Bei meiner letzten Analyse des Euro/USD am 9. Januar (der Zeitpunkt wird im Chart durch den senkrechten grünen Balken markiert) lautete meine Einschätzung:
„Die gestrichelte grüne Linie zeichnet den steilen Abwärtstrend nach, der sich inzwischen innerhalb des abwärts gerichteten Trend-Kanals ausgebildet hat. Beide bilden nun einen Keil.
Damit wächst die Wahrscheinlichkeit, dass der Euro/USD nach unten ausbricht. Das würde dann wiederum zusätzliche Abwärtsdynamik mit sich bringen.
Würde der Keil hingegen nach oben verlassen, können Sie ein kräftiges „Durch-Schnaufen“ erwarten: Dann würde eine Erholung bis an die 50-Tagelinie wahrscheinlich. Möglicherweise geht es dann sogar weiter bis an die obere Begrenzung des Trend-Kanals.
Ich favorisiere allerdings die erstgenannte Variante. Jede Annäherung des Euro an die gestrichelte grüne Linie verbessert somit ergibt das Chance-Risiko-Verhältnis für eine Short-Position, da der Stopp etwas oberhalb der Abwärtstrend-Linie platziert werden sollte.“
Nun. Als Börsianer sollten Sie nie eine festgefahrene Meinung zu einer bestimmten Kursentwicklung haben. Überdies ist es eine gute Trader-Eigenschaft, zu überlegen, wo denn das Überraschungspotenzial liegen könnte.
Wo läge das Überraschungspotenzial?
Fakt ist: In den Medien ist die Euro-Krise omnipräsent. Täglich, ja stündlich können Sie hören, sehen und lesen, dass der Euro vor dem Kollaps steht. Ob Bonitätsherabsetzungen, Verhandlungen über einen Schuldenschnitt für Griechenland und deren in Kürze bevorstehende Insolvenz oder nicht ausreichender Rettungsschirm.
Ich werde angesichts solch geballter Negativ-Nachrichten und -Einschätzungen immer skeptisch und schaue mir den Chart noch einmal genauer an.
Und siehe da: Seit meiner letzten Analyse hat der Euro zwar ein neues Tief markiert, doch dieses Tief wurde weder vom Momentum noch vom Relative Stärke Index (RSI) (gelber Kreis) bestätigt. Sie notierten zu diesem Zeitpunkt beide höher als beim vorhergehenden Zwischentief.
Eine solche Konstellation bezeichnen wir in der Charttechnik als Divergenz, als Abweichung. Eine solche Divergenz senkt die Wahrscheinlichkeit für einen Absturz. Hinzu kommt, dass der Euro/USD inzwischen massiv überverkauft ist.
Hinzu kommt, dass beide Indikatoren aktuell an der Abwärtstrend-Linie notieren (roter und gelber Kreis). Ein Trend-Bruch würde ein Kaufsignal generieren.
Vermutlich kommt alles anders
Ich halte daher nun sogar folgende Szenarien für möglich:
Der Euro taucht noch einmal kurz auf ein neues Zwischentief ab. Meine Analysen haben hierfür eine Zielzone von 1,2599 bis 1,2480 ausgemacht. Möglicherweise (oder idealerweise) mit einem schnellen, dynamischen Abverkauf.
Wenn dies so kommt, wären derart viele Bären auf dem Plan, dass eine scharfe Umkehr wahrscheinlich wird. Diese wäre durchaus auch denkbar mit oder aufgrund einer Stützungsmaßnahme der Europäischen Zentralbank EZB, die damit den Spekulanten mal ordentlich auf die Finger klopfen will.
Ein anderes denkbares Szenario wäre, dass der Euro direkt nach oben durchmarschiert. Auch damit rechnet wohl kaum jemand. Würde dabei das Tageshoch vom vergangenen Freitag bei 1,2880 überschritten, wäre das für mich ein klares Kaufsignal.
Während ich diese Zeilen schreibe, war der Euro/USD übrigens bereits kurzzeitig bei 1,2846.
Kursziel einer solchen, dann mit hoher Wahrscheinlichkeit scharfen, Aufwärtsbewegung wäre die obere Begrenzung des Abwärtstrend-Kanals, also in etwa 1,3680. Das genaue Ziel ist in diesem Fall wieder abhängig von der Dynamik der Bewegung.



