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Fehlt es unserer Wirtschaft an Moral?

Mit dem Buch „Anständig wirtschaften – Warum Ökonomie Moral braucht“ hat Hans Küng mehr als ein „Plädoyer für Menschenanstand“, wie das Vorwort betitelt ist, vorgelegt.

In acht Kapiteln und gut 300 Seiten beschreibt Küng die Ursachen für die globale Finanzkrise, die im Sommer 2008 ihren Höhepunkt fand und vielerorts für ein Umdenken bezüglich Moral, Anstand und Ethik in der Wirtschaft sorgt.

Doch dieses Umdenken ist nach Küng noch nicht vollständig. Er plädiert vielmehr für global verbindliche ethische Grundsätze, an welchen sich das Wirtschaftsgebaren festhalten kann.

Die Krise in der Globalisierung

Das erste Kapitel Küngs befasst sich mit der Globalisierungsfrage, mit den Starken und den Schwachen, die die Globalisierung hat entstehen lassen.

Im Gespräch mit GeVestor erklärt der Autor:

„Ich bin Freund einer Globalisierung mit menschlichem Angesicht, aber entschieden Feind einer Globalisierung, welche die Maximierung des Gewinns über alles stellt, die einige wenige unverschämt reich werden lässt und andererseits Massenarmut produziert.“

Küng geht nicht davon aus, dass Globalisierung etwas gewesen wäre, das man hätte vermeiden können.

Doch er verteufelt diese auch nicht, sondern sieht lediglich Nachholbedarf im Umgang mit ihr.

Das zweite Kapitel geht auf die historische Komponente der Marktwirtschaft ein, die manchen bereits schon bekannt sein dürfte.

Er spannt den Bogen recht groß, geht auf den Thatcherismus und den Sozialstaat nach John Maynard Keynes ein und stellt damit verwoben die Frage nach dem Ethos:

Geht der Ethos nach der Ökonomie oder muss sich die Ökonomie nach dem Ethos richten?

Ethische Fragen zum Wirtschaftssystem

Dass dies nicht ohne Weiteres beantwortet ist, zeigt sich im dritten Kapitel, in dem vor allem die soziale Marktwirtschaft unter die Lupe genommen und im vierten Kapitel noch weiter bearbeitet wird.

Das letztere stellt vor allem die vielen Symptome des weltweiten Versagens der Finanzmärkte in den Fokus.

Dass Wirtschaften nicht nur mit finanziellem Profit zusammenhängt, sondern dass dadurch Umwelt, Menschen und ganze Staaten unter Umständen in Mitleidenschaft gezogen werden können, haben uns die letzten Jahre gezeigt.

Daher beginnt Küng auch im fünften Kapitel seine Formulierung eines Weltethos zu konkretisieren und zeigt die Chancen eines solchen Ethos auf.

Eine Abrechnung mit Wirtschaftsbossen und Managern

Das sechste Kapitel ist eine Abrechnung – mit verantwortungslosen Managern, mit kurzsichtigen Daytradern, mit gierigen Wirtschaftsbossen.

Küng zählt jede schlechte Einzelheit schonungslos auf und hält ihnen einen moralisch-christlichen Spiegel entgegen.

Im GeVestor-Interview führt der Autor aus:

„Die vielen Skandale, die wir im Bankenwesen, aber auch in anderen Wirtschaftszweigen sehen, zeigen, dass Unmoral letztlich ökonomisch nicht erfolgreich ist. Ich möchte also mit meinen Beiträgen Unternehmern und allen in der Wirtschaft Tätigen letztlich auch zu besserem und erfolgreichem Wirtschaften verhelfen.“

Weltethos – Regeln für die Welt?

Das siebte und achte Kapitel konzentriert sich auf die Chancen und Möglichkeiten der Erarbeitung und Anwendung eines Weltethos – global geltender Regeln des Umgang miteinander und der Welt, in der wir leben.

Es wird dem Leser schnell bewusst, dass dies das Herzstück Küngs ist, das er seinen Lesern gerne näher bringen möchte.

Die Notwendigkeit von transkulturellem, moralischem Verhalten hat die Weltwirtschaftskrise, die immer noch nicht überwunden wurde, gezeigt.

Um nachhaltig den Frieden und ein stabiles Wirtschaftssystem zu bewahren, ist es laut Küng von größter Notwendigkeit, diese Wertebasis zu verankern und einzuhalten.

Eine theologisierte Wirtschaft?

Sachlichkeit, Reflexion und Bescheidenheit lässt dieses Werk leider vermissen. Hans Küng, der katholische Kritiker der katholischen Kirche, ist auch ein Kritiker der Wirtschaft.

