Kapitalmarkt und Konjunktur 2017: Nervenstärke wird zum Asset

Et hätt noch immer jot jejange, sagen die Kölner. Und was für 2016 galt – der DAX stieg binnen Jahresfrist um gut 5 Prozent –, soll sich 2017 fortsetzen. Meinen zumindest die meisten Kapitalmarktstrategen in den Banken. Das Wachstumspotenzial sehen sie bei durchschnittlich 10,6 Prozent. Doch von „Euro am Sonntag“ konkret gefragt, wo steht der DAX zum Jahresende, werden die Experten vorsichtiger. Maximal 12.000 Punkte sehen die zuversichtlichen. Die Pessimisten rechnen sogar damit, dass der Leitindex auf 11.000 Punkte fällt – bestenfalls das Niveau vom Dezember 2016 hält.

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America – Great again? Trump bringt nur die halbe Börsenwahrheit

Diese Prognosen verdeutlichen die Unsicherheit. Eine Unsicherheit, die auch aus dem Ausgang der Präsidentschaftswahlen in den USA resultiert. Markige (manche sagen unverschämte) Worte und Polarisierung prägten den Wahlkampf des Siegers Donald Trump. Das stieß auch Ökonomen ab und weckte Ängste bei den Investoren. Doch nachdem sich der Staub legt, wird der Blick klarer. Der neue Präsident hat ein billionenschweres Infrastrukturprogramm angekündigt. Er will die Steuern senken und die Regulierung zurückfahren. Beifall kommt von der Ölindustrie und von großen Teilen der Technologieszene im Sililcon Valley. Und auch Kritiker rechnen damit, dass die US-Wirtschaft allein im ersten Jahr der Ära Trump um bis zu 2,3 Prozent wachsen dürfte. Auch über das Jahr hinaus zeigt der Trend nach oben.

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Trumps großes Vorbild als Präsident ist Ronald Reagan, der America mit einer expansiven Wirtschaftspolitik in den achtziger Jahren einen enormen Aufschwung und neue Jobs gebracht hatte. Der Unterschied ist: Die USA haben derzeit kein Problem am Arbeitsmarkt. Die Zahl der Beschäftigten steigt. Laut McKinsey Global Institute  hat die Obama-Administration eine Ära des Arbeitsplatzabbaus beendet, die beispiellos in der amerikanischen Nachkriegsgeschichte war. Trump übernimmt also das sprichwörtliche „gut bestellte Haus“.

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Die US-Wirtschaft hat zwar tendenziell eine Unterauslastung der Kapazitäten, sagt auch Dr. Jörg Zeuner, der Chefvolkswirt der KfW. Das eigentliche Problem seien aber nicht unterbeschäftigte Arbeitskräfte, sondern eine mangelnde Produktivität.

America first: Stehen wir vor dem Ende der Globalisierung?

So groß die Hoffnungen zumindest gut der Hälfte der US-Bürger auf die Ära Trump sind, so ungewiss scheint, was die neue Führung im Weißen Haus für den Rest der Welt bedeutet. Im Wahlkampf war schneidig davon die Rede, Freihandelsabkommen zu kündigen und neue Mauern zu bauen – nicht nur zur Abwehr von Migranten.

Tatsächlich ist die einst größte Volkswirtschaft der Welt in erster Linie eine Importnation. Das hat Abhängigkeiten wachsen lassen, und diese abzuschütteln, wird allenfalls längerfristig möglich sein. Gelingt es der US-Wirtschaft, die Produktivität deutlich zu steigern, wäre es möglich, sagen Experten. Bis dahin wird sich am Status Quo nur wenig ändern.

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Würde der neue Präsident zum Beispiel wirklich einen Handelskonflikt mit China riskieren, stünde gut ein Fünftel des US-amerikanischen Aussenhandels zur Disposition. Es wäre auch ein krasser Bruch. Denn unabhängig davon, wer Präsident war, sind die Handelsbeziehungen nach Asien seit 30 Jahren stabil – sie halten sich konstant auf einem Niveau zwischen 30 und 40 Prozent.

 

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Vor diesem Hintergrund gibt es auch für deutsche Exportfirmen wenig Grund zur Sorge um das USA-Geschäft. Die Abhängigkeiten sind ähnlich. Der Währungseffekt ist dagegen weniger Grund zur Gelassenheit. Zwar ist der Euro im Vergleich zum Dollar relativ billig (das begünstigt Exporte), doch gilt die amerikanische Währung als sehr hoch bewertet. Heißt, das Pendel kann auch schnell wieder in die andere Richtung ausschlagen: der Eurokurs kann wieder steigen und Exporte verteuern.

