von Rainer Heißmann

Falsche Ratschläge gefährden Ihren Ruhestand

Falsche Ratschläge können gefährlich sein

Falsche Ratschläge können gefährlich sein

 „Sparpläne mit Derivaten sichern den Ruhestand“, so las ich am Wochenende bei Welt-Online. Meine Bewertung: Vorsicht vor solch unsinnigen, ja geradezu gefährlichen Empfehlungen.

Und in der Internetausgabe des doch renommierten Handelsblattes las ich mit Schrecken: „Mit den Märkten von morgen (Schwellenländer) zur sicheren Rente?“

Hier in Kurzform die nicht nur unsinnigen, sondern geradezu gefährlichen Ratschläge dieser doch eigentlich angesehenen Zeitungshäuser.

Falsch und gefährlich: „Sparpläne mit Derivaten sichern den Ruhestand“

Damit es kein Missverständnis gibt, wenn jemand vielleicht nur flüchtig die Zwischenüberschriften liest, habe ich vor die Original-Überschrift von Welt Online das „Falsch und gefährlich“ gesetzt.

Im dortigen Text heißt es (in Auszügen):

Fonds und Zertifikate sind eine gute Alternative für die private Altersvorsorge. Und weiter:

Auf dem Anfang der Woche in Frankfurt abgehaltenen Deutschen Derivate Tag forderte der geschäftsführende Vorstand des Deutschen Derivate Verbands (DDV) Hartmut Knüppel, dass im Rahmen der privaten Altersvorsorge alle Finanzprodukte, die sparplanfähig sind, den Kapitallebensversicherungen steuerlich gleichgestellt werden müssten.

Dies würde den Wettbewerb zwischen den verschiedenen Anlageformen erhöhen und dazu beitragen, dass mehr Anleger auch Fonds-, ETF- oder Zertifikatesparpläne in ihre Planungen für die Altersvorsorge einbeziehen würden.

Da lässt man die Katze schon aus dem Sack. Dem Interessenverband der Emittenten deutscher Zertifikate, dem Deutschen Derivate Verband (DDV, wird hier ein Forum geliefert.

Lügen mit Zahlen: Die Renditerechnung

Dann wird dem Leser aufgezeigt, dass ein Indexzertifikat auf den DAX seit Ende 1987 (Stand 1.000 Punkte) bis heute (5.600 Punkte) eine jährliche Rendite von 7,5% gebracht hätte. Zum „Lügen mit Zahlen“ habe ich an anderer Stelle schon geschrieben. Dies ist ein klassisches Beispiel wie es gemacht wird.

Rechnerisch ist die o.a. Darstellung korrekt. Der „Trick“: Man wählt willkürlich einen Ausgangspunkt, von dem sich das gewünschte Ergebnis zwangsläufig ergibt. Rhetorische Frage: Wie wäre es mit einem Start der Renditeberechnung Ende der 90-er Jahre bis Anfang 2.000, als der DAX zwischen 6.000 und 8.000 Punkten notierte?

Welt Online schreibt dann weiter: „Trotz der hohen Vielfalt drängen sich für den langfristigen Vermögensaufbau in der hier beschriebenen Form allerdings nur wenige Produkte wirklich auf. Zu nennen sind dabei insbesondere Zertifikate auf den DAX oder den Euro-Stoxx-50-Total-Return-Index, bei denen ausgeschüttete Dividenden im Index verrechnet werden und damit dem Anleger und nicht dem Emittenten zugute kommen.“

Eine schlimme Wortwahl: „es drängen sich auf.“ Nein, nein und nochmals nein, hier drängt sich gar nichts auf, wenn Sie Ihre Altersvorsorge planen.

Denn: Börsenkurse unterliegen sehr hohen Kursschwankungen. Entsprechend stärker schwanken die Kurse der Zertifikate. Damit beinhalten diese ein hohes Verlustrisiko. Hinzu kommt der jederzeit mögliche Totalverlust aller in diese Papiere investierten Gelder, weil ein Emittent (Bank, Wertpapierhaus) insolvent wird.

