von Rolf Morrien

Benetton: Schnauze voll von der Börse

Benetton: Schnauze voll von der Börse

Der deutsche Leitindex DAX hat heute ein neues 6-Monats-Hoch erreicht. Der Index stieg um 0,59% auf 6.655 Punkte.

Das billige Geld der Notenbanken treibt die Investoren weiterhin in Anlageklassen mit hohen Rendite-Aussichten.

Der Wind hat sich an der Börse kurzfristig gedreht: Rendite ist wieder wichtiger als Sicherheit.

Schnäppchenjagd in Italien

An den Märkten gibt es viele Risiken. Im Börsenjahr 2011 wurden jedoch einige Risiken zu stark betont. Ein gutes Beispiel ist der Aktienmarkt in Italien. Der Leitindex MIB stürzte von 23.000 auf 13.000 Punkte ab.

Der Markt in Italien wurde gleich doppelt in die Zange genommen: Die Konjunkturabschwächung und die Staatsschuldenkrise drückten die Kurse nach unten.

Zeitweise wurden italienische Aktien im Durchschnitt nur noch mit 60% des Buchwertes bewertet (Buchwert = Vermögen abzüglich der Schulden).

Wenn ein Unternehmen Verluste erwirtschaftet, ist es normal, dass der Börsenwert unter dem Buchwert notiert, da Vermögen vernichtet wird. Wenn aber der Gesamtmarkt in Sippenhaft genommen wird und 40% unter dem Substanzwert notiert, ist das ein Zeichen für blinde Verkaufspanik.

Die Schnäppchenjäger nutzen jetzt diese Sonderangebote im Winterschlussverkauf. In der Modebranche geht es los.

Familie Benetton will alle Aktien zurück

Die italienische Modemarke Benetton war über mehrere Jahrzehnte sehr angesagt. Seit Ausbruch der Finanzkrise läuft es aber nicht mehr rund. Jetzt rächt sich, dass sich Benetton auf den europäischen Markt konzentriert hat.

Seit 2008 hat sich der Nettogewinn halbiert und lag nach ersten Vorabzahlen 2011 nur noch bei rund 70 Mio. Euro. Daher wäre eine Kurshalbierung der Benetton-Aktie von 15 auf etwa 7,5 Euro an der Börse auch angemessen gewesen. Inklusive Risikoabschlag hätte man kurzfristig auch ein Kursniveau von 6 Euro rechtfertigen können.

In der Realität ist der Kurs von 15 auf 2,72 Euro abgestürzt. Ein solcher Aktienkurs ist eine Beleidigung für den Großaktionär. Die Gründerfamilie Benetton, die noch immer rund 67% der Aktien hält, hat jetzt, derbe formuliert, die Schnauze voll von der unberechenbaren Börse.

Nach Vorlage der Zahlen für das Geschäftsjahr 2011 folgte die Ankündigung, dass die Familie ein Übernahmeangebot plant. Die Benetton-Aktie wurde vom Handel ausgesetzt. Gestern abend wurde bekannt: Die Familie will auf 100% aufstocken und bietet den freien Aktionären 4,60 Euro je Aktie. 

Hintergründe noch unklar

Der Kurs der Benetton-Aktie legte heute nach der Wiederaufnahme des Handels an der Heimatbörse Mailand um 17% auf 4,74 Euro zu.

Aktuell notiert der Kurs nur knapp über dem angekündigten Übernahmeangebot. Das spiegelt die Unsicherheit wider. Die Investoren grübeln, ob die Familie Benetton nur taktische Spielchen treibt, um den Kurs nach oben zu jagen, oder ob tatsächlich alle Aktien eingesammelt werden sollen.

Eine dritte Variante: Angeblich soll der spanische Modekonzern Inditex ein Auge auf Benetton geworfen haben. Mit dem Übernahmeangebot sammelt die Familie Benetton jetzt Aktien ein und verhindert, dass Inditex größere Pakete kaufen kann.

Sollte Benetton auf 100% kommen und Inditex tatsächlich Interesse haben, könnte Benetton die Aktien im Gesamtpaket mit einem hohen Aufpreis verkaufen.

Das Übernahmeangebot eröffnet der Gründerfamilie viele Optionen bei Benetton. Der übertriebene Kursrückschlag wurde taktisch sehr gut und schnell ausgenutzt.

Der Deal rechnet sich

Auf den ersten Blick ist es erstaunlich, dass gleich mehrere Banken bereit sind, den Deal zu finanzieren. Die Familie Benetton braucht über 200 Mio. Euro, wenn alle Aktien eingesammelt werden sollen. Eine solche Transaktion passt nicht zur angeblichen Kreditklemme in Italien.

Doch die Rechnung geht relativ einfach auf. Selbst im schwachen Geschäftsjahr 2011 hat das Unternehmen Benetton die Finanzreserven kräftig ausgebaut. Die Netto-Cash-Position stieg von 486 auf 550 Mio. Euro.

Das heißt: Wenn die Familie Benetton die fehlenden Aktien für 200 Mio. Euro einsammelt, erhält sie anschließend den Zugriff auf 550 Mio. Euro. Ein schönes Geschäft. Einen solchen Deal würde ich als Bank auch finanzieren.

 
 
Bildquelle: forestpath - Fotolia

Autor:

Rolf Morrien

Rolf Morrien spricht auch unangenehme Wahrheiten aus, findet jedoch immer die passende Antwort, egal in welcher Börsenphase. Lesen Sie seinen Newsletter gratis: Morrien's Schlussgong