Geteilte Welt: Europa beschäftigt sich mit sich selbst

Momentan ist die amerikanische Währung attraktiver als die europäische Gemeinschaftswährung. Nicht zuletzt, weil die US-Notenbank eine Wende in der amerikanischen Geldpolitik eingeleitet hat. Jenseits des Atlantiks erwarten die Devisenanleger höhere Zinsen. Zudem zeichnen sich Konturen eines Wachstumsprogramms ab. Die Alte Welt scheint dagegen auseinanderzudriften.

Die einstigen Sorgenkinder Spanien, Portugal und Irland kommen zwar wieder auf die Füße, aber für Griechenland gibt es noch immer keine Entwarnung. Parallel hakt es in großen Volkswirtschaften wie Frankreich oder Italien. Insbesondere Italien könnte die Ablehnung dringend notwendiger Strukturreformen zum Verhängnis werden. Das gescheiterte Referendum über eine Verfassungsreform ist jüngstes Indiz.

Nicht nur in Italien kämpft die etablierte Politik um die in den Maastricht-Verträgen vereinbarte Konvergenz, also Annäherung der europäischen Nationen, und zwar gegen den wachsenden Widerstand großer Teile der Bevölkerung. Der wirtschaftlichen Divergenz scheint, eine politische Divergenz zu folgen.

Auch vor diesem Hintergrund legte der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage der Bundesregierung dringend nahe, sich für Reformen auf europäischer Ebene einzusetzen (https://www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de/fileadmin/dateiablage/gutachten/jg201617/kap04_jg16_17.pdf):

  1. „Angesichts der zunehmenden Fliehkräfte in der EU sollte dem Subsidiaritätsprinzip wieder mehr Raum gegeben werden. In einigen Bereichen wie der Klimapolitik, der Asylpolitik und der inneren Sicherheit ist eine starkere Integration wünschenswert. Die Fiskal-, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik sollten hingegen in der Verantwortlichkeit der Mitgliedstaaten verbleiben.“

Prof. Volker Wieland, Mitglied im Sachverständigenrat und Geschäftsführender Direktor des Instituts für Monetäre Ökonomie und Finanzstabilität, sieht die Folgen unterlassener Reformbemühungen langfristig. Die Märkte mögen den Brexit zwar schnell verkraftet haben, auf Dauer aber würden sich Absetzbewegungen negativ für die Wirtschaft auswirken.

Politik und Börse: Polarisierung prägt Prognosen

Zuversicht sieht anders aus. Zwar sagt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) allgemeines Wachstum der Weltwirtschaft zwischen 3 und 3,6 Prozent bis 2018 voraus. Doch die europäische Wirtschaft wächst mit 1,7 Prozent nach dieser Prognose unterdurchschnittlich.

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Und viele Investoren bleiben skeptisch in Bezug auf die Eintrittswahrscheinlichkeit. Immerhin sind die geopolitischen Krisen in der Welt näher gerückt, seit Terroranschläge auch Europa erschüttern. Geopolitische Instabilität sehen Entscheider als größtes Risiko über die nächsten 12 Monate. So ergab es eine Umfrage des McKinsey Institutes. Diese belegt zugleich eine wachsende Sorge vor einem Abflauen des Welthandels. Mehr noch fürchten die Entscheider allerdings politische Führungswechsel.

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Diese Sorgen spiegeln die gesellschaftliche Stimmungslage. Terrorangst befeuert die Forderung nach strengeren Einwanderungsvorschriften. Wachsende Wohlstandsunterschiede zwischen den Volkswirtschaften – insbesondere den Industrieländern – treiben Bestrebungen nach wirtschaftlicher Abschottung. Das Schlagwort „Neo-Protektionismus“ hat Konjunktur: Trumps „America First“ trifft auf die TTIP-Ablehnung europäischer Globalisierungsgegner.

2017 bekommt diese Gemengelage besondere Brisanz, weil auch in Europa wichtige Wahlen anstehen: zunächst im März in den Niederlanden, einen Monat später dann die Präsidentschaftswahlen in Frankreich und im Herbst schließlich die Wahlen zum deutschen Bundestag. Und für all diese Urnengänge laufen sich aussichtsreiche Vertreter von politischen Extrempositionen warm.

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Die Welt fährt Autoscooter“, meint Dr. Gertrud Traud, die Chefvolkswirtin der Helaba. Wirtschaftlich gehe es zwar voran, aber der Aktionraum sei begrenzt und plötzliche Erschütterungen bedrohten die Fahrt. Zumal schädliche Nebenwirkungen der europäischen Geldpolitik immer deutlicher würden.

