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Das Fair-Value-Prinzip kritisch betrachtet

Das Fair-Value-Prinzip ist ein bedeutender Baustein bei den Standards und Vorschriften zur internationalen Rechnungslegung.

Vermögenswerte und Verbindlichkeiten werden auf diese Weise bewertet und halten mit dem ermittelten Wert Einzug in die Bilanzen von Unternehmen.

Diese Standards werden in vielen Ländern der Welt angewendet und sollen die internationale Vergleichbarkeit sowie die Transparenz fördern.

Man bedient sich hierbei eines komplexen, 3-stufigen Verfahrens, mit dessen Hilfe der faire und wahre Zeitwert eines Finanzinstruments errechnet werden soll.

Mehr zum Thema: Fair-Value-Hierarchie – Bewertungsverfahren in 3 Stufen

In einer globalisierten Welt hat diese Vorgehensweise zweifelsohne große Vorteile. Doch ein Blick in die jüngere Vergangenheit zeigt auch, dass dieses Verfahren nicht unfehlbar ist und sogar Risiken birgt.

Fair-Value-Prinzip: Entwicklung

Die Rechnungslegung ist in einem steten Wandel und die diesbezüglichen Standards und Vorschriften sind es dementsprechend auch.

In Deutschland äußerte sich dies primär durch eine Abkehr vom sogenannten Anschaffungskostenprinzip, welches im Handelsgesetzbuch verankert ist und deutlich gläubigerschutzorientiert war.

Statt der fortgeführten Anschaffungskosten rückte nun der Fair Value, also der beizulegende Zeitwert, in den Mittelpunkt der entsprechenden Bewertungen.

Das Ziel ist es, einen Betrag zu ermitteln, für den ein Finanzinstrument zum jeweiligen Stichtag zwischen sachverständigen, vertragswilligen und voneinander unabhängigen Vertragspartnern transferiert werden könnte.

Die Festlegung des Fair Value kann also beispielsweise mithilfe der Börsennotierung eines Vermögenswertes erfolgen. Aber gerade diese Art der Bewertung bringt Risiken in sich.

Fair-Value-Prinzip: in der Finanzkrise gelockert

Werden beobachtbare Marktpreise zur Bewertung von Finanzinstrumenten hinzugezogen, so kann sich das – je nach Situation an den Märkten – positiv oder negativ auf den Jahresabschluss eines Konzerns auswirken.

Verfügt ein Unternehmen beispielsweise über große Vermögenswerte mit Börsennotierung, so wirkt sich dies bei hohen Kursen entsprechend positiv auf die Bilanzen aus.

Negativ sind die Folgen, wenn die Kurse einbrechen und die Finanzanlagen der betreffenden Unternehmen an Wert verlieren.

In der Finanzkrise um das Jahr 2008 hatte die EU deshalb die Bilanzierungsregeln gelockert. Banken waren somit in der Lage, bestimmte Papiere nicht mehr zu aktuellen Marktpreisen zu bewerten.

Stattdessen war es möglich, eine Bewertung anhand der fortgeführten Anschaffungskosten vorzunehmen. Die Expertenmeinungen zu einer solchen Lockerung des Fair-Value-Prinzips sind jedoch sehr unterschiedlich.

Zeitwert versus innerer Wert – das Dilemma des Fair Value

Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass von der Fair-Value-Berechnung mithilfe des Zeitwerts auch die Eigenkapitalquote einer Bank zusammenhängt.

Mehr zum Thema: Bilanzkennzahlen: Eigenkapitalquote wichtiger denn je

Von der Eigenkapitalquote einer Bank hängt wiederum ab, in welchem Ausmaß sie Kredite vergeben kann. Bei einem sinkenden Zeitwert der Vermögenswerte sinkt also auch der Spielraum der Kreditvergabe.

Vergeben Banken jedoch weniger Kredite, werden die Märkte illiquider und eine Abwärtsspirale wird ausgelöst. Am Ende sind es die Banken selbst, die Geld brauchen.

Kritiker dieser Zeitwert-Berechnung merken an, dass der innere Wert gewisser Finanzinstrumente weit höher sei als der an den Märkten notierte und erkennbare Wert.

Somit werden die zwei Positionen deutlich: Auf der einen Seite gibt es die strikten Befürworter des Fair-Value-Prinzips, welche sich ausschließlich an dem aktuell erzielbaren Preis von Vermögenswerten orientieren wollen.

Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die auch den inneren Wert oder den Anschaffungswert von Vermögensbeständen berücksichtigen wollen, um eine Abwärtsspirale wie in der Finanzkrise zu vermeiden.

Einig ist man sich indes, dass das Fair-Value-Prinzip nicht der Auslöser der Krise war. Dass es zur Verschlimmerung der Situation beigetragen hat, kann jedoch nicht ausgeschlossen werden.

Gerade die Auflockerung der Bilanzvorschriften in der Krise kann zu einer falschen Einschätzung seitens der Investoren führen. Der für alle Interessen optimale Weg scheint also noch nicht gefunden worden zu sein.

11. Juni 2013

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Sebastian Grünewald. Über den Autor

Sebastian Grünewald ist freier Autor und Redakteur mit mehrjähriger Erfahrung. Er vermittelt einer breiten Leserschaft ökonomische Zusammenhänge und Themenfelder wie private Vorsorge und Geldanlage mit einfachen Worten.