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Kann Deutschland aus der Währungsunion austreten?

Die europäische Schuldenkrise zwingt die Bundesregierung in immer kürzeren Abständen Rettungspakete für notleidende Staaten zu verabschieden.

Unter dem Zeitdruck findet eine ernsthafte Risikobewertung der einzelnen Kreditlinien seitens der Parlamentarier nicht mehr statt. Stattdessen herrscht parteiübergreifender Konsens, dass der Euro gerettet werden muss – koste es, was es wolle.

Vor diesem ungebremsten Dauerretten kann man leicht den Eindruck gewinnen, dass es sich bei Deutschland um eine vor Kraft strotzende europäische Großmacht handelt, die diese Lasten schon schultern wird.

Der Einäugige unter den Blinden

Die Realität sieht leider anders aus. Denn was man dabei leicht übersieht: Deutschland geht es nur relativ gesehen gut. Die absolute Staatsverschuldung Deutschlands beträgt jetzt schon astronomische 2,1 Billionen Euro.

Trotz einer boomenden Weltwirtschaft und exorbitant hoher Staatseinnahmen des deutschen Fiskus wird Deutschland auch dieses Jahr wieder neue Schulden machen. Man muss kein Prophet sein, um sich ausmalen zu können, dass ein Einbruch der weltweiten Konjunktur die deutsche Staatsverschuldung auf neue Rekordhöhen treiben wird.

Es stellt sich daher die Frage, ob sich Deutschland ein „immer weiter so“ in der europäischen Schuldenkrise noch lange leisten kann.

Aber was sind die Alternativen? Kann Deutschland einfach aus der Währungsunion austreten oder sollten lieber die Schuldensünder zum Austritt gedrängt werden?

Deutschlands Austreten aus der Währungsunion kann nicht nur Nachteile mit sich bringen

Nehmen wir einmal an,  Deutschland würde das bis jetzt Undenkbare wahr machen: Deutschland kann aus der Währungsunion austreten. Dies würde eine Rückkehr zur Deutschen Mark bedeuten.

Als direkte Folge des Austritts würde die Deutsche Mark gegenüber dem Euro deutlich an Wert gewinnen. Dies würde vor allem die Exportindustrie treffen. Stark exportabhängige Unternehmen wären wahrscheinlich gezwungen, sich von einem Teil ihrer Belegschaft zu trennen.

Auch die deutschen Banken würden erst einmal unter der Aufwertung der Deutschen Mark leiden. Sie wären gezwungen, einen Teil ihrer Forderungen und Verbindlichkeiten gegenüber dem Euroraum abzuschreiben.

Die Importe dagegen würden sich dank der starken Deutschen Mark verbilligen. Gerade die in US-Dollar abgerechneten Ölimporte, die für die deutsche Wirtschaft immanent wichtig sind, würden deutlich günstiger. Auch die Kaufkraft der Arbeitnehmer dürfte endlich wieder steigen. Das könnte für neue Impulse in der Binnenkonjunktur sorgen.

Um Schaden von der deutschen Wirtschaft durch eine zu starke Deutsche Mark abzuwenden, könnte auch die Bundesbank am Devisenmarkt intervenieren. Dass dies möglich ist, beweist seit knapp einem Jahr die Schweizer Nationalbank, indem sie den Wert des Schweizer Franken gegenüber dem Euro künstlich niedrig hält.

Das Europa der zwei Geschwindigkeiten

Die Einführung eines Nord-Euros wäre gegenüber dem alleinigen Austritt Deutschlands eine weniger radikale Variante. Dem Nord-Euro würden von Beginn an die wirtschaftlich soliden Staaten Holland, Finnland, Österreich und Deutschland angehören.

Es wäre aber wahrscheinlich, dass sich die Gruppe der Mitgliedsstaaten mittelfristig um Schweden, Tschechien und Dänemark erweitern könnte.

Eine echte Gemeinschaft könnte entstehen

Eine Nord-Euro-Währungsunion hätte den Vorteil, dass sich in ihr deutlich homogenere Staaten versammeln würden als in der momentanen Währungsunion des Euros.

Der ähnliche Entwicklungsgrad der Nordländer würde eine zentrale Wirtschaftspolitik ermöglichen, die auch eine länderübergreifende Steuerharmonisierung beinhalten könnte.

Darüber hinaus wäre eine der wirtschaftlichen Entwicklung angemessene Gestaltung der Leitzinsen seitens der Zentralbank möglich.

Die südeuropäischen Staaten würden davon profitieren, dass ihre Währung gegenüber dem Nord-Euro an Wert verliert. Die Wettbewerbsfähigkeit dieser Staaten würde sich erst einmal ganz ohne schmerzhafte Strukturanpassungen durch die Abwertung erhöhen.

Allerdings würden die Krisenstaaten ohne Transferzahlungen durch Deutschland und Co. unter noch höherem Druck stehen, ihren Haushalt zu konsolidieren.

Als erstes trifft es Griechenland

Das wahrscheinlichste Szenario bleibt kurzfristig der Austritt Griechenlands aus der Währungsunion. Der griechische Staat präsentiert sich in einer so desolaten Verfassung, dass er die ihm auferlegten Sparziele vermutlich nicht erfüllen wird.

Über kurz oder lang werden die Kreditgeber die Reißleine ziehen. Spätestens dann, wenn sie den immer neuen Ankündigungen der griechischen Regierung „es diesmal besser zu machen“ keinen Glauben mehr schenken werden.

Ein Austritt Griechenlands wäre ein Präzedenzfall. Dieser würde den Weg für weitere Austritte ebnen und könnte den Beginn einer kompletten Neuorganisation der Europäischen Union darstellen.

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg…

Deutschland ist ein souveräner Staat und sollte in erster Linie dem Wohl seiner Bürger verpflichtet sein. Daher ist ein Austritt aus der Währungsunion auch prinzipiell möglich.

Die Ungleichgewichte innerhalb der Euroraumes werden entweder die Währungsunion sprengen oder aber durch immer größere Transferzahlungen notdürftig gekittet.

Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass die südeuropäischen Staaten im Gegenzug für finanzielle Hilfen einen Teil ihrer Souveränität an die EU abgeben werden. Die nach dem Vorbild der USA angestrebten „Vereinigten Staaten von Europa“ werden daher wohl nur eine Utopie bleiben.

Die besonders von angelsächsischen Investoren gestreuten Untergangszenarien für den Fall des Zusammenbruchs der Währungsunion scheinen wenig realistisch.

Der Euro schadet der europäischen Idee

Der Euro schadet im Moment der europäischen Idee mehr als das er ihr nützt. Die Euro-Schuldenkrise hat nationale Ressentiments aufflammen lassen, die schon längst überwunden schienen. Deutschlands relative Stärke reicht nicht aus, um den Euroraum im Alleingang zu retten.

Die Euro-Staaten sollten daher alternative Möglichkeiten der Zusammenarbeit prüfen. Nur wenn die einzelnen Nationalstaaten wieder souverän agieren können, kann eine neue Grundlage für eine europäische Zusammenarbeit geschaffen werden.

8. August 2012

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Ludwig Buhmann
Von: Ludwig Buhmann. Über den Autor

Ludwig Buhmann analysiert für die GeVestor-Leser politische Entwicklungen rund um den Globus.