Welt Online: Unbrauchbarer Tipp zur Bonität der Emittenten

Am Ende gibt es in dem o.a. Bericht dann auch den gut gemeinten Tipp: „Aufgrund des langen Zeithorizontes ist bei Zertifikatesparplänen zudem ein regelmäßiger Blick auf die Bonität der Emittenten zu werfen.“

Klar, und ich frage ironisch: „Wo finde ich die Information, dass der Emittent meiner Zertifikate in etwa 2 bis 3 Wochen insolvent wird?“ Nur dann kann ich rechtzeitig reagieren. Und weiter: „Oder soll ich die Zertifikate immer dann verkaufen, wenn mal wieder ein Bank in ihrer Bonität herabgestuft wird?“ Da ist derzeit nahezu täglich der Fall.

Falsch und gefährlich: „Mit den Märkten von morgen (Schwellenländer ) zur sicheren Rente?“

Noch ein gefährlicher Tipp. Dieses Mal im Handelsblatt. Auch hier: Damit es kein Missverständnis gibt, wenn jemand vielleicht nur flüchtig die Zwischenüberschriften liest, habe ich vor die Original-Überschrift des Handelsblattes das „Falsch und gefährlich“ gesetzt.

Immerhin setzt das Handelsblatt ein Fragezeichen hinter seine Überschrift. Die Frage beantworte ich mit einem Wort: NEIN!

Ein Widerspruch in sich: „Anlage in Schwellenländer“ (im Text werden Brasilien, Russland, Indien, China, Nigeria Vietnam, Philippinen, Ägypten und Bangladesch genannt) und „sichere Rente“. Das bedarf keines weiteren Kommentars.

Wer profitiert von so einem gefährlichen Unsinn?

Es scheint, dass diese Artikel interessengesteuert sind. So kommt bei Welt Online ja auch der Deutsche Derivate Verband zur Wort. Und im Handelsblatt darf Christian Wrede, der Deutschland-Chef des Fondsanbieters Fidelity, seine (für die Vorsorge des Ruhestands) gefährlichen Ideen verbreiten. Schade und schlimm, dass interessengesteuerte Verbände in renommierten Medien so einen gefährlichen Unsinn verbreiten dürfen.

Kritische Kommentare der Leser

Gefreut habe ich mich, dass es unter beiden Artikeln keinen einzigen zustimmenden Kommentar seitens der Leser gab. Im Gegenteil. Hier einige wenige, aber typische Kommentare der Leser:

„Bankster mit immer denselben Tricks. - Hört endlich auf mit den Papierversprechen.“ - Und ironisch: „Au ja ... lasst uns unser Geld weiterhin in undurchsichtige Finanzkonstrukte geldgeiler Börsenjongleure und Milliardenjockeys anlegen, die ihre eigenen Zertifikate nicht mehr verstehen und sich von den Rating-Agenturen bis zur eigenen Implosion die Renditeaussichten schön lügen lassen ...“

„Ich habe selten so einen wirren Schwachsinn gelesen wie diesen. Auf dieser Recherchebasis den Aufbau der Altersversorgung mit 40 Jahreswirkung zu empfehlen, halte ich schon für fast kriminell.“

Falsche Ratschläge gefährden Ihren Ruhestand

„Trau, schau, wem ...“, heißt ein Sprichwort. Und hier ist es leider so, dass selbst seriös scheinende Medien Unsinn verbreiten und, schlimmer noch, Ratschläge geben, die Ihre Vorsorge für den Ruhestand massiv gefährden, wenn Sie ihnen folgen.

Meine dringende Empfehlung: Gerade in der jetzt wieder hoch kochenden Banken- und Finanzkrise sollten Sie keinen Euro in Zertifikate oder andere Produkte von Emittenten investieren. Das gilt doppelt, wenn Sie damit Ihre Altersvorsorge auf- oder ausbauen wollen.

Zum guten Schluss: Am 10.10.1985, also heute vor 26 Jahren, starb George, der US-amerikanischer Filmregisseur, Schauspieler und Autor. Er sagte:

„Viele Menschen sind zu gut erzogen, um nicht mit vollem Mund zu sprechen, aber sie haben keine Bedenken, es mit leerem Kopf zu tun.“

Ich frage mich: Hat Orson Welles wohl seinerzeit schon die Reden einiger unserer heutigen Bundestagsabgeordneten gekannt?

© Rainer Heißmann - Weiterverbreitung nur mit Link auf den Originaltext gestattet

 
 
Bildquelle: helix - Fotolia

Autor:

Rainer Heißmann

Der Bankkaufmann und Betriebswirt Rainer Heißmann ist ein Börsen-Profi durch und durch.

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