Die Achterbahnfahrt an den Aktienmärkten geht munter weiter.
Zunächst sackte der DAX auf 5.514 Punkte, weil der Markt mal wieder von einer Rating-Herabstufung überrascht wurde. In der Nacht hatte es Japan erwischt.
Angesichts einer Verschuldung, die doppelt so hoch ist wie die Wirtschaftsleistung (BIP), ist die Herabstufung ein konsequenter Schritt.
Am Nachmittag schoss der DAX dann plötzlich 200 Punkte in die Höhe. Aus den USA kamen überraschend positive Konjunkturdaten. Die Auftragseingänge sind in der US-Wirtschaft gestiegen. Das passt nicht in das Weltuntergangsszenario. Daher wurden Aktien gekauft und Gold verkauft.
Diese extremen Kursschwankungen und der Aktien-Crash im August können jetzt aber endlich erklärt werden. Die große Titelstory der Financial Times Deutschland (FTD) lautet heute: „Babyboomer ziehen Börsen runter – Risikoscheue Rentner fluten Märkte mit Aktien – Langfristige Kursverluste erwartet“.
Studie der Notenbank von San Francisco
Die regionalen US-Notenbanken haben viel Zeit und können sich einen Blick in die Zukunft gönnen. Die Notenbank von San Francisco hat den Aktienmarkt im Jahr 2025 untersucht. Das Ergebnis: Die Bewertung der Aktien wird sich fast halbieren.
Das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) der amerikanischen Großunternehmen wird laut Notenbank von 15 auf 8,4 sinken.
Der Grund: Die Babyboomer, die geburtenstarken Jahrgänge, erreichen jetzt nach und nach das Rentenalter. Da Aktien-Sparen in den USA eine weit verbreitete Form der Altersvorsorge ist, hat das gravierende Auswirkungen auf den Aktienmarkt.
Rentner neigen nämlich dazu, die Ersparnisse aufzulösen (Aktien zu verkaufen), oder aber in sichere Anlageformen zu wechseln (Aktien werden verkauft, Staatsanleihen gekauft). Diese Verkaufsflut der Rentner drückt die Aktienmärkte nach unten.
Globalisierung wird nicht berücksichtigt
Grundsätzlich ist es sehr lobenswert, über die demographische Entwicklung der Gesellschaft nachzudenken und Schlussfolgerungen zu ziehen. Die Notenbanker haben sich die Sache aber zu einfach gemacht. Mindestens 2 Denkfehler sprechen aus meiner Sicht gegen das oben genannte Szenario.
Zum einen werden die Kapitalmärkte immer internationaler. US-Investoren kaufen Aktien in Deutschland und deutsche Investoren kaufen Aktien in den USA. Es gibt keine geschlossenen Ländersysteme. Wenn also die US-Rentner als Aktien-Käufer ausfallen, können zum Beispiel Anleger aus Asien den Markt erobern.
So konnte man in den 80er-Jahren das Gefühl haben, dass die aufstrebenden Investoren aus Japan den halben US-Markt aufsaugen. Es wird immer Länder geben, die Kapital im Ausland investieren. Und der amerikanische Kapitalmarkt gilt noch immer als sehr attraktiv. Die Aktien-Käufer werden daher nicht aussterben.
Zum anderen gehen die Notenbanker davon aus, dass die US-Rentner Aktien verkaufen und das frei gewordene Kapital in „sichere US-Staatsanleihen“ investieren.
Die Frage muss erlaubt sein: Gibt es im Jahr 2025 tatsächlich noch absolut sichere US-Staatsanleihen? Das AAA-Rating haben US-Anleihen bereits in diesem Jahr verloren. Und das wird nicht die letzte Herabstufung bleiben.
Ob die amerikanischen Rentner die heimischen Staatsanleihen auch noch in 10 oder 15 Jahren für bombensicher halten, glauben wohl nur die Notenbanker. Ich persönliche würde dividendenstarke Aktien wie Coca Cola, Procter&Gamble oder McDonald’s bevorzugen.
KGV-Bewertungen unter 10 haben nicht lange Bestand
Fraglich sind auch die KGV-Schätzungen der Notenbank. Eine durchschnittliche Bewertung der großen Unternehmen mit dem achtfachen Nettogewinn kommt in Krisenphasen immer wieder vor, war aber in den vergangenen 100 Jahren nie ein Dauerzustand. Wenn schon die Blue Chips billig sind, müssten die Bewertungen der marktengen Nebenwerte noch viel geringer sein.
Dann wären im Nebenwerte-Segment KGV-Werte im Bereich von 5 bis 7 Standard. Dazu wird es nicht kommen. Die großen Konzerne schwimmen im Geld (anders als die Staaten). Sinken die Bewertungen, kommt es zu einer großen Übernahmewelle.
Hinzu kommt: Niedrige KGV-Bewertungen sind typisch für Phasen mit hohen Zinsen.
Das ist auch logisch. Wenn ich für Staatsanleihen 10% Zinsen bekomme, riskiere ich nur dann ein schwankungsstarkes Aktien-Investment, wenn die Renditeaussicht mindestens doppelt so hoch ist. Wenn ich 20% Gewinn pro Jahr fordere, kaufe ich nur Aktien mit extrem niedrigen KGV-Werten.
Umgekehrt gilt: Liegen die Zinsen bei nur 3%, reichen mir auch 6 oder 8% Aktien-Rendite. Dann sind die Aktien teurer. Da aufgrund der hohen Verschuldung eine Niedrig-Zins-Politik zwingend erforderlich ist, spricht das gegen niedrige Aktienbewertungen.
Die Niedrig-Zins-Politik hat noch eine Auswirkung: Aktien-Dividenden sind attraktiver als Zinsen von Staatsanleihen. Sollte das Durchschnitts-KGV der Aktien halbiert werden, würden sich die Dividenden-Renditen verdoppeln (bei konstanter Ausschüttungsquote).
Rund 6% Dividenden-Rendite wären dann normal, Spitzenwerte könnten auch 8 bis 16% pro Jahr bringen. Auch das wird nicht eintreten. Versicherungen und Pensionsfonds würden massiv in Dividenden-Werte investieren und die Kurse nach oben treiben.
Rentner als Crash-Verursacher
Die Autoren der Notenbank-Studie blicken nicht nur in die Zukunft, sondern auch in den Rückspiegel. Die 3 Crash-Phasen 2000 bis 2003, 2007 bis 2009 und 2011 seien von den Rentnern durch massenhafte Verkäufe mit ausgelöst worden.
Hier möchte ich die Rentner in Schutz nehmen: Für diese Crash-Phasen dürften ganz andere Marktteilnehmer verantwortlich sein. Die „Rentner-These“ wäre dann plausibel, wenn der Markt seit 10 Jahren sinken würde. Das ist aber nicht der Fall.
Im Jahr 2000 wurde ein Allzeithoch erreicht, dann folgte der Absturz, 2007 wurde das Allzeithoch wieder erreicht, dann folgte der Absturz, 2010/2011 fehlten nur 10% bis zum Allzeithoch, dann folgte der Absturz.
Die Rentner sorgen angeblich jeweils für den Absturz, aber wer sorgt jedes Mal dafür, dass die Kurse wieder nach oben drehen?
Ich habe den Eindruck, dass die Notenbank unbedingt einen aktuellen Aufhänger brauchte, um die Studie gut in den Medien platzieren zu können. Der Crash kam da genau richtig. Der demographische Wandel hat enorme Auswirkungen und der Aktienmarkt wird immer wieder Crash-Phasen erleben.
Eine zwingende Verbindung ist aber nicht gegeben.