Die Helaba-Analysten kommen zu dem Schluss: Da die modifizierte Ertragsgleichung: „niedriges reales Wachstum + niedrige Inflation + unkonventionelle Geldpolitik = niedrige Nominalrendite“ zur Tagesordnung wird, verändert sich das Anlageverhalten. Um noch die Chance auf eine auskömmliche Rendite zu erhalten, ist der Investor gezwungen, mehr Risiko zu nehmen.

Das Anleger-Dilemma: Rendite oder Sicherheit

Auf absehbare Zeit rechnet niemand mit einem Kurswechsel der EZB. Während in den USA die Zinsen – moderat – steigen, bleibt es in Europa wohl beim „lower for longer“. Die Sicherheit, die Anleihen bieten, bezahlen Investoren mit Renditeverzicht. Und die EZB prägt mit ihrem exzessiven Anleihekaufprogramm weiterhin das Marktgeschehen.

Noch scheinen Immobilien eine Alternative zu sein. Doch mit dem Niedrigzins wächst die Gefahr von Spekulationsblasen, heißt es bei der Deka-Bank. Die Nachfrage nach den so genannten „Illiquiden“ Anlagen – zum Beispiel Immobilien – dürfte dennoch hoch bleiben, sagen Experten, weil die Alternativen mit hohen Risiken verbunden sind.

Auch Aktien sind risikobehaftet, denn sie sind über die vergangenen Jahre eine der wenigen, wirklichen Ertragsquellen für Anleger gewesen. So haben Experten errechnet, dass der DAX einen Dividendenrendite von 3 Prozent aufweist. Entsprechend gelten die meisten Papiere als relativ teuer. Doch sie bleiben attraktiv. Denn das durchschnittliche KGV der DAX-Werte liegt nur etwa 6 Prozent über dem Mittelwert der vergangenen 10 Jahre. Der Vergleichswert des Dow Jones liegt bei 20 Prozent.

Das spricht eher für deutsche Anteilsscheine. Paradoxerweise schielen aber die meisten Investmentprofis auf amerikanische Werte. „Die Deutsche Bank bevorzugt US-Aktien aus den Sektoren IT, Healthcare und Finanzen.“, heißt es zum Beispiel im Kapitalmarktausblick vom größten deutschen Geldhaus.

Diese Aussage bietet allerdings auch schon eine Auflösung des vermeintlichen Anlageparadoxons: die Profis üben sich im Stock Picking. Die Sektorauswahl bestimmt mehr denn je die Performance-Chancen bei der Aktienanlage. Bereits 2016 hat der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock Umschichtungstendenzen ausgemacht. Und die hätten sich nach der Präsidentschaftswahl in den USA noch verstärkt.

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Finanzwerte könnten von der angekündigten Deregulierung profitieren; Pharmawerte verlieren Attraktivität, weil Obamacare, die umstrittene Gesundheitsreform des scheidenden Präsidenten, auf Trumps Streichliste steht. Technologiewerte stehen im Fokus, da die versprochene Modernisierung der Infrastruktur ohne Innovation ins Leere laufen würde.

Allerdings treffen Anlagestrategen diese Aussagen nur auf kurze Sicht. Zu unsicher ist, was Trump tatsächlich bringt. Blackrock selbst gibt sich in seinem Kapitalmarktausblick neutral in Bezug auf US-Aktien und verweist auf die „known unknowns“ in Trumps Regierungsprogramm – die bekannten weißen Flecken und Lücken.

Bereits vor der Wahl rechnete die Investmentbank JP Morgan mit Gewinnsteigerungen um 17 Prozent bei US-Unternehmen, und dieser Wert sollte deutlich übertroffen werden, wenn die angekündigten Steuersenkungen kommen. Fraglich ist nur, wie stark das Vorhaben mit steigenden Staatsschulden erkauft wird. Langfristig ist zudem offen, ob sich die Hoffnungen erfüllen, die beispielsweise mit dem Technologiesektor verbunden werden.

Von Einhörnern und Scheinriesen – entpuppt sich die digitale Revolution als Märchen?

Startups und Techwerte sind in den vergangenen Jahren die Hoffnungsträger des technologischen Fortschritts geworden. Tatsächlich sind Zeichen der Veränderung allgegenwärtig – von der sozialen Vernetzung der Menschen über Facebook & Co. bis zur Vernetzung von Maschinen und dem Internet of things.

