Der deutsche Leitindex DAX konnte heute leicht zulegen, schloss jedoch deutlich unter dem Tageshoch.
Durchwachsene Konjunkturdaten aus den USA und das Dauerthema Griechenland belasteten die Stimmung. Ausgerechnet ein deutscher Banker brachte Unruhe in den Markt.
Markt auf Griechenland-Austritt vorbereitet
Für Schlagzeilen sorgte heute Klaus-Peter Müller, Ex-Chef der Commerzbank und aktuell noch der Vorsitzende des Aufsichtsrates. Müller sprach relativ locker über die Griechenland-Probleme.
Müller kann sich vorstellen, dass Griechenland den Euro-Raum verlässt, damit das Land die eigene Währung abwerten kann. Ohne diese Fessel sei Griechenland wieder handlungsfähig.
Aus 2 Gründen sei ein solcher Schritt in der aktuellen Phase denkbar: Zum einen haben die Banken ohnehin schon 70 bis 80% der Griechenland-Anleihen abgeschrieben. Der Restbetrag würde nicht mehr so stark schmerzen.
Zum anderen konnten sich die Märkte jetzt 2 Jahre lang mit dem Gedanken anfreunden, dass einzelne Staaten den Euro-Raum verlassen werden.
Da diese Information bekannt sei, würde der konkrete Schritt wahrscheinlich keine Kettenreaktion auslösen. Die anderen Euro-Staaten würden dadurch nicht unter Druck geraten.
Rolle der Commerzbank unglücklich
Inhaltlich hat Müller in vielen Punkten recht. Aber dennoch war es taktisch unklug, dass ausgerechnet er diese Thesen offen ausspricht.
Speziell die Commerzbank, die Müller über viele Jahre geführt hat, war denkbar schlecht auf die Schuldenkrise vorbereitet. Auch der Commerzbank-Aufsichtsrat hat in der Krise nicht geglänzt.
Es ist schon erstaunlich, dass ein Vertreter einer Bank, die vom Staat gerettet werden musste, jetzt so locker und frei über einen möglichen Totalausfall von Euro-Staatsanleihen und dem Austritt von Staaten aus dem Euro-Raum spricht.
Die ganze Geschichte wäre etwas glaubwürdiger, wenn die Äußerungen von einer Bank gekommen wären, die sich in der Krise besser geschlagen hat.
Wer in höchster Not vom Staat gerettet werden musste, sollte anderen nicht unbedingt Ratschläge erteilen, sondern etwas mehr Bescheidenheit an den Tag legen.
Reinhart ist glaubwürdiger
Wenn man eine aktuelle Bestandaufnahme der Euro-Krise wünscht, gibt es bessere Experten. Sehr empfehlenswert sind die Studien und Bücher der Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff (zusammen haben sie das Buch „Dieses Mal ist alles anders. Acht Jahrhunderte Finanzkrisen“ geschrieben).
In dieser Woche hat Carmen Reinhart ihre aktuelle Einschätzung abgegeben: In Griechenland, Portugal und Irland muss es einen Schuldenschnitt geben. Griechenland wird also kein Einzelfall bleiben.
Aber Reinhard ist durchaus nicht nur negativ gestimmt. Die Euro-Schwergewichte Italien und Spanien werden die Krise laut Reinhart überstehen. Die wirtschaftliche Basis sei besser und im Zweifel wird die Politik diese strategisch wichtigen Länder um jeden Preis verteidigen.
Keine Panik: Weltuntergang nicht in Sicht
Erfrischend an Reinhart und Rogoff ist, dass diese Ökonomen die Welt nicht nur Schwarz oder Weiß sehen. Sie benennen ganz klar die Schwachstellen und zeigen in ihren Studien, ab wann ein Staatsbankrott aus eigener Kraft nicht mehr zu vermeiden ist.
Nach der Diagnose folgt jedoch kein Weltuntergangsgeschwafel. Schuldenkrisen gibt es seit Jahrtausenden. Die Erde dreht sich weiter. Auch die Wirtschaft erholt sich fast immer erstaunlich schnell. Die Menschen in den betroffenen Staaten müssen in der Krise leiden, können aber auf einen Aufschwung setzen.
Die sehr zahlenlastige und trockene Analyse passt nicht zu den blutigen Untergangszenarien in den Medien. Auch Griechenland wird nicht für immer untergehen. Wer das Buch von Reinhart und Rogoff liest, wird die aktuelle Schuldenkrise mit anderen Augen sehen.



