von Heiko Seibel

Anleger flüchten ins Gold

Vorsicht bei der aktuellen Gold-Hysterie

Vorsicht bei der aktuellen Gold-Hysterie

Der US-Haushaltsstreit hat in den vergangenen Tagen an den Nerven gezehrt. Zwar ist die Sache wahrscheinlich schon längst gelaufen, wenn Sie diese Zeilen lesen. Dennoch ist das ganze Drama für uns ein nettes Lehrstück, dessen Auswirkungen wir uns genauer anschauen sollten. Interessant wird die Sache besonders in Bezug auf Gold.

Kaufpanik bei Gold

Bestimmt ist es Ihnen auch schon aufgefallen: Vor einigen Tagen hatte die „Bild“ eine Story auf der Titelseite mit dem Tenor, dass nun das Gold knapp wird. Wirklich sehr interessant, soweit ich weiß, ist es kein Problem, bei einem guten Händler noch eine Münze zu ergattern. Und auch die Schnellmerker in den Redaktionen der Nachrichtenagenturen ziehen nun nach, da sie alle die „Bild“ lesen.

Die Massenmedien entdecken Gold

Gerade hat der Münchener Goldhändler Pro Aurum ein nettes Stück Eigenwerbung platziert, indem er darauf hinwies, dass es einen ganz unglaublichen Ansturm auf seinen in gold gehaltenen Shop gebe. Natürlich sind für den Run die Schuldenkrise in den USA und auch das Pendant in Europa schuld. Die Unsicherheit an den Finanzmärkten locke viele Anleger, erklärte der Geschäftsführer des Münchner Goldhandelshauses, Robert Hartmann. Ihm zufolge bringt die starke Nachfrage den deutschen Goldhandel derzeit bereits an seine Kapazitätsgrenze. Da ist was dran: Bei vielen Online-Händlern gibt es aktuell Wartezeiten.

Und dann schob Pro Aurum noch eine nette, kleine Umfrage nach, die das Meinungsfoschungsinstitut Forsa in seinem Auftrag vorgenommen hat. Dabei kam raus, dass nur acht Prozent der Deutschen ab 18 Jahren Goldbarren, Goldmünzen, Silberbarren oder Silbermünzen besitzen. Gut zwei Prozent planen demnach in den kommenden sechs Monaten, Gold oder Silber als Geldanlage zu kaufen. Aha, na das sind doch wirklich harte Fakten, die für einen weiter steigenden Goldpreis sprechen.

Gold vom Automaten

Und dann folgte der zweite Werbe-Artikel bei einer anderen Agentur: Eine Reutlinger Firma bietet „Gold to Go“ per Automaten an. Sie können sich dort eine Münze oder kleine Barren wie eine Cola ziehen. Quasi als stilvolles Geschenk. 20 Goldautomaten stellte das Unternehmen im In- und Ausland auf Flughäfen oder in Einkaufspassagen schon auf - und macht damit den Goldkauf ganz einfach. Die stark gesicherten Geräte aus Schwaben stehen unter anderem bei Juwelieren, auf dem Flughafen in Frankfurt, in Las Vegas und in Dubai.

Auch diese Firma erklärt den unglaublichen Geschäftserfolg mit dem Vertrauensverlust gegenüber der Politik und den Finanzmärkten. Niemand wisse heute, wie sich etwa die enorme Schuldenlast der USA auf die Weltwirtschaft auswirken werde. Daher sei ein Mitbringsel aus Gold auch ein kleines Stück Sicherheit. Und im gleichen Artikel verweist ein Experte der Deutschen Bank auf den Absturz des Goldpreises nach dem Ende des Kommunismus – dann sank ja das Angstniveau.

Vorsicht vor der Gold-Hysterie

Wer meine Briefe verfolgt, der weiß, dass ich erstens unseren Medien skeptisch gegenüber stehe. Denn selbst in den Wirtschaftsredaktionen sitzen häufig Germanisten, Literaturwissenschaftler oder Soziologen, die keine Bilanz lesen können, aber genau wissen, wie sie „das System“ verändern können. Zweitens bin ich ein Anhänger der „Behavioral Finance“: Diese Spielart der Psychologie blickt sehr genau auf Massenphänomene – die meist genau den Höhepunkt des Herdentriebes markieren.

Zweifelsohne gibt es Faktoren, die für Gold sprechen, sonst hätte der Preis nicht so enorm zugelegt. Dazu zählt erstens die Flutung der Märkte mit neuem Papiergeld durch die Federal Reserve, die EZB und auch die chinesische Notenbank. Die Anleger befürchten zu Recht eine Inflation und gehen in die Sachwerte. Zuletzt überwog aber der deflatorische Effekt – viele Leute hatten schlicht Angst vor einem Bankenkollaps. Mit der Einigung im Schuldenstreit könnte die Angst erstmal abebben.

Und wenn sich nun die Masse für Gold interessiert, dann spricht mir das doch trotz des medialen Sommerloches doch sehr für eine Überhitzung. Wer soll noch kaufen, wenn alle Zweifler schon zugegriffen haben? Zudem würgt der hohe Preis die Nachfrage in Indien und in China ab.

Indikatoren überhitzt

Tatsächlich zeigt Gold überhitzte und negativ divergierende Indikatoren auf Wochenbasis. Vor allem der RSI unten – dieser Index misst die relative Stärke – bewegt sich im Verkaufsterritorium. Allerdings ist noch kein wirkliches Schwächeanzeichen der Preise zu erkennen. Erst ein Rückfall unter 1578 Dollar wäre das Signal für einen neuen Bärenmarkt.

Höhenflug bei Gold

Ich kann mir vorstellen, dass eine Nachricht, mit der niemand gerechnet hat und die auch von kaum jemandem beachtet wird, solch einen Verkauf auslösen könnte. Achten Sie beispielsweise auf News aus Indien: Wenn dort die Monsunsaison schlecht ausfällt, wird die Ernte schwach werden. Dann sinkt die Nachfrage der Bauern nach Gold in der Hochzeitssaison.

Nur am Rande: Falls Sie selbst Münzen kaufen wollen, sollten Sie sich auf keinen Fall in die Schlangen vor irgendwelchen Shops einreihen oder Gold am Automaten ziehen, bevor Sie den Markt geprüft haben. Außer, Sie lieben einen kräftigen Aufpreis. Information ist Trumpf: Die Website Gold.de bietet einen Preisvergleich an – dort sehen Sie die besten Angebote von seriösen Gold-Händlern auf einen Blick. Sie zahlen zwar dann einen kleinen Aufpreis für die Versandkosten. Trotzdem fahren Sie wahrscheinlich besser.

 
 
Bildquelle: Daniel Nimmervoll - Fotolia

Autor:

Heiko Seibel

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