von Rolf Morrien

Elite-Bonds: EU-Spaltung oder Einheit

Elite-Bonds: EU-Spaltung oder Einheit

Die Aktienmärkte spielen weiterhin verrückt und schlagen unkontrolliert nach oben oder unten aus. Heute hat der DAX über 250 Punkte gewonnen.

Auslöser der Kursrally waren gute Konjunkturdaten aus den USA und 2 Gerüchte.

Gerücht 1 lautet, dass die 6 relativ starken EU-Staaten Frankreich, Finnland, Niederlande, Luxemburg, Österreich und Deutschland gemeinsam Elite-Bonds (Staatsanleihen) am Markt platzieren wollen. Das wäre eine neue Waffe im Kampf gegen die Schuldenkrise.

Gerücht 2 besagt, dass der Internationale Währungsfonds (IWF) Italien mit bis zu 600 Mrd. Euro stützen will. Beide Gerüchte wurden von den Beteiligten dementiert.

Damit Sie einen Überblick erhalten, welche Rettungspläne in der aktuellen Schuldenkrise in der Diskussion sind, nenne ich Ihnen heute im Schlussgong die wichtigsten Eckdaten.

Euro-Bonds: Alle haften gemeinsam

Am heißesten diskutiert werden aktuell Euro-Bonds. Das Grundprinzip: Alle Euro-Staaten nehmen gemeinsam am Kapitalmarkt Geld auf. Die Hoffnung ist, dass die Investoren für diese Gemeinschaftsanleihen relativ niedrige Zinsen verlangen, da auch finanziell stabile Staaten mit im Boot sitzen.

Der Nachteil: Da einzelne Länder nicht mehr um Kapital kämpfen müssten, würde schlagartig der Reformdruck sinken. Nach der Euro-Einführung und der Zinsangleichung der EU-Staaten nahm die Schulden-Orgie an Tempo auf. Es droht eine Wiederholung.

Die EZB spielt Retter in großer Not

Einige Politiker und Wirtschaftsforscher setzen auf die Europäische Zentralbank (EZB). Die Notenbank soll im Notfall ohne Obergrenze Staatsanleihen kaufen. So wird ein Anstieg der Zins-Renditen verhindert. Die Hoffnung: Greift die EZB ein, werden auch die Spekulanten vertrieben, die auf Staatspleiten wetten.

Dann könnte sich der Markt für Staatsanleihen schnell erholen. Vorbild ist die US-Notenbank Fed.

Das Risiko liegt auf der Hand: Wenn die Notenbank ohne Limit die Staaten finanziert, ist das der Türöffner für die Inflation oder sogar Hyperinflation. Das ist der Grund, warum die Staatsfinanzierung durch die Notenbank im EU-Vertrag ursprünglich strikt verboten wurde.

Der deutsche Vorschlag: Sparen, sparen, sparen

Bundesregierung und Bundesbank lehnen Euro-Bonds und unbegrenzte Anleihenkäufe der EZB strikt ab. Der deutsche Vorschlag: Die Krisenstaaten sollen sparen, sparen und noch einmal sparen. Wenn der Haushalt ausgeglichen ist, kehrt das Vertrauen der Marktteilnehmer automatisch zurück.

Theoretisch wäre das die perfekte Lösung.

Das große Aber: Viele Krisen-Staaten haben nicht die Zeit, ein ausgewogenes Sparprogramm zu verabschieden und wirken zu lassen. Die Lösungen müssen in den nächsten Wochen und Monaten greifen. Ein zu radikaler Sparplan kann sogar schädlich sein, wenn dadurch die Wirtschaft abgewürgt wird.

Hinzu kommt: Da Deutschland ebenfalls regelmäßig gegen EU-Regeln verstößt, ist die Glaubwürdigkeit der deutschen Politiker nicht ganz so groß.

China muss die Kasse öffnen

Ein weiteres Szenario wird auf EU-Ebene nur ungern öffentlich diskutiert. Der „alte“ Westen muss sich von den aufstrebenden Wirtschaftsnationen helfen lassen. Genannt werden zum Beispiel die 4 BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China.

Genug Geld für riesige Hilfsprogramme wäre vorhanden. China besitzt die größten Devisenreserven der Welt.

Es wäre jedoch naiv zu glauben, dass die aufstrebenden Industrienationen etwas zu verschenken haben. Ein Gerücht hält sich seit Monaten und wirkt nicht völlig unglaubwürdig: Angeblich soll China mit den USA über den größten Rohstoff-Deal aller Zeiten verhandeln.

Die USA liefern über Jahrzehnte Gas und Öl nach China. Im Gegenzug wird mit chinesischen Geldern das größte Infrastruktur-Programm finanziert, das es in den USA je gegeben hat. Dieser Modernisierungsschub würde die US-Wirtschaft ankurbeln und weltweit einen Wachstumsschub auslösen.

Elite-Bonds: Die taktische Wunderwaffe in der Schuldenkrise

Die oben genannten Elite-Bonds der relativ stabilen EU-Staaten sind ein extrem spannendes Thema. Nach der Einführung wären 2 ganz unterschiedliche Wege denkbar:

Zum einen könnten die Elite-Bonds die Spaltung in einen EU-Raum Nord und Süd vorbereiten. Zum anderen ist es auch denkbar, dass die Elite-Bonds nur die Vorstufe der Euro-Bonds sind. Das wäre eine Vertiefung der jetzigen EU-Gemeinschaft.

Ein Instrument, aber 2 völlig unterschiedliche Entwicklungen. Jede Regierung könnte bei der Einführung andere Hintergedanken haben.

 
 
Bildquelle: moonrun - Fotolia

Autor:

Rolf Morrien

Rolf Morrien spricht auch unangenehme Wahrheiten aus, findet jedoch immer die passende Antwort, egal in welcher Börsenphase. Lesen Sie seinen Newsletter gratis: Morrien's Schlussgong