Der EU-Gipfel ist nicht gescheitert. Die Regierungen haben sich mit den Banken auf ein Rettungspaket für Griechenland geeinigt. Die Erleichterung ist riesig, da ein Abbruch der Verhandlungen wahrscheinlich ähnlich schwere Folgen gehabt hätte, wie die Pleite der US-Bank Lehman Brothers im Jahr 2008.
Die großen Tagesgewinner sind die Bank-Aktien, die oft zweistellig zulegen konnten. Es klingt kurios: Die Banken müssen rund 100 Mrd. Euro abschreiben und werden dafür an der Börse gefeiert.
Die Banken müssen sich frisches Kapital besorgen
Die Verhandlungen zwischen den EU-Regierungen und den Banken haben 2 große Ergebnisse gebracht: Zum einen akzeptieren die Banken einen Schuldenschnitt von 50% bei den griechischen Staatsanleihen.
Zum anderen müssen sich die Banken frisches Kapital besorgen und die Kernkapitalquote bis zum 30. Juni 2012 auf 9% erhöhen. Erste Untersuchungen zeigen, dass die betroffenen europäischen Banken rund 106 Mrd. Euro benötigen, um diese verschärfte Quote zu erreichen.
Die griechischen Banken haben naturgemäß die meisten griechischen Staatsanleihen im Portfolio. Nach dem Verzicht auf 50% der Rückzahlungssumme sind fast alle griechischen Großbanken faktisch bankrott. Um eine Kernschmelze im griechischen Bankensektor zu verhindern, werden in einem ersten Schritt 30 Mrd. Euro in die griechische Bankenbranche gepumpt.
Zweitgrößter Verlierer sind die spanischen Banken, die rund 26 Mrd. Euro benötigen. Angesichts der angeschlagenen Lage der spanischen Wirtschaft kein leichtes Unterfangen. Italienische Banken benötigen 15 Mrd. Euro, französische Banken 9 Mrd. Euro.
Die deutschen Banken schneiden in den ersten Untersuchungen relativ gut ab. Der Kapitalbedarf liegt wahrscheinlich nur bei rund 5 Mrd. Euro.
Es hätte noch schlimmer können
Fast jede europäische Großbank muss Kapital einsammeln. Die Kapitalerhöhungen werden den Besitzanteil der Alt-Aktionäre verwässern. Keine schönen Aussichten für die Bank-Aktionäre.
Es gibt aber auch Alternativen zu Kapitalerhöhungen. So können die Gewinne im Unternehmen gehalten werden und die Bilanz stärken. Für die Aktionäre bedeutet das: Die Dividende fällt 2012 ganz oder zu einem großen Teil aus. Auch das ist kein schönes Szenario.
Es stellt sich daher die Frage, warum die Aktienkurse der Banken heute zweistellig steigen. Dafür gibt es mehrere Gründe. So hat der Markt schon lange einen Schuldenschnitt in Griechenland eingepreist. An der Börse wurden viele Anleihen sogar mit 60% Abschlag gehandelt. Ein Schuldenschnitt von 50% ist hart, aber es hätte für die Banken noch schlimmer kommen können.
Hinzu kommt, dass einige Investoren mit großen Summen auf ein Scheitern des EU-Gipfels gewettet haben. Da die Kurse der Bank-Aktien nach der Einigung steigen, müssen sich die Leerverkäufer wieder mit den Aktien eindecken und verstärken so den Aufwärtstrend.
Einige Banken werden trotzdem kippen
Die größte Gefahr für die Banken ist zunächst einmal gebannt. Allerdings wird für einige Banken die Jubelphase schon bald wieder vorbei sein. Bis zum 30. Juni 2012 werden viele Träume platzen.
Auffällig ist, dass heute fast alle Banken den gleichen Rettungsplan vorgestellt haben: Ein Großteil des benötigten Kapitals soll durch Verkäufe von Randsparten und Aktivitäten im Ausland erlöst werden. In Deutschland hat die Commerzbank genau diesen Plan vorgestellt, um die 3 Mrd. Euro, die bis Juni 2012 benötigt werden, einzusammeln.
Das Problem liegt auf der Hand: Wenn knapp 100 europäische Banken fast gleichzeitig bis Juni 2012 Bank-Sparten verkaufen wollen, um die Kasse zu füllen, kann das nicht funktionieren. Wer tritt dann auf der Käuferseite auf und welche Preise werden geboten, wenn der Käufer genau weiß, dass der Verkäufer das Geld bis zum 30. Juni benötigt?
Die amerikanischen Banken haben eigene Probleme. China wird immer wieder genannt, aber die chinesischen Banken werden sich nur die Filetstücke herauspicken. Es bleibt die Hoffnung, dass sich die Finanzinvestoren plötzlich im großen Stil für Bank-Geschäfte interessieren.
Wenn man objektiv das Verhältnis von Angebot und Nachfrage betrachtet, wird sehr schnell klar, dass einige Verkaufspläne platzen werden. Das wird für Negativschlagzeilen sorgen und eine Kapitalerhöhung fast unmöglich machen. Diese Banken werden 2012 kippen und müssen dann in letzter Instanz vom Staat gerettet werden.
Griechenland war nur der Anfang
Mittel- und langfristig sehe ich noch ein weiteres Problem für die Banken: Das Beispiel Griechenland wird Schule machen und Nachahmer anziehen.
Wenn Sie 6 oder 12 Monate zurückblicken, haben sich damals die Banken-Chefs mit Händen und Füßen gegen einen Schuldenschnitt in Griechenland gewehrt. Die Begründung: Wenn ein Schuldenschnitt einmal akzeptiert wird, brechen alle Dämme. Dann wird es Nachahmer geben, die ebenfalls schnell und schmerzlos die Schulden halbieren möchten.
Der nächste Kandidat könnte Portugal sein. Mit welcher Begründung sollte man einen Schuldenschnitt in Griechenland absegnen, aber in Portugal ablehnen?
Bank-Aktien: Nur sehr vorsichtig investieren
Wie oben beschrieben, wurde mit dem Schuldenschnitt in Griechenland nur ein Brandherd gelöscht. Die Lage für die Banken bleibt gefährlich.
Dennoch können Bank-Aktien in den nächsten Wochen stark zulegen. Zum einen, weil sich die Leerverkäufer eindecken müssen, zum anderen, weil viele Charts plötzlich wieder besser aussehen und damit charttechnisch orientierte Investoren anlocken.
2 Empfehlungen, falls Sie Bank-Aktien kaufen möchten: Betrachten Sie diese Aktien nur als kurzfristige Trading-Position und nehmen Sie die Gewinne sofort mit, sobald die ersten Banken bei dem Versuch, Kapital zu beschaffen, scheitern. Investieren Sie auch nur in Banken, die möglichst wenige Anleihen aus Griechenland, Portugal, Spanien oder Italien im Portfolio haben.



