von Rolf Morrien

Finanzwerte und Staatsanleihen sind die Verlierer, Gold gewinnt

EU-Krisengipfel verschiebt Probleme anstatt sie zu lösen

EU-Krisengipfel verschiebt Probleme anstatt sie zu lösen

Die Anleger können etwas ruhiger ins Wochenende gehen.

Die erste tickende Zeitbombe wurde (vorerst) entschärft. Der EU-Krisengipfel ist nicht geplatzt. Es gab tatsächlich eine Einigung.

Wenn sich in den USA jetzt auch noch Demokraten und Republikaner am Wochenende einigen und die gesetzlich erlaubte Schuldenobergrenze erhöhen, ist auch die zweite Bombe (vorerst) nicht mehr scharf.

Die Transferunion ist beschlossene Sache – Griechenland bleibt am EU-Tropf

Der EU-Gipfel war ein großer Schritt Richtung Transferunion. So wie auf Bundesebene finanzstarke Bundesländer die schwächeren Jahr für Jahr stützen, wird es ähnliche Mechanismen auch auf EU-Ebene geben.

Genau das sollte es ursprünglich im Euro-Raum nicht geben. Transfer-Empfänger bleibt noch über viele Jahre Griechenland. Griechenlands Regierungs-Chef Giorgos Papandreou sprach daher auch nicht von einer Lösung des Schulden-Problems und beschrieb das Ergebnis wie folgt: „Das verschafft Griechenland und der Euro-Zone eine Atempause.“

Ich will hier nicht auf die Details eingehen, aber einige wenige Zahlen zeigen bereits, dass es nur kosmetische Änderungen geben wird: So rechnet Griechenland bis 2014 mit einer Reduzierung der Schuldenlast um 26 Mrd. Euro.

Zum einen dürfte das eine recht optimistische Annahme ohne Krisen-Szenario sein, zum anderen ist selbst eine Summe von 26 Mrd. Euro viel zu gering, wenn man an den Schuldenberg von 350 Mrd. Euro denkt.

Vor dem Gipfel gab es das Ziel, den Schuldenberg um rund 100 Mrd. Euro zu verringern, damit Griechenland wieder handlungsfähig wird. Dieses Ziel wurde weit verfehlt.

Finanzwerte sind nur kurzfristig die Gewinner

Die Politiker feiern in Brüssel, dass sich auch die Banken und Versicherungen an der Rettungsaktion beteiligen.

Wie hoch dieser Beitrag ausfallen wird, ist aber extrem umstritten. So lautet die offizielle EU-Sprachregelung, dass die Banken und Versicherungen rund 50 Mrd. Euro beisteuern.

Allerdings kann dieser Betrag nicht genau berechnet werden. Es kommt darauf an, wie Laufzeit-Verlängerungen oder Zins-Senkungen verbucht werden.

Auch einige Umtausch-Details sind unklar. Hinzu kommt, dass ganz unterschiedliche Zeiträume berücksichtigt werden.

So jubelten einige Politiker, dass die Finanzbranche bis 2019 sogar über 100 Mrd. Euro beisteuert. Auf der Gegenseite sind auch die Banken zufrieden. Es hätte viel schlimmer kommen können. Aus Bankkreisen höre ich, dass die „echten“ Belastungen bei unter 20 Mrd. Euro liegen.

Fazit: Die Banken und Versicherungen sind wieder einmal mit einem blauen Auge davongekommen. Es drohten Abschreibungen von 50% auf griechische Staatsanleihen.

An der Börse dürfte sich die „Erleichertungs-Rally“ der Finanzwerte kurzfristig fortsetzen. Allerdings: Es wurde ein Tabu gebrochen. Die Banken und Versicherungen „schenken“ Griechenland Geld.

Dieses Beispiel wird Schule machen. Portugal und Co. werden die nächsten Bittsteller sein. Diese „Bitte“ werden die Finanzkonzerne nicht mehr ablehnen können. Es wird noch einige Abschreibungen geben. Das wird die Finanzwerte mittel- und langfristig belasten. 

