MenüMenü

Gratis Studie zum kostenlosen Download:
Neu: 3 Topaktien für das Jahr 2017 . . . Download hier ➜

Kriegswirtschaft 1916: Wie ein Verzweiflungsakt das Kaiserreich lahmlegte

Kriege kosten auch immer viel Geld. In der Vergangenheit wurde es verbreitet über Kriegsanleihen hereingeholt, doch deren Wert ist eine Frage von Sieg oder Niederlage. Die Kosten und Risiken sind genauso wenig vorhersehbar wie der Verlauf vermeintlich rascher Waffengänge.

100 Jahre Hindenburg-Programm: Kraftakt mit Boomerang-Effekt

Das verheerende Sprengpotenzial wird aktuell mit Blick auf den Kalender in Erinnerung gerufen: 100 Jahre ist es her, dass Hindenburg ein Programm auferlegte. Es markiert die im ersten Weltkrieg unvermeidlich erscheinende Umstellung auf die Kriegswirtschaft mit allen Folgen für Bevölkerung, Unternehmen und Finanzsystem.

Und nicht nur das. Die Maßnahme, mit der das Reich die Kriegsmaschinerie optimieren wollte, würgte sie sogar ab – weil die volkswirtschaftlichen Auswirkungen nicht durchdacht oder verdrängt wurden. Auch dafür steht das Datum 100 Jahre Hindenburg-Programm: ein Kraftakt mit Boomerang-Effekt.

Der Grund, warum vor 100 Jahren das Hindenburg-Programm eingeleitet wurde, war die unerwartete Entwicklung an der Westfront. Rückte nach August 1914 das kaiserliche Heer rasch Richtung Paris voran, blieb die Offensive ab Oktober im zermürbenden, endlosen Stellungskampf stecken. Bei Verdun und an der Somme gab es auf beiden Seiten nur noch Tote, aber keine Geländegewinne.

Kriegswirtschaft bremst das System aus

Gleichzeitig veränderte sich der Krieg, der mit alten Mustern begann. Er wurde zur Ressourcen- und Materialschlacht, und in der Technik moderner. Der Luftkrieg gewann an Bedeutung und die Briten erfanden die ersten Panzer. Um mithalten zu können und Personalverluste durch mehr sowie bessere Waffen auszugleichen, erließ die oberste Heeresleitung unter der neuen Leitung Paul von Hindenburgs am 31.08.1916 ein Programm zur Mobilisierung aller Kräfte.

Die gesamte Wirtschaft wurde zwangsweise auf Kriegsproduktion umgestellt. Alle Frauen sowie nicht eingezogene Männer waren zur Arbeit zwangsverpflichtet. Als mit Kriegseintritt der USA 1917 der Druck stieg, zeigten sich die Folgen: Zivilwirtschaft, Transportsystem und Lebensmittelversorgung kamen zum Erliegen. Die geplanten Steigerungsraten wurden nicht erreicht. Hunger, Streiks und Unruhen trugen zum Erlahmen der Kriegsmaschine bei und damit zur Niederlage im November 1918.

Verschuldung und Finanzverbote

Der gescheiterte Kraftakt fand zudem im Umfeld einer extremen Verschuldung statt, die er nur noch verstärkte. Schon bis 1916 verschlang der Krieg jeden Tag bis zu 70 Mio. Mark. Die Reichswährung verlor gegenüber dem Dollar dramatisch an Wert, wozu die kriegsbedingte sinkende Wirtschafts- und Exportleistung beitrugen. Weil die Steuereinnahmen nur gut 13% der Kriegskosten deckten, wurden bereits 1914 neue Währungsgesetze erlassen.

So wurde 1914 der Goldstandard aufgehoben, was eine höhere Verschuldung ermöglichte. Die regierungsabhängige Reichsbank beförderte staatlich gewollte großzügige Kreditvergaben und verhinderte eine Ausweitung der Kreditkrise im privaten Finanzsektor. Die Banken nämlich hatten die Gefahren erkannt und waren entsprechend zurückhaltend.

Gleichzeitig wurden eins ums andere insgesamt 9 Kriegsanleihen zu 5 % Zinsen aufgelegt. Um den Geldstrom der Investoren komplett auf diese Anleihen zu lenken, wurden ab dem Hindenburg-Programm private Emissionen wie Unternehmensanleihen oder Vorzugsaktien verboten. Und Aktiengesellschaften kamen unter Staatsaufsicht. Anleger wurden schon hier zu Verlierern.

Am Ende die Inflationsspirale

Zu Kriegsende beliefen sich die Schulden auf rund 150 Mrd. Mark – ohne die Reparationsforderungen der Siegermächte. Da es nach dem Krieg kaum Aussicht auf wirtschaftliche Erholung und genügend Staatseinnahmen gab, sank der Kurs der Anleihen ins Bodenlose, was die Regierung zu einigen teuren Rückkäufen veranlasste. In der Folge drehte sich die Inflationsspirale immer schneller. Aktien- und Anleiheanleger waren abermals die Dummen. Es folgte eine Währungsreform und 1929 der Börsencrash.

Der geschichtliche Rückblick zeigt unter anderem die Bedeutung von Rechtsstaatlichkeit, parlamentarischer Kontrolle, privater Wirtschaft und einer unabhängigen Zentralbank. Man mag sich heute über Schwachstellen beim System Euro und in der Konstruktion der EU streiten. Doch solange es die EZB gibt, sind beispielsweise Kriegsanleihen für einen Waffengang gegen ein anderes Mitgliedsland kaum vorstellbar.

7. Juni 2016

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.