Selbstverständlich hat die Wirtschaft versagt. Selbstverständlich gab es Gier und Missgunst innerhalb der Finanzwelt.

Doch die moralische Instanz, die Küng für sich beansprucht und die gespickt ist mit biblischen Zitaten, lässt dem Leser einen ständigen erhobenen Zeigefinger im Bewusstsein umhergeistern.

Dieser „Zeigefinger“ wäre durchaus gerechtfertigt, wenn Küng die ganz Tragweite der Finanzkrise erfasst hätte.

Etwas derart kompliziertes beansprucht aber immer mehrere Darstellungen – alles andere ist Simplifizierung.

Doch leider erwähnt der Autor in keinem Wort z.B. die strukturellen Schwächen des Euro-Raums oder auch die politisch angespannte Situation in den USA.

Das tut er nicht, denn er ist in erster Linie Theologe. Und als katholischer Theologe macht Küng das, was katholische Theologen seit vielen Jahrhunderten am besten können: missionieren.

Weltethos oder Unterdrückung?

Das Projekt „Weltethos“ findet an dieser Stelle eine sehr gute Verwendung für den Autor.

Es bietet in seiner Alternativwelt eine Kommunikationsbasis, die es erlaubt, die Wirtschaft einem bestimmten Verhalten entsprechend zu formen.

Doch die traurige Wahrheit dahinter ist, dass eine Kommunikation, die nichts mit Zahlen oder kulturellem Wissen zu tun hat, im inter- und transkulturellen Raum zum Scheitern verurteilt ist.

Noch mehr: sie wirkt unterdrückend und intolerant. Küng sucht die Gemeinsamkeiten zwischen den Wirtschaftsnationen in Worthülsen wie „Moral“, „Anstand“ oder „Humanität“.

Dies kann aber von jedem Menschen mit anderen Dingen ausgefüllt werden.

Es ist leicht gesagt, sich „menschlich“ zu verhalten, doch was sollen wir tun, wenn wir mit Menschen konfrontiert sich, die sich nach unseren Maßstäben „unmenschlich“ verhalten?

Sollen wir aufhören mit China Handel zu treiben, weil sie den Platz des Himmlischen Friedens am liebsten in den „Platz, wo 1989 nichts passiert ist“ umbenennen würden, bis sie ihre Fehler eingesehen haben?

Die von Küng ausgearbeiteten Regeln für einen global geltenden Umgang miteinander sind im Kern zentraleuropäisch ausgerichtet.

Die darin vertretenen Werte sind moderne, westliche Werte, die Küng gerne auf die gesamte Welt anwenden möchte. Die Zeit der Missionierung ist aber vorüber.

Was Küng nicht zugeben möchte, ist die simple Tatsache, dass die interkulturelle Kommunikation, die auf kaltem, gefühllosem Geld basiert, diejenige ist, welche die wenigsten Missverständnisse verursacht.

Dies ist kein Buch für Menschen, die dem christlichen Glauben kritisch gegenüberstehen.

Dies ist ebenfalls kein Buch für Menschen, die sich durch ihre philosophische, interkulturelle oder psychoanalytische Bildung auszeichnen.

Hans Küng hat sich viele Gedanken gemacht, aber mitunter hat er sich im selbst gepflanzten Wald verlaufen.

Über den Autor:

Hans Küng wurde 1928 in Sursee in der Schweiz geboren. Nach einem Philosophiestudium ging er nach Rom und studierte von 1951 bis 1955 Theologie an der Päpstlichen Universität Gregoriana.

Von 1955 bis 1957 folgten Studien an der Sorbonne und dem Institut Catholique in Paris, wo er ebenfalls promovierte. Neben seiner Lehrtätigkeit in Tübingen nahm Küng zahlreiche Gastprofessuren wahr, darunter in New York, Chicago, Michigan, Toronto und Houston.

Bekannt wurde der mittlerweile emeritierte Professor vor allem durch seine kritische Auseinandersetzung mit den Dogmen der katholischen Kirche, die unter anderem zum Entzug seiner kirchlichen Lehrbefugnis im Jahre 1979 führte.

Küng ist mehrfacher Autor und Herausgeber von Büchern zum Thema Philosophie, Religion und besonders Ökumene und Weltethos.

Das Buch ist im Piper Verlag erschienen und kostet 9,99 €.

17. Juli 2012

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov wuchs in einem internationalen Umfeld auf und entdeckte schon früh sein Interesse am Thema Finanzen. Er publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.