Staatsanleihen: Auch hier nur kurzfristige Entspannung

Die Staatsanleihen der EU-Krisenländer konnten sich ebenfalls erholen. Doch auch hier dürften das nur kurzfristige Effekte sein. Da die Schuldenkrise nicht gelöst wurde, werden die alten Probleme bald wieder belasten. Es wird sogar noch schlimmer.

Voraussichtlich im Herbst wird es bei griechischen Staatsanleihen planmäßig zu einem begrenzten Zahlungsausfall kommen.

Die Rating-Agenturen werden die Note auf „Ausfall“ senken. Ein einmaliger Vorgang in der EU. Wenn das passiert, muss die Anlageklasse „Staatsanleihen“ neu bewertet werden.

Ein Beispiel: Die neuen Eigenkapitalregeln für Versicherungen (Solvency II) sollen erst ab 2013 gelten, sind aber schon jetzt reif für das Museum. Laut Solvency II werden alle Anleihen der EU-Staaten mit der gleichen Ausfallwahrscheinlichkeit bedacht.

Wenn eine Versicherung deutsche oder griechische Staatsanleihen kauft, muss dafür kein Eigenkapital hinterlegt werden. Das ist natürlich ein schlechter Scherz. Spätestens dann, wenn Griechenland offiziell den begrenzten Zahlungsausfall erklärt, muss diese Regelung gekippt werden.

Staatsanleihen müssen zukünftig wesentlich kritischer bewertet werden. Wenn das auch offiziell passiert, werden Versicherungen umschichten: Raus aus riskanten Staatsanleihen, rein in andere Anlageklassen.

Der Fall Griechenland kann ein neues Zeitalter beim Depot-Mix der Versicherungen einleiten. Wenn die Nachfrage der Versicherungen wegfällt, werden schwache Schuldner extreme Schwierigkeiten bekommen. Die Kurse werden in den Keller rauschen.

Edelmetalle: Schwächeanfall wird nicht lange halten

Da der EU-Gipfel nicht geplatzt ist, haben einige Investoren den „sicheren Hafen“ Edelmetalle verlassen und Kapital umgeschichtet. In den nächsten Tagen und Wochen wird sich jedoch die Erkenntnis durchsetzen, dass kein einziges Problem gelöst wurde. Es wurde nur etwas Zeit gewonnen.

Noch schlimmer: Die Europäische Zentralbank wurde schwer getroffen. Sämtliche Ziele wurden verfehlt. Die EZB hat ihr Gesicht verloren. Eine schwache Zentralbank ist aber keine Stütze für die Währung.

Je offensichtlicher es wird, dass die EZB der große Verlierer ist, desto mehr Investoren werden aus Papiergeld fliehen und Edelmetalle kaufen.

Euro: Wettlauf mit dem Dollar Richtung Abgrund

Der Euro konnte in den ersten Stunden nach der Einigung zulegen. Hier gilt aber das, was ich oben zu den Edelmetallen geschrieben habe: Der Schwächeanfall der Europäischen Zentralbank wird zukünftig wie Blei auf der europäischen Währung lasten.

Gut möglich, dass das nicht direkt auffällt, da der Euro oft mit dem Dollar verglichen wird. Wenn 2 kranke Währungen miteinander verglichen werden, kann die Währung, die kurzfristig nicht ganz so krank ist, wie der strahlende Sieger aussehen.

Vergleichen Sie daher Euro und Dollar nicht miteinander, sondern mit Gold oder mit dem Schweizer Franken. Wenn Gold auf Euro- und Dollar-Basis ein Allzeithoch erreicht, hat der Markt ein messbares Urteil abgegeben.

 
 
Bildquelle: Henner Damke - Fotolia

Autor:

Rolf Morrien

Rolf Morrien spricht auch unangenehme Wahrheiten aus, findet jedoch immer die passende Antwort, egal in welcher Börsenphase. Lesen Sie seinen Newsletter gratis: Morrien's Schlussgong