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Merkantilismus – Definition eines strapazierten Begriffs

Während sich der Anleger freut, wenn der DAX die Stärke der deutschen Exportwirtschaft spiegelt, prangern Kritiker die Exportüberschüsse Deutschlands als Merkantilismus an.

Merkantilismus ist ein Sammelbegriff, der in Bezug auf bestimmte wirtschaftliche Vorgänge heute oft auch als Neo-Merkantilismus bezeