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Europäische Rating-Agentur: Ob sie notwendig oder hinfällig ist

Die Idee einer international agierenden europäischen Rating-Agentur entstand durch die zunehmend kritisch wahrgenommenen Bewertungen der amerikanischen Rating-Agenturen.

Mit neuer Methodik soll der Wettbewerb gefördert und die Rating-Qualität verbessert werden.

Eine mögliche Grundvorstellung

Die Beraterfirma Roland Berger entwickelte eine konkrete Idee zur Gründung einer europäischen Rating-Agentur.

Sie sollte die Vormachtstellung der drei großen US-Agenturen Standard & Poor’s, Fitch Ratings und Moody’s brechen und ein Gegengewicht schaffen.

Diesen drei Agenturen wird auch eine Mitschuld an der desolaten Finanzsituation Europas gegeben.

Vermeintliche Fehlbewertungen und Herabstufungen der Kreditwürdigkeit europäischer Staaten sorgen für negative Reaktionen am Markt und erschweren die Durchführung der beschlossenen Rettungsmaßnahmen in der Schuldenkrise.

Zuspruch für diese Idee gibt es vor allem seitens der Politik.

Sowohl die Bundesregierung als auch die EU-Kommission befürworten das Projekt.

Umsetzung

Die europäische Agentur soll über ein Stiftungsmodell finanziert werden.

Das Ziel der europäischen Rating-Agentur liegt in der Verbesserung der Qualität der Ratings und in der Vermeidung von Fehlbewertungen.

Investoren aus dem Finanzsektor wie europäische Großbanken sollen in das Modell investieren. Hier liegt auch der Unterschied zu den drei US-Agenturen.

Während die drei amerikanischen Agenturen von Emittenten bezahlt werden, deren Finanzprodukte sie auch bewerten sollen, wird dieser Interessenskonflikt beim europäischen Modell vermieden.

Es müssen keine guten Ratings in Aussicht gestellt werden, um Aufträge zu sichern.

Fehlende Geldgeber für die 300 Millionen Startkapital führten allerdings zu Startschwierigkeiten dieses Projekts. Unternehmern bietet sich bei dem Stiftungsmodell kein nennenswerter Anreiz zum Investieren, da die Agentur nicht gewinnorientiert ausgelegt ist.

Widerstand kommt auch aus den Reihen einiger Großbanken in Frankreich und Deutschland, die den Nutzen einer europäischen Rating-Agentur für nicht interessant genug halten, um zu investieren. Derzeit scheint dennoch ein Start ab 2013 möglich.

Der Nutzen einer europäischen Rating-Agentur

Doch wird die Gründung einer europäischen Rating-Agentur ein wirkliches Gegengewicht zu den US-Agenturen darstellen können? Und sind die hochgesteckten Erwartungen erfüllbar?

Mehr Wettbewerb und eine Verbesserung der Bewertungsqualität sollen durch die Gründung einer europäischen Rating-Agentur gewährleistet werden. Das könnte sich in der Praxis jedoch als schwierig erweisen.

Während die althergebrachten Agenturen auf ihre Reputation und ihr Fachwissen setzen können, muss dieses Vertrauen bei einer neu gegründeten europäischen Rating-Agentur erst erworben werden. Für eine gute Reputation wird die Agentur einen langen Atem brauchen.

Kritiker stellen zudem die berechtigte Frage, inwiefern die Qualität von Ratings durch eine europäische Rating-Agentur verbessert werden kann?

Die Bewertungskriterien sind je nach Auftraggeber unterschiedlich ausgeprägt und können somit sowohl positiv als auch negativ interpretiert werden.

Zudem scheint die Durchsetzung neuer Standards eher wenig Erfolg versprechend zu sein. Ohne entsprechende Reputation und gegen die Marktmeinung wird eine neue Methodik der Bewertungskriterien sich nicht durchsetzen können.

Damit ist dann auch der entscheidende Unterschied zu den drei dominierenden US-Agenturen nicht mehr gegeben. Der Nutzen der Gründung einer europäischen Rating-Agentur scheint somit zumindest fragwürdig.

Die Diskussion über Rating-Qualitäten und Fehlbewertungen dürfte auch mit der Gründung einer europäischen Agentur noch kein Ende gefunden haben.

Mehr zum Thema: Börsen ABC: Ratings – Fakten und Hintergründe

31. August 2012

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Sebastian Grünewald. Über den Autor

Sebastian Grünewald ist freier Autor und Redakteur mit mehrjähriger Erfahrung. Er vermittelt einer breiten Leserschaft ökonomische Zusammenhänge und Themenfelder wie private Vorsorge und Geldanlage mit einfachen Worten.