Für einen deutlichen Wachstumsschub der Wirtschaft – nicht nur in den USA – braucht es aber eine erhebliche Steigerung der Produktivität, heißt es übereinstimmend in allen maßgeblichen Konjunkturvorhersagen zum Jahreswechsel. Zahlen der OECD belegen, dass das Produktivitätswachstum weltweit kontinuierlich gesunken ist – in Deutschland von 7 Prozent in den 1950er Jahren auf aktuell unter 1 Prozent.

Woran es fehlt, sind so genannte „Spill-over“-Effekte, das heißt die Übertragung innovativen Potenzials in die Gesamtwirtschaft. Produktivitätszuwächse gibt es laut einer Untersuchung der ING-DiBa in einzelnen Sektoren. Und im Bereich von IT und Informationsdienstleistungen gehe die gestiegene Produktivität auch mit einer Zunahme der Erwerbstätigkeit einher. In anderen Branchen sei der Zusammenhang eher gegensätzlich, sagt Carsten Brzeski, der Chefvolkswirt der ING-DiBa.

So wirkt die digitale Revolution wie ein Scheinriese: Das Schlagwort weckt auf den ersten Blick größere Erwartungen, als sich beim näheren Hinsehen erfüllen. Statt brachialer Umwälzung ist laut Brzeski ein allmählicher Wandel wahrscheinlicher.

In jedem Fall findet er statt. Dafür stehen auch die so genannten Einhörner: Innovative Jungunternehmen und Startups, deren realer – oder potenzieller – Börsenwert auf über 1 Mrd. Euro geschätzt wird. 47 solcher Unternehmen hat GP. Bullhound, eine Strategie- und Finanzberatung für Technologieunternehmen, 2016 in Europa ausgemacht.

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Deutsche Börse betreibt Landschaftspflege: Entry Standard wird durch Wachstumssegment ersetzt

Deutschland zählt mittlerweile 6 Technologieunternehmen, deren Bewertung die Milliardengrenze überschreitet. Die bekanntesten sind Zalando und Rocket Internet – wenn auch noch immer unprofitabel. Zu den heißesten Börsenaspiranten hierzulande zählt HelloFresh, ein Lieferservice für Lebensmittel, geschätzter Wert: 2,9 Mrd. Euro.

Wie viele Unternehmen 2017 tatsächlich an die Börse gehen, zählt zu den vielen Unsicherheiten des Jahres. Die Deutsche Börse selbst sagt nichts zu den Erwartungen. Stattdessen aber darauf, dass das Umfeld für Wachstumsunternehmen besser wird. So wird im März 2017 der Entry Standard einem neuen Wachstumssegment für klein- und mittelständische Unternehmen weichen. Es soll den Zugang zu Investoren und Wachstumskapital verbessern.

Rohstoffe: Als Anlage ein zweischneidiges Schwert

Da die meisten Prognosen von steigender Nachfrage an den Börsen ausgehen, dürfte das Umfeld für Wachstumsunternehmen 2017 positiv sein. Dennoch halten sich alle Beteiligten mit konkreten Vorhersagen zurück. Zu groß sind eben die politischen Unwägbarkeiten.

Auch die Rohstoffpreise sind als Indikator für den Zustand der Wirtschaft nur bedingt geeignet. Sollte in den USA tatsächlich ein milliardenschweres Infrastrukturprogramm anlaufen, rechnen Analysten mit einer verstärkten Nachfrage nach Industriemetallen. Sie hat bereits nach der Wahl Trumps eingesetzt. Ob der Trend jedoch anhält, bleibt abzuwarten. Denn Zeitpunkt und Ausmaß der vom gewählten Präsidenten ausgerufenen „Re-Industrialisierung“ sind noch völlig offen. Es ist somit reine Spekulation, ob und wie viel Anleger von einem solchen Programm profitieren können.

Die längerfristige Ölpreisentwicklung spiegelt jedenfalls die bislang anhaltende Abschwächung der Weltkonjunktur wieder. Einer kontinuierlich steigenden Produktion stand eine fallende Nachfrage gegenüber. Die jüngst beschlossene Drosselung der OPEC-Ölproduktion hat den Preisverfall zunächst gestoppt und eine Trendumkehr eingeleitet. Ein Ölpreis von 53 Dollar für das Barrel WTI  wird von Marktbeobachtern für 2017 als durchaus realistisch gesehen. Doch das Anstiegspotenzial ist begrenzt. Denn über einer Marke von 50 Dollar wird für US-Förderer auch das Fracking wieder profitabel; sie würden die Fördermenge voraussichtlich wieder in die Höhe treiben.

