Vor Wochen kündigte ich an dieser Stelle ein "Beben" an. Das Wort war hart gewählt, aber - es trifft leider zu. Die Börse erweckt den Eindruck, als gäbe es einen "Crash". Dies sehe ich noch nicht so, aber die Panik hat bereits 8 Billionen Dollar Börsenkapital vernichtet. Es gibt gute Gründe dafür. Und es gibt gute Gründe für Sie, der Panik nicht zu trauen. Sie wird vorübergehen und Sieger von den Verlierern trennen.
Crash an den Börsen? Ausverkauf sieht anders aus
Ich wehre mich hartnäckig dagegen, die fallenden Kurse als "Crash" zu bezeichnen. Crash steht für einen Zusammenbruch. Noch aber fallen die Börsen - auch nicht die Aktienbörsen - in sich zusammen. Es gibt weiterhin Käufer, die sich auf Schnäppchenjagd begeben und jetzt günstig Aktien einsammeln. Denen müssen Sie Ihre Bestände derzeit nicht(!) in den Rachen werfen.
Allerdings erleben wir eine ausgewachsene Panik. Dieser Begriff beschreibt, dass und wie viele Investoren ohne Orientierung derzeit handeln oder handeln müssen. Sie verkaufen aus den Beständen heraus, um weitere Verluste zu vermeiden. Das liegt an einem Missverständnis:
Es sieht so aus, als würde die Krise der Staaten die Aktienbörsen bestimmen müssen. Das ist falsch. Sie haben hier zwei Welten vor sich. Die Staaten verschulden sich ohne Chance auf eine vernünftige Lösung.
Auf der anderen Seite stehen die Unternehmen, die an den Börsen notiert sind. Aktiengesellschaften, die Gewinne erwirtschaften. Gewinne, die oft ohne jeden staatlichen Einfluss noch höher ausfallen würden. Das heißt: wir erleben zur Zeit vor allem eine Krise der Staatsfinanzen und nicht die Krise der Unternehmen. Trotzdem fallen die Aktienkurse. Das ist Panik.
Jetzt sind 8 Billionen US-Dollar aus den Büchern verschwunden
Wenn Sie die Marktkapitalisierung zugrundelegen - dies ist die Aktien * Börsenkurse - dann sind weltweit inzwischen 8 Billionen US-Dollar nicht mehr vorhanden. Allerdings ist der Verlust nicht "real". Dies sind reine Buchverluste. Der Unterschied ist wichtig:
Die Aktienbestände in Fonds, Versicherungen, Banken und bei privaten Investoren können Sie zum jeweils aktuellen Börsenkurs bewerten. So kommen Sie zum Buch"bestand" oder -"verlust", wie es hier heißt. Die meisten Bestände jedoch haben die jeweiligen Investoren langfristig angelegt. Das wiederum bedeutet: Die Bewertung zum jeweils gültigen Einzel-Aktienkurs ist an sich nicht zulässig.
Ebensowenig ist es korrekt, sämtliche Buchbestände zu den alten Höchstkursen zu bewerten. Der einzelne Handelskurs kann nicht über 99,5% aller anderen Aktienkurse bestimmen. Daher sind die aktuellen Meldungen zu Verlusten und Gewinnen genau betrachtet falsch - und verstärken die Panik nur noch.
14,8% verschwunden
Die Relation allerdings zwischen den Höchstkursen und den aktuellen Kursen ist richtig. 20% Verlust gab es weltweit inzwischen. Die Zahl kann ich ohne weiteres über alle Weltbörsen hinweg behaupten. Bloomberg etwa zählt "alle Aktien" und bewertet diese zu den Börsenkursen.
Heraus kam am 2.5.2011 ein Bestand in Höhe von 56,054720 Billionen US-Dollar Börsenwert. Dies ist der höchste Bestand seit Mai 2008 gewesen. Aktuell liegt die Zahl bei 47,757891 Billionen US-Dollar. Dies sind 14,8% weniger als zu diesem Höchststand. Wie gesagt: die Relation können Sie messen, da für beide Zahlen dieselben Einschränkungen gelten.
Gewaltig, aber nur eine Panikreaktion auf die Staatsschulden. Wenn Sie die Auswirkungen auf die Konjunktur und damit möglicherweise Ihr eigenes Unternehmen oder auf die kommenden Gewinne und damit Börsenkurse abschätzen wollen, lohnt sich der Blick auf einzelne Staaten.
Börsen"verluste" in Bezug auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP): die Effekte
Hierbei geht es darum, die Buchverluste, von denen ich oben sprach, im Verhältnis zum Wirtschaftswachstum zu bewerten. Warum? Ich unterstelle, dass viele Investoren sich von der schlechten Stimmung anstecken lassen und entweder als Unternehmer weniger investieren oder als Konsumenten auch weniger konsumieren.
Wie hoch die "gefühlten" Verluste sind, ermessen Sie daher an diesen Kennzahlen:
- Die USA haben 20,1% vom BIP verloren.
- Brasilien hat 16,15 vom BIP verloren.
- Griechenland hat 5,4% vom BIP verloren (lediglich).
- Portugal hat 8,7% vom BIP verloren.
- Italien hat 9,1% vom BIP verloren.
- Frankreich hat 16,9% vom BIP verloren.
- Spanien hat 10,9% vom BIP verloren.
- China hat 4,7% vom BIP verloren.
