Ein Blick auf den europäischen Aktienindex EuroStoxx 50 zeigt heute ein ungewöhnliches Bild:
Der Index notiert deutlich im Plus (das ist nicht so ungewöhnlich) und auf den Plätzen 1 bis 8 sind ausschließlich Bank- und Versicherungsaktien platziert. Das kleinste Plus liegt bei 5%, die Tagesgewinner liegen sogar zweistellig im Plus.
In Deutschland ergibt sich ein ähnliches Bild. Die Aktien der Commerzbank und der Deutschen Bank liegen einsam an der Spitze. Die Commerzbank ist der Überraschungssieger des Tages. Vorbörslich sah es nicht gut aus für die krisengeschüttelte Bank.
Bankenaufsicht zweifelt an der Commerzbank
Vor Börsenbeginn sorgte die Commerzbank für negative Schlagzeilen. Journalisten der britischen Wirtschaftszeitung Financial Times hatten mit hochrangigen Mitarbeitern der EBA gesprochen. Laut dieser Quelle glaubt die europäische Bankenaufsicht nicht daran, dass die Commerzbank ohne staatliche Hilfe die Lücke in der Bilanz schließen kann.
Inhaltlich kann man diese Befürchtung durchaus teilen, aber das Vorgehen der Behörde ist sehr merkwürdig. Die Bankenaufsicht EBA soll die Zahlen der Banken prüfen und dann ein Urteil fällen.
Die Banken müssen aber erst am Freitag den nationalen Behörden einen Finanzplan übermitteln. Nach der Vorprüfung erhält die EBA anschließend die Zahlen.
Das heißt: Die EBA-Beamten können noch gar nicht wissen, wie die Commerzbank die fehlenden 5,3 Mrd. Euro auftreiben will. Das waren reine Spekulationen. Das ist nicht die Aufgabe von Behörden. Diese unnötigen und unqualifizierten Schätzungen bringen nur Unruhe in den Markt.
Analysten dürfen und sollen sich den Kopf zerbrechen, wie die Banken die Finanzlücken schließen. Die unabhängige Behörde hat andere Aufgaben.
Ziel soll sogar übererfüllt werden
Die Commerzbank-Spitze reagierte auf die Marktgerüchte und veröffentlichte schon heute völlig überraschend erste Eckpunkte: Die Commerzbank will nicht nur die Bilanzlücke in Höhe von 5,3 Mrd. Euro schließen und die Kernkapital-Quote auf 9% steigern, sondern 6,3 Mrd. Euro auftreiben und eine Kernkapital-Quote von 11% schaffen.
Das war ein Paukenschlag am Morgen! Dazu passend sickerte das Gerücht durch, dass die Commerzbank die Problem-Tochter Eurohypo doch nicht bis 2014 verkaufen muss, sondern relativ kapitalschonend abwickeln darf. Kein Wunder, dass der Aktienkurs zweistellig zulegen konnte.
Voraussetzung: Rückenwind im 1. Halbjahr 2012
Die Commerzbank hat mit den positiven Aussagen einen Überraschungs-Coup gelandet. Erreicht die Commerzbank die ehrgeizigen Ziele, braucht sie kein Geld vom Staat und muss auch keine Kapitalerhöhung durchführen. Das schont die Altaktionäre.
Allerdings betonen die Bank-Manager auch, dass das Marktumfeld schwierig sei. Eine Hintertür wird also offen gelassen. Sprudeln die Gewinne im Bankgeschäft im 1. Halbjahr 2012 nicht, muss doch noch frisches Kapital besorgt werden.
Mögliche Schwachstellen
Die größte Überraschung ist, dass die Commerzbank nicht nur 5,3, sondern sogar 6,3 Mrd. Euro auftreiben will. Das könnte allerdings auch ein kleiner Trick sein: Wie verkaufe ich eine schlechte Nachricht möglichst positiv?
Ich habe hier im Schlussgong bereits darauf hingewiesen, dass die Commerzbank noch Leichen im Keller hat. So wurden die Griechenland-Anleihen im Portfolio auf rund 50% des Nominalwertes abgeschrieben.
Es ist aber realistischer, dass die Banken nur etwa 30% des Nominalwertes erhalten. Die Differenz zwischen 50 und 30% muss die Commerzbank dann noch ausgleichen. Die zusätzliche Milliarde ist also wahrscheinlich keine freie Reserve, sondern der dringend notwendige Griechenland-Puffer.
Commerzbank verdient plötzlich wieder prächtig
Interessant sind auch die Gewinn-Angaben. Laut Commerzbank hat die Bank im 4. Quartal 2011 einen Gewinn in Höhe von 1,2 Mrd. Euro erzielt. Angesichts der schwachen Ergebnisse im Branchen-Sektor ist das eine positive Überraschung.
Die Analysten werden aber sehr genau prüfen, ob das Geld im operativen Geschäft verdient wurde, oder ob die Bilanzvorschriften maximal ausgedehnt wurden (das bedeutet in der Regel, dass im Gegenzug höhere Risiken zu befürchten sind).
Weiterhin will die Commerzbank auch im 1. Halbjahr 2012 rund 1,2 Mrd. Euro verdienen. Wenn die Wirtschaft im Euro-Raum im ersten Halbjahr tatsächlich schrumpft, ist auch das ein sportliches Ziel.
Fazit: Der Commerzbank ist heute zum ersten Mal seit Jahren ein positiver Überraschungs-Coup gelungen. Es gibt wieder Hoffnung. Die Zitterpartie geht aber weiter. Abgerechnet wird Ende Juni. Dann müssen die Ziele der europäischen Bankenaufsicht erfüllt werden.