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Wo Unsicherheit ist, steigt jedoch die Attraktivität von Krisenwährungen – allen voran Gold. In den Banken rechnet man mehrheitlich mit Kurssteigerungen. Im Jahresverlauf gehen die Analysten im Schnitt von einem Anstieg um ca. 100 Euro je Feinunze aus.

Alternative Absicherung: Zertifikate-Branche geht optimistisch ins Jahr 2017

Politische Unwägbarkeiten, Anstieg der Inflation, Niedrigstzins – auch 2017 gibt es etliche Gründe, Wege zur Vermögenssicherung zu suchen. Gold oder Immobilien gelten daher nach wie vor als erprobte Anlageklassen. Investoren koppeln sich damit aber von den erwarteten Kursgewinnen am Aktienmarkt ab.

Mit Zertifikaten lässt sich das Dilemma umgehen. Die meisten Emittenten rechnen laut Umfrage des Deutschen Derivate Verbands mit einer steigenden Nachfrage nach Aktienanleihen und Express-Zertifikaten. Deren Erträge hängen unmittelbar von der Entwicklung am Aktienmarkt ab, haben jedoch eine Sicherungsfunktion eingebaut, um Aktienrisiken abzufedern.

Solche Teilschutz-Zertifikate befinden sich im Aufwärtstrend, sagt Lars Brandau, Geschäftsführer des DDV. Und dieser Trend werde nach Ansicht der Emittenten 2017 anhalten. Zumal strukturierte Wertpapiere mit vollständigem Kapitalschutz im Niedrigzinsumfeld kaum zu attraktiven Konditionen aufgelegt werden könnten.

Fazit

Politik wird zunehmend zum börsenprägenden Thema: mit den Wahlen in den zwei größten Volkswirtschaften der Europäischen Union – und der anhaltenden Polarisierung der Gesellschaft – wird die künftige Umfeldgestaltung für Wirtschaft und Kapitalmärkte zur großen Unbekannten. Wird es eine stärkere Abschottung geben, einen Neo-Protektionismus? Wie geht es weiter mit der Europäischen Union? Das sind die entscheidenden Fragen.

Die Voraussetzungen für Kursgewinne sind allerdings gut. Die meisten Experten gehen von einem leichten Anziehen der Weltkonjunktur aus, insbesondere, weil die Schwellenländer Erholungstendenzen zeigen.

Offen ist, wie der neu gewählte Präsident in den USA seine Amtszeit startet. Seine Ankündigungen eines milliardenschweren Infrastrukturprogramms, von Steuersenkungen und Deregulierungen weisen auf Wirtschaftsimpulse, die den USA bis zu 2,5 Prozent Wirtschaftswachstum bringen könnten. Auch die – moderate – Zinstrendwende der US-Notenbank steigert die Attraktivität des Standorts. Zumindest kurzfristig, denn die meisten Prognosen sind mit Warnhinweisen vor „bekannten Unbekannten“ im Trump-Programm versehen – und somit Vorschusslorbeeren.

Europas Exporteure könnten von einem Aufschwung in Übersee profitieren. Denn der Optimismus und der leicht gestiegene Zins stärken die US-Währung – machen Einkäufe in Euro folglich günstiger. Darüber hinaus zeigt sich kein Ende des Reformstaus in Europa, und die Geldpolitik der EZB offenbart nach Ansicht vieler Analysten zunehmend schädliche Nebenwirkungen.

Experten rechnen mit einer Fortsetzung der ultralockeren Geldpolitik. Das dürfte die Attraktivität von Aktien weiter erhöhen und Renditeerzielung im Anleihemarkt weiter erschweren. Ob die Suche nach sicheren Anlagealternativen zur Blasenbildung am Immobilienmarkt führt, ist umstritten. Fest steht, dass die Banken mit weiter steigenden Preisen in dieser Assetklasse rechnen.

An den Rohstoffmärkten werden sich nach den vorliegenden Prognosen die Kursanstiege in Grenzen halten. Der beschlossenen Förderbeschränkung beim OPEC-Öl steht die erwartete Ausweitung der Förderung von US-Schieferöl entgegen. Auch die Nachfrage nach Industriemetallen tendiert zwar nach oben, gilt aber als noch nicht nachhaltig. Immerhin Gold wird eine steigende Nachfrage vorhergesagt. Angesichts zunehmender politischer Unwägbarkeiten gewinnt das Edelmetall an Attraktivität – und nach Einschätzung der Analysten im Jahresverlauf um ca 100 Euro/Feinunze an Wert.

9. Januar 2017

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Von: Marcus Schult. Über den Autor

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