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Heiner Mühlmann im Interview: Der unsichtbare Krieg in Europa

Anlässlich der Veröffentlichung seines Buches „Europa im Weltwirtschaftskrieg. Philosophie der Blasenwirtschaft“  von Heiner Mühlmann führte GeVestor mit dem Autor ein exklusives Interview:

GeVestor: Anhand Ihrer Veröffentlichungen erkennt man, dass Ihre Interessensgebiete weit gesteckt sind. Was hat Sie bewegt, sich nun speziell mit der europäischen Wirtschaftskrise zu befassen?

Dr. Mühlmann: Viele Wege haben mich dahin geführt. Zum Beispiel dieser: Seit meiner Studienzeit haben mich der italienischen Humanismus und die italienische Renaissance besonders interessiert. Der wichtigste reale Auslöser all dieser Neuerungen, die uns an der italienischen Renaissance so faszinieren, war die Erfindung des Kapitalismus.

Von Kapitalismus kann man erst sprechen, wenn es nicht nur Fernhandel gibt, sondern außerdem eine Produktionsform, in der Waren in Mengen produziert werden, die zu groß sind für die lokalen Märkte. Wenn dies das wichtigste Merkmal des Kapitalismus ist, dann ist der Kapitalismus im Florenz des 14. Jahrhunderts erfunden worden.

Ein zweiter Gesichtspunkt: Kulturen werden von Ranking-Systemen reguliert. Das gilt wahrscheinlich für alle Kulturen. Beispiel: Chinesische Architektur. Die Größe der Dächer gehorcht dem Ranking der Verwendungszwecke der Gebäude. Von der Größe der Dächer hängt die Zahl der Module ab. Sie ergibt sich wie ein Funktionszusammenhang aus der Größe der Dächer. Die Zahl der Module erkennt man an der Zahl der Intervalle, die sich zwischen den Stützen der Fassade befinden. Tempel und Kaiserpalast haben das höchste Ranking.

Im Europa dieser Renaissance, die den Kapitalismus erfand, hatte in der Architektur wie in allen anderen Künsten der Krieg das höchste Ranking. Das niedrigste hatte die Wirtschaft. In diesem polarisierten Feld „Krieg/Wirtschaft“ bewegen sich die Kompassnadeln der Kulturen dieser Welt bis heute. In diesem „Magnetfeld“  operieren die Staaten bis heute. Voll operationsfähig ist nur, wer sowohl über militärische als auch über ökonomische Macht verfügt.  Die militärische Macht muss sich zeigen können, um im ökonomischen Krieg erfolgreich zu sein. Für die militärische Macht gilt eigentlich der Satz des Sun Tse: „Der klügste Krieger ist der, der niemals kämpfen muss.“ Das kann man leider heute von denen, die über die größte militärische Macht verfügen, nicht sagen.

GeVestor: Manchem Leser mag die Analogie zwischen Finanz- und Kriegsinstrumenten stark überzeichnet vorkommen. Steht es wirklich so schlimm um Europa?

Dr. Mühlmann: Europa hat den intrakulturellen Krieg erfunden und ihm sogar mit Hilfe eines speziellen Kriegsrechts (im 16. Jahrhundert entwickelt) zu einer scheinbar kontrollierbaren Normalität verholfen. „Intrakulturell“ bedeutet: Die Kriegsparteien gehören derselben Kultur an. Nun will diese europäische Kultur dem Iterationsmechanismus des intrakulturellen Kriegs entkommen und erfindet den Euro. Dadurch ergibt sich das Problem, dass der Euro mit der bisherigen Leitwährung, dem Dollar, konkurriert.

Eine Leitwährung ist a priori aggressiv, weil sie zwangsläufig zu einer Schuldenblase bei dem Staat führt, der im Besitz der Leitwährung ist. Dann wird die Schuldenblase zu einer Waffe, die an Sprengstoff erinnert. Man kann die Waffe zünden, muss aber dafür sorgen, dass sie nicht im eigenen Land in die Luft fliegt, sondern im Land der anderen. Es ist angenehm, über die Macht zu verfügen, die mit einer derartigen Waffe verbunden ist. Nun taucht der Euro als Rivale der bisherigen Leitwährung auf. Daraus resultiert ein strategisches Feld, in dem die eine Seite zum Feind der anderen Seite wird.

