Amerika: Ein Abwärtstrend?

Sogar die Weltbank misst in den USA einen Verfall der Regierungsqualität, Manager stufen die politische Stabilität auf ähnlich miserablem Niveau ein wie die Italiens.

Den Gründen für den erkennbaren und gefühlten Abwärtstrend der ehemals unangefochtenen Supermacht USA gehen die Autoren nach, indem sie sich zunächst mit den „Altlasten“ wie Armut, Immobilienkrise, Rassismus, Kriege und der wegfallenden Mittelschicht beschäftigen.

Im zweiten Teil des Buches decken die Autoren schonungslos auf, welche selbst geschaffenen Barrieren den Vereinigten Staaten auf dem Weg zu einer Besserung der Situation im Wege stehen.

Hier sei als Beispiel die politische Radikalisierung genannt, die den beiden großen Parteien eine Zusammenarbeit aus Angst um ihre Wählerschaft verhindert, und somit in einem System, dass so sehr auf Konsens ausgelegt ist, eine politische Selbstlähmung zur Folge hat.

Polarisierung und ein verschärftes Lagerdenken zeichnen aber nicht nur die Politik, sondern auch die ganze Gesellschaft aus, und auch die Medien sind diesem Trend unterworfen.

Eine amerikanische Bilanz

Die Autoren ziehen Bilanz aus der Amtszeit Obamas und zeigen auf, dass die Amerikaner sämtliche Illusionen über ihren Präsidenten mittlerweile verloren haben.

Ende 2011 waren nur noch 43% der Amerikaner mit der Amtsführung Obamas einverstanden; ein Umfragewert, der eine Wiederwahl eigentlich nicht erwarten lässt.

So wird es interessant sein zu sehen, welche Taktik Obama im Wahlkampf fahren wird, denn gegen „die da in Washington“ marschieren kann er nun, da er selbst die Macht ist, nicht mehr.

Mitt Romney, der mit seiner Erfahrung aus der Wirtschaft, unter anderem als Hedgefondsmanager, gegen Obama ins Feld zieht, kann die aktuelle Situation dagegen für sich nutzen.

Die Abwägung der Autoren zwischen diesen Beiden zeigt – nachdem sich Romney nun tatsächlich als Präsidentschaftskandidat durchgesetzt hat – wiederum das tiefe Verständnis der Autoren für die Situation in den USA.

Auch wenn Obama die an ihn gerichteten hohen Erwartungen nicht erfüllt hat, sehen Reymer Klüver und Christian Wernicke in seiner Wiederwahl die einzige Chance, Amerikas Anspruch als westliche Führungsmacht aufrecht zu erhalten.

„Das Rennen wird äußerst knapp. Es ist von so vielen Faktoren abhängig – wie ist die Stimmung im Herbst, wie läuft die Wirtschaft in den entscheidenden swing states wie Florida oder Ohio -, als das man jetzt eine Prognose wagen sollte.“ erläutert der Autor im Gespräch mit GeVestor.

Insgesamt ein packendes Buch, das die wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Situation in den USA kritisch beleuchtet und wertvolle Hintergrundinformationen zu den bevorstehenden Wahlen liefert.

Über die Autoren:

Reymer Klüver berichtet seit 2005 als politischer Korrespondent der Süddeutschen Zeitung aus den USA.

Er wurde bereits mit dem Medienpreis Entwicklungspolitik ausgezeichnet und hat mehrere Bücher geschrieben

Christian Wernicke ist ebenfalls seit 2005 politischer Korrespondent der Süddeutschen Zeitung und berichtet regelmäßig aus Washington.

Er ist Träger mehrerer Auszeichnungen, in jüngster Zeit erhielt er den George-Kennan-Kommentarpreis.

Das Buch ist im Berlin Verlag erschienen und kostet 19,90€.

20. August 2012

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov wuchs in einem internationalen Umfeld auf und entdeckte schon früh sein Interesse am Thema Finanzen. Er publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.