In wenigen Stunden fliege ich von Chicago nach Omaha. Morgen beginnt dort das „Woodstock der Kapitalisten“. Ein Feiertag für die Taxifahrer, Restaurant- und Hotelmanager in Omaha. Auch in diesem Jahr pilgern wieder über 30.000 Berkshire-Aktionäre zur Hauptversammlung, um den Worten von Warren Buffett und Charlie Munger zu lauschen.
Wie schon seit Jahrzehnten wird die gefühlte Kleinstadt Omaha, die zwar Metropole des US-Bundesstaates Nebraska ist, aber auf Besucher wie eine mittelgroße Kreisstadt wirkt, auch im Jahr 2011 für ein Wochenende zum Zentrum der internationalen Finanzwelt.
Wie immer bilden sich schon in der Nacht erste Schlangen vor den Eingangstüren des Qwest-Centers in Omaha. Um 7 Uhr werden die Türen geöffnet, eine Stunde später sind die rund 20.000 Plätze in der Sportarena besetzt. Die Nachrücker werden auf kleinere Hallen und Räume verteilt, die mit Großleinwänden ausgestattet sind. Wenn Warren Buffett und sein Partner Charlie Munger um 9:30 Uhr die Bühne der Arena betreten, beginnt die große Show.
15 Minuten Hauptversammlung – 5 Stunden Fragen und Antworten
Die formale Hauptversammlung dauert nur etwa 15 Minuten und interessiert die Zuschauer herzlich wenig. Viel spannender und in dieser Form einzigartig ist das „Rahmenprogramm“: Buffett und Munger sitzen, bewaffnet mit mehreren Dosen Cola und riesigen Pralinenschachteln, mit nur 2 Stühlen und einem Tisch ausgestattet auf der Bühne und beantworten 5 Stunden lang die Fragen der Aktionäre.
Die Fragerunde wird von einigen Journalisten per Internet Wort für Wort live in die ganze Welt übertragen. Die Fragen können jedoch nicht mehr wie früher üblich spontan in der Arena gestellt werden. Die große Masse der Fragen muss vorab schriftlich eingereicht werden und wird dann von einer Gruppe unabhängiger Finanzjournalisten gefiltert und in der Halle vorgelesen. In der Halle selbst können dann nur relativ wenige Aktionäre spontane Fragen stellen.
Dass die „Spielregeln“ der Fragerunde geändert wurden, zeigt 2 Dinge: Warren Buffett ist 80 Jahre alt, sein Partner Charlie Munger hat den runden Geburtstag bereits weit hinter sich gelassen. Es ist offensichtlich, dass beide keine Lust mehr auf „nervende“, „störende“ oder „unpassende“ Fragen hatten.
Zum anderen wollen Buffett und Munger auch eine gewisse Kontrolle haben, damit die Fragerunde nicht in eine bestimmte Richtung dreht. Daher bin ich sehr gespannt, ob ein Name morgen in der Fragerunde dennoch auftaucht: David Sokol.
Der Kronprinz wurde gestürzt – Erste Klagen laufen
David Sokol war viele Jahre lang ein Spitzenmanager im Berkshire-Imperium. Zuletzt hatte er den Energiekonzern Mid American und den Flugzeugverleiher Netjets geleitet. Der 54-Jährige galt als Kronprinz der Börsenlegende Warren Buffett. Ein einziger Fehltritt führte zum Sturz. Sokol hat Berkshire (angeblich) freiwillig verlassen.
Und darum geht es im aktuellen Skandal: Sokol war vom amerikanischen Schmierstoffhersteller Lubrizol begeistert und präsentierte Buffett das Unternehmen als Übernahme-Ziel. Buffett schnappte zu und kaufte Lubrizol für rund 9 Mrd. Dollar. Der Aktienkurs sprang knapp 30% in die Höhe.
Buffett wusste nach eigenen Angaben, dass auch Sokol Lubrizol-Aktien besaß. Nach dem Kauf kamen plötzlich einige unangenehme Details ans Tageslicht: Sokol war erst wenige Wochen vorher eingestiegen, hat dann aber gleich richtig zugeschlagen und rund 10 Mio. Dollar investiert. Die Übernahme mit dem 30%-Anstieg brachte Sokol nach ersten Angaben einen üppigen Gewinn in Höhe von 3 Mio. Dollar.
Die Tatsache, dass Sokol erst kurz vorher gekauft hat, eine große Summe investiert hat und das Unternehmen direkt danach Buffett als Übernahme-Kandidat präsentierte, liegt scharf an der Grenze. Erste Klagen und Untersuchungen laufen: Handelt es sich um einen Insider-Skandal oder wurde Sokol – so seine Verteidigung – davon überrascht, dass Buffett die Übernahme-Idee akzeptierte und dann auch noch so schnell ein Angebot vorlegte?
Ein Schatten fällt auch auf Warren Buffett
Der Investor Mason Kirby ist überzeugt, dass Buffett und Sokol unter einer Decke stecken und hat Klage eingereicht. Buffett macht in dieser Geschichte bisher in der Tat keine gute Figur. In einer ersten Stellungnahme hat er den Skandal als harmlos bezeichnet und Sokol sogar noch in Schutz genommen. Die Welle war aber nicht mehr aufzuhalten. Und plötzlich interessiert sich auch die Börsenaufsicht für die Insider-Geschichte.
Diese Entwicklung wurde Buffett zu heiß. Berkshire veröffentlichte eine Erklärung mit der Kernaussage, dass der Prüfungsausschuss des Unternehmens den Sachverhalt untersucht habe und zu dem Ergebnis gekommen sei, dass Sokol Firmenstandards verletzt habe. Nicht ganz überraschend: Der Prüfungsausschuss wirft Buffett kein Fehlversagen vor. Er sei von Sokol nicht ausreichend informiert worden.
Dieser „Freibrief“ kann nicht ganz überzeugen. Wenn Sokol schon vorab berichtet hat, dass er Lubrizol-Aktien besitzt, hätte der Börsen-Profi Buffett genauer nachfragen müssen. Wahrscheinlich hatte Buffett kein Problem damit, dass Sokol mit dem Investment einen kleinen „Zusatzgewinn“ verdient. An der Wall Street mag ein solcher Deal üblich sein, Buffett legt dagegen größten Wert auf ethische Anlage-Regeln. Im Fall Sokol hat Buffett versagt.
Berkshire hat schon angekündigt, dass Buffett und Munger auf der Hauptversammlung nicht viel zum Fall Sokol sagen können – es handelt sich um laufende Ermittlungen. Aber ganz ohne Sokol-Kommentar wird Buffett die Arena morgen nicht verlassen können.



