von Rolf Morrien

Die gute Nachricht: EU-Staaten konnten sich nicht einigen

Die gute Nachricht: EU-Staaten konnten sich nicht einigen

Ein erstes Zwischenfazit des EU-Gipfels: Die 27 EU-Staaten konnten sich nicht auf eine gemeinsame Linie einigen.

Die Anleger feierten das und schickten den DAX knapp 2% nach oben.

Am letzten Handelstag der Woche wurde fast wieder die 6.000-Punkte-Marke erreicht.

Auf den ersten Blick ist es paradox, dass die Aktienmärkte zulegen, obwohl es keinen einstimmigen EU-Beschluss gab. Doch das macht Sinn. Der EU-Gipfel hätte zweifach scheitern können.

Die größte Katastrophe (und das Ende der EU und des Euro?) wäre ein offener Streit zwischen den Schwergewichten Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien gewesen. Das konnte vermieden werden.

Die Schwergewichte (und insgesamt 23 der 27 EU-Staaten) marschieren in eine Richtung; nur Großbritannien geht einen anderen Weg.

Die zweitschlechteste Lösung wäre ein wachsweicher Kompromiss gewesen. Eine unverbindliche Absichtserklärung, die Probleme in 10 Jahren zu lösen, hätte alle 27 EU-Staaten vereint, wäre aber nur Müll gewesen. Dann hätte man sich den Gipfel sparen können.

Bis März soll der neue Stabilitätspakt stehen

Der erzielte Kompromiss besagt, dass 23 der 27 Länder einen neuen Stabilitätspakt unterzeichnen. Bis März werden die Details geklärt. Es geht im Detail um gesetzliche Schuldenbremsen und Sanktionen gegen Schuldensünder.

Meine Einschätzung: Am Ende werden mehr als die 23 Länder unterschreiben. Ich kann mir sogar vorstellen, dass der Druck auf die Einzelgänger so groß wird, dass 25 oder 26 der 27 Länder unterschreiben. Nur Großbritannien kommt aus der Einzelgänger-Nummer nicht mehr raus.

Großbritannien lässt sich von der Finanzbranche erpressen

Der britische Premierminister Cameron hat wie ein Löwe gegen die Reformpläne, die von Frankreich und Deutschland ausgearbeitet wurden, gekämpft.

Im Endspurt ging es um einen zentralen Punkt: Cameron wollte um jeden Preis verhindern, dass das Einstimmigkeitsprinzip aufgehoben wird. Konkret bedeutet das: Er hat für ein Veto-Recht gekämpft.

Streitpunkt war die geplante Finanzmarktregulierung durch die EU. Cameron hält herzlich wenig von scharfen Reformen. Die Banker aus London hatten im Vorfeld damit gedroht, nach Asien oder in andere bankenfreundliche Regionen abzuwandern, wenn die Geschäfte zu stark beschnitten werden.

Da Cameron glaubt, dass sein Land von der Finanzbranche abhängig sei (oder aus anderen, nicht ganz so ehrenwerten Gründen), besteht er in dieser Frage auf ein Veto-Recht, damit er im Notfall auch im Alleingang alle Finanzmarktreformen stoppen kann.

An dieser Stelle muss ich ganz klar sagen: Es ist ein Glücksfall, wenn das Einstimmigkeitsprinzip endlich fällt. Zu oft wurde die EU in der Vergangenheit von einzelnen Ländern erpresst. Wenn Cameron die Briten in Europa isolieren will, dann soll er das machen.

Das Freitag-Gerücht: China greift ein

Wie so oft, macht am Freitag kurz vor Börsenschluss noch ein heißes Gerücht die Runde. Heute ging es um China.

Mehrere Medien melden, dass die chinesische Regierung staatliche Fonds mit riesigen Summen ausgestattet hat. Konkret geht es um 300 Mrd. Dollar. Dieses Kapital soll angeblich in Europa und in den USA investiert werden.

Ähnliche Meldungen und Gerüchte gibt es seit Monaten. Ich hatte hier im Schlussgong bereits darüber berichtet, dass es angeblich den größten Rohstoff-Deal aller Zeiten geben soll. China macht den Geldhahn auf, dafür liefern die USA Öl und Gas nach China. Zu verschenken haben die Chinesen nichts.

 
 
Bildquelle: Stefan Körber - Fotolia

Autor:

Rolf Morrien

Rolf Morrien spricht auch unangenehme Wahrheiten aus, findet jedoch immer die passende Antwort, egal in welcher Börsenphase. Lesen Sie seinen Newsletter gratis: Morrien's Schlussgong