Diese Zahlen sagen einiges aus: gerade die Krisenländer haben bezogen auf ihre Wirtschaftsleistung kaum noch Geld an den Aktienbörsen eingebüßt. Dies zeigt, wie tief die Börsen bereits stehen. Denn: die Wirtschaftsleistung selbst ist in den meisten Fällen ebenfalls sehr bescheiden.
Umgekehrt jedoch sind die Zahlen teilweise auch ein Alarmsignal: Es gibt noch reichlich Potenzial in anderen Krisenländern. Dies sind Frankreich, USA und sogar Brasilien.
Neue Krisenstaaten in dieser Woche: Frankreich und Brasilien
Gerade die beiden letztgenannten Frankreich und Brasilien sind daher in dieser Woche die großen Verlierer. Deren Wirtschaftswachstum ist vergleichsweise (noch) hoch, die Börsenverluste allerdings waren ebenfalls hoch. Damit wird sich genau in diesen Volkswirtschaften zumindest das Konjunkturklima verschlechtern. Wie oben gesagt: Die Sieger und die Verlierer trennen sich - auch in dieser Woche.
In Frankreich haben Sie die schlechte Stimmung schon vor wenigen Tagen spüren können. Die Franzosen haben in diesen Tagen bereits Probleme mit den Rating-Agenturen. Diese stufen die Franzosen im Ausblick schlechter ein als bis dato.
Noch senken die Agenturen das Top-Rating von "AAA" nicht, dies wird jedoch eine Frage von wenigen Wochen oder gar Tagen sein. Spätestens dann aber schließt sich der Kreis, den ich hier ziehe: Frankreich wird zum nächsten Problemfall. Dann wird sich auch die Panik fortsetzen.
Panik bleibt: Aktien sind trotzdem attraktiv
Daher ist dieser Rückblick auch ein Ausblick. Oben kündigte ich an, dass sich die Sieger von den Verlierern trennen werden. Frankreich wird zu den Verlierern dieser Tage gehören. Dies betrifft dort sowohl den Staat als auch viele einzelne Unternehmen, die von maroden Banken abhängen. Achtung: Gerade die vergleichsweise hohen Börsenverluste werden Frankreich weiter in Schwierigkeiten stürzen. Schon jetzt steigt die Arbeitslosigkeit.
Das Wirtschaftswachstum lässt ebenso nach. Sinkt jetzt die (Konsum-)stimmung, wird dies anders als in Deutschland auch die Unternehmen treffen - und damit auch die Aktienbörsen.
Meine Empfehlung bezüglich Frankreich lautet daher: rechnen Sie dort nicht nur mit weiter sinkenden Anleihen-Kursen, sondern auch mit sinkenden Aktien-Kursen. Die Spreu trennt sich jetzt vom Weizen.
Börsenverluste in Deutschland: hoch, aber kein Crash
Die Börsenverluste in Deutschland bewerte ich dagegen anders, also auch die Verluste, die Sie mit deutschen Unternehmen in der vergangenen Woche hinnehmen mussten. Wir haben -11,8% bezogen auf das Wirtschaftswachstum verloren.
Dies drückt die Konsum- und Investitionsstimmung immer noch nicht. Solange aber zumindest die Konjunktur in Deutschland noch floriert, sehe ich für einen Großteil der deutschen Aktien keinen Grund, die Panik mitzumachen und zu verkaufen. Denn:
Viele der deutschen Unternehmen verdienen in Deutschland und Europa insgesamt noch prächtig. Die bezogen auf das BIP geringen Börsenverluste bestätigen mich. Anleger scheinen dies ähnlich zu sehen:
Online-Broker meldeten jüngst, die Kauf- und Verkaufsorder bei ihnen würden sich fast die Waage halten. Es gibt in Deutschland trotz der Panik-Stimmung daher immer noch deutlich mehr Hoffnung als an vielen anderen Märkten. So lange es keinen Crash gibt, empfehle ich - auch in der Panik - daher Aktien als Sachwerte weiter. Der Vorteil einer Panik: diese geht vorüber. Für deutsche Aktien rechne ich noch in der nächsten Zeit mit einer Erholung.
Ich fasse für Sie die turbulenten Ereignisse und Ergebnisse noch einmal zusammen:
- Die Börsenverluste sind zwar hoch, betreffen aber zumeist Buchbestände, die nicht real sind.
- Buchverluste dieser Art drücken die Stimmung, deshalb lohnt der Vergleich zur Konjunktur.
- In diesem Vergleich schneiden deutsche Aktien gut ab. Verglichen mit der Wirtschaftsleistung verloren deutsche Aktien deutlich weniger als die Titel in anderen Ländern (-11,8%).
- Daher setze ich in ausgesuchten Ländern (außerhalb der Dollar-Zone) auf eine Erholung und nicht auf einen Crash.
Für Ihre langfristige Vorsorge ist die Situation daher deutlich besser als es zunächst aussieht. Nutzen Sie die Panik sogar aus, um einzelne Schnäppchen zu kaufen. Auch am Ende einer aufregenden Woche können Sie somit noch entspannt bleiben.
PS: Der Crash in Deutschland wird ausbleiben - in den USA dagegen rechne ich mit weiteren Turbulenzen. Investieren Sie in "unsere" Substanzwerte. Empfehlungen dazu finden Sie etwa im "Deutschen Wirtschaftsbrief" von Dr. Erhard Liemen.



