Etikettenschwindel: Darum stecken Mittelstandsanleihen in der Krise

Solide, inhabergeführt, erfolgsorientiert – der deutsche Mittelstand genießt einen guten Ruf, und Anleger sind mit Aktien mittlerer und kleinerer Unternehmen im Mdax oder Sdax oft besser bedient als mit Papieren großer Konzerne.

Vom generellen Image in Sachen Zuverlässigkeit profitierten denn auch die Mittelstandsanleihen. Die Krise, in der die sich seit Längerem befinden, geht zum Teil auf einen unbedachten Vertrauensvorschuss zurück.

Mittelstandsanleihen: Die Krise geht weiter

Das Etikett Mittelstand hat viele dazu verführt, Anleihen zu zeichnen, deren hohe Zinskupons eigentlich ein Warnzeichen hätte sein müssen. Der Mangel an Ertragsmöglichkeiten im Niedrigzinsumfeld tat sein Übriges.

Nach zunehmenden Zahlungsausfällen und Pleiten zeichnete sich 2016 die Krise der Mittelstandsanleihen immer deutlicher ab, die auch im laufenden und im nächsten Jahr Anleger, Anwälte und den Markt beschäftigen wird.

Dann nämlich laufen viele der Anleihen aus, die in der Anfangseuphorie selbst Unternehmen mit Anlegergeld versorgte, das sie unter regulären Konditionen von Banken nicht bekommen hätten. Wirklich solide Firmen hingegen sind eher überkapitalisiert und haben leichten Zugang zu Bankkrediten. Mittelstandsanleihen wiederum nutzen Unternehmen, die dringend Geld benötigen.

Irreführendes Segment als Geschäft

Doch schon der Begriff vermittelt eine irreführende Seriosität und lenkt davon ab, dass die meisten Papiere hochriskant sind. Anders als man auf Anhieb vermuten mag, haben sie mit Firmen aus dem Mdax oder Sdax wenig bis nichts zu tun – im Gegenteil. 2010 wurden diese auf Mittelstandsbonds spezialisierten Börsensegmente geschaffen, um Unternehmen eine Plattform und einen Zugang zum Kapitalmarkt zu geben, die sie an der Börse ansonsten nicht hätten.

Dabei spielten gerade kleinere Banken eine Rolle, die kaum an Emissionen großer Unternehmen kommen. Sie freuten sich über ein neues Geschäft und konnten Mittelstandsanleihen vor allem Privatanlegern verkaufen. Und die griffen in Scharen zu. Bestechend waren die geringe Mindesteinlage von 1.000 € sowie Renditen bis 7% und 8%.

Unberechenbare Kurse und Bonitätsnoten

Doch als sich die ersten Zahlungsausfälle häuften und selbst erfahrene Großanleger etliche Millionen in Firmenpleiten verloren, stellte sich die Frage nach der Berechenbarkeit des Segments, in dem kreative Buchführung und schleppende Informationspolitik nicht selten sind. So sorgen kleine Anleihevolumina und Handelsumsätze für teils heftige Kurssprünge bei den geringsten Anlässen. Die Papiere werden so rasch zum Spielball von Spekulanten und haben mit einem berechenbaren Investment nichts mehr zu tun.

Als Anleger kann man natürlich auf die Bewertungen der Ratingagenturen achten. Doch auf die Noten allein ist kein Verlass. In etlichen Fällen rutschten anfänglich noch gute Benotungen in kurzer Zeit auf ein bedenkliches Niveau ab. Nach einigen Ausfällen schauten die Agenturen offenbar genauer hin. Dabei stellt sich auch heraus, dass Anleihen vielfach nicht ausreichend besichert sind.

Der Markt scheint tot

Die schwarzen Schafe haben die Mittelstandsanleihen in die Krise gestürzt. 2016 waren fast ein Drittel aller Anleihen mit Mängeln behaftet. Das heißt, sie wurden nicht rechtzeitig oder gar nicht bezahlt. Ebenfalls in diese Kategorie gehören Insolvenzen. Von den aktuell ausstehenden Papieren notiert über die Hälfte unter einem Kurs von 100%, was den schlechten Zustand des Segments widerspiegelt.

Neue Anleger sind rar geworden, denn keiner hat Lust, bei einer Pleite als Anleihegläubiger an letzter Stelle zu stehen. Und frische Anleihen werden kaum noch aufgelegt. Der Markt ist eigentlich tot. Schnäppchenjäger sollten auf jeden Fall darauf achten, dass es sich um ein einigermaßen stabiles Unternehmen handelt. Immerhin gibt es auch recht zuverlässige Kandidaten in einem Umfeld, das in Verruf geraten ist.

Wer jedoch Papiere hält, die nicht ordnungsgemäß bedient werden, sollte sich von einem Fachanwalt beraten lassen und sein Kapital in Sicherheit bringen. Die Liste schwarzer Schafe ist bedenklich lang.

26. Januar 2017

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Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.

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