Der deutsche Leitindex DAX konnte heute schon wieder kräftig zulegen, obwohl die Nachrichtenlage nicht positiv war.
Die Verhandlungen über die griechische Umschuldung stocken und die Rating-Agentur S&P hat erneut zugeschlagen.
Wie im Schlussgong bereits angedeutet, hat jetzt auch der europäische Rettungsfonds EFSF die Bestnote AAA verloren. Das war ein logischer Schritt, da mit Frankreich und Österreich 2 System-Stützen vor wenigen Tagen ebenfalls die Rating-Note AAA verloren haben.
Daher haben die Investoren die aktuelle Nachricht weitgehend ignoriert. Der Rettungsfonds hat heute am Kapitalmarkt 1,5 Mrd. Euro aufgenommen und musste dafür nur 0,27% Zinsen zahlen. Das ist ein gutes Ergebnis (wobei man natürlich nie wissen kann, ob die Notenbanken stützend eingegriffen haben).
Rating-Agenturen nutzen sich ab
Die vielen Abstufungen der Rating-Agenturen haben einen Vorteil: Je mehr Meldungen verschickt werden, desto geringer ist die Wirkung. Allerdings wird uns das Thema (leider) weiterhin beschäftigen.
Erfahrungsgemäß ist es so, dass die Herabstufung eines Landes fast automatisch eine Kettenreaktion auslöst. In den Folgewochen werden die Unternehmen mit Staatseinfluss und die Banken des Landes untersucht (und ebenfalls nach unten gestuft).
Das heißt: Rechnen Sie damit, dass in den nächsten Wochen serienweise Banken aus Frankreich, Italien, Spanien und den anderen 6 Ländern, die am Freitag herabgestuft wurden, eine schlechtere Rating-Note erhalten. Das ist Stoff für sehr viele Rating-Meldungen. Das ist eine Art Dauerwerbung von S&P, um im Gespräch zu bleiben.
Deutschland profitiert von den Mini-Zinsen
Die allgemeine Krisenstimmung und die Abstufungen der anderen EU-Partner führen dazu, dass sich Deutschland am Kapitalmarkt immer günstiger refinanzieren kann.
Bisheriger Höhepunkt war die Versteigerung von Bundespapieren mit einer Laufzeit von 6 Monaten. Die Anleger haben Deutschland sogar dafür bezahlt, Kapital in deutschen Schuldverschreibungen parken zu dürfen.
Obwohl der deutsche Schuldenberg im Jahr 2011 weiter gewachsen ist, musste der Finanzminister weniger Geld für Zinsen ausgeben als noch im Vorjahr. Das wird sich 2012 wahrscheinlich wiederholen.
Diese Entwicklung erklärt aber auch, warum einige EU-Partner langsam wütend werden. Einige Länder müssen immer mehr Zinsen bieten, andere dagegen immer weniger. Und das, obwohl Deutschland keine solide Haushaltspolitik betreibt.
Deutschland profitiert nur davon, dass die Lage nicht ganz so schlecht ist wie in anderen Ländern. Die Sichtweise: Deutschland bringt keine Opfer und trotzdem sinkt die finanzielle Belastung.
Von diesem Krisengewinn möchten auch die anderen EU-Länder profitieren. Daher wird immer lauter gefordert, dass Deutschland den Zinsgewinn wieder abgibt und andere Länder unterstützt.
Aus der deutschen Sicht ist das eine merkwürdige Forderung, aber wer in Italien oder Griechenland eine Rentenkürzung hinnehmen muss, bewertet diese Frage anders. Auch das ist verständlich.
Bevölkerung stimmt mit den Füßen ab
Für die hoch verschuldeten Länder kommt es aber noch schlimmer: Sie müssen nicht nur höhere Zinsen zahlen, sie verlieren auch noch junge und dynamische Leistungsträger. Eine kleine Völkerwanderung ist in Sicht.
Im Jahr 2011 ist die deutsche Bevölkerung überraschend gewachsen. Nach ersten Schätzungen lebten Ende 2011 rund 81,8 Mio. Menschen in Deutschland. Das sind gut 50.000 mehr als im Vorjahr. Und das, obwohl die Geburtenraten weiterhin viel zu niedrig sind und die Sterbefälle nicht ausgleichen können.
Verantwortlich für die steigende Bevölkerungszahl ist der Zuzug aus dem Ausland. Sehr auffällig: Besonders viele Menschen stammen aus den EU-Krisenländern. Aus Griechenland kamen 84% mehr Menschen als im Vorjahr. Bei den Zuwanderern aus Spanien zeigt sich ein Wachstum von fast 50%.
Deutschland kann die oft jungen Zuwanderer dringend gebrauchen, aber die Krisenländer leiden und müssen aufpassen, dass sie nicht doppelt ausbluten. Die Wanderbewegung Richtung Deutschland macht uns bei den Menschen, die in den Krisenländern bleiben, ebenfalls nicht gerade beliebt.
Deutschland kann sich nicht gegen die Mini-Zinsen und den Zuzug wehren, aber dennoch erklären diese Entwicklungen, warum wir aktuell (trotz der finanziellen Hilfen) nicht unbedingt der Lieblingspartner in der EU sind.