Diese strategische Grundsituation wird verschärft durch Big Data und durch die amerikanische Shutdown-Politik. Durch den Shutdown können die USA den eigenen Staatsbankrott auf kontrollierte Weise herbeiführen. Da die USA so etwas wie der Ur-Schuldner dieser Welt sind, können sie durch den eigenen Staatsbankrott den Wert der Währung beeinflussen, in der die eigenen Schulden notiert sind. Mit anderen Worten: Wenn es einen Wirtschaftskrieg gibt, dann  würde der reale USA-Staatsbankrott  dem entsprechen, was man im militärischen Bereich den „Heißen Krieg“ nennt. Die kalendarische Wiederholung der Shutdown-Verhinderung (nächster Termin: Januar 2014) entspräche dem Kalten Krieg.

Zu Big Data: die Traumwaffe der Geheimdienste! Big Data funktioniert wie Epidemiologie. Big Data kann Pattern, Kritizitätsphasen und tipping-points in Entwicklungen von Populationskollektiven erkennen und besser voraussagen als die bisherigen epidemiologischen Erkenntnismittel. Das liegt an der schieren Datenmenge, in der einfach alles erfasst wird. Auch das, was auf den ersten Blick mit dem zu untersuchenden Phänomen nichts zu tun hat. In der so genannten  „Wirtschaftsspionage“, die mit Hilfe von Big Data durchgeführt wird, geht es vor allem um die Voraussage von Kritizitätsphasen ganzer Volkswirtschaften.

Hat man eine sich anbahnende Kritizität erst einmal erkannt, kann man mit kleinen Stupsern Verstärkungseffekte erzielen. Zum Beispiel durch Herabstufung  in der Bewertung der Ratingagenturen.  Das ist sehr wirkungsvoll, wenn im Prozess der Euro-Konsolidierung mal wieder ein Mitgliedstaat auf einen de facto Staatsbankrott zusteuert.

GeVestor: Gehen Sie auf mittelfristige Sicht von weiteren konkreten Opfern durch das „geldwirtschaftliche Kriegshandwerk“ aus? Und werden dies eher Einzelinstitutionen wie z.B. Banken oder ganze Länder sein?

Dr. Mühlmann: Die Krisen der südlichen Euro-Staaten sind nach dem Prinzip der  Banken-Bewertung „to big to fail“ an die Krisen der großen Banken gekoppelt. So lange das so ist, stehen bei Finanzkrisen immer sofort Staatsbankrotte auf dem Spiel. Das wären dann „ganze Länder“, die gefährdet sind. Richtig ernst wird es aber erst, wenn der Euro-Raum als ganzer nicht mehr die Kraft hat, die quasi bankrotten Staaten von Fall zu Fall zu retten.

Wenn es einen Wirtschaftskrieg gibt zwischen dem Staat, der bisherigen Leitwährung und anderen politischen Systemen mit konkurrierenden Währungen, und wenn der Euro eine dieser konkurrierenden Währungen ist, dann wäre der Euro im Wirtschaftskrieg als „besiegt“ zu betrachten, sobald die Währungsunion de facto bankrotte Staaten nicht mehr retten kann.

GeVestor: Ist nicht davon auszugehen, dass durch das Platzen von zu vielen spekulativen Blasen irgendwann auch der gesamte wirtschaftliche Tychemechanismus zum Erliegen kommt und sich somit die Probleme von alleine auflösen?

Dr. Mühlmann: Tyche, Zufall, ist eine gewaltige Kraft in diesem Universum. Wenn zu viele Blasen platzen, werden wahrscheinlich die, die zufällig kurz vor dem Ende aller Blasen noch nicht geplatzt sind, eine gigantische Macht akkumulieren, sich konsolidieren, mit neuen Blasen rivalisieren, und am Ende wird wieder die Blase überleben, deren Manipulateure die stärkeren Nerven hatten.

GeVestor: Welchen Lösungsansatz zur Beendigung des Weltwirtschaftskrieges halten Sie für vielversprechend und umsetzbar?

Dr. Mühlmann: Die Oasensstrategie! Das bedeutet: Der Wirtschaftskrieg bleibt, aber es kann befriedete Innenräume geben. Die Eurozone wird vielleicht so etwas sein wie der Burgfried eines Raubritters in einer Welt der Raubritter.

Dr. Heiner Mühlmann ist Autor zahlreicher Publikation zu verschiedensten Themengebieten. Besondere Beachtung fanden seine Werke „Natur der Kulturen“ (1996), „Ästhetische Theorie der Renaissance“ (2006), „Jesus überlistet Darwin“ (2007) sowie zuletzt „Countdown – drei Kunstgenerationen“

Das Buch ist im Wilhelm Fink Verlag erschienen und kostet 24,90€.

31. Oktober 2013

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov wuchs in einem internationalen Umfeld auf und entdeckte schon früh sein Interesse am Thema Finanzen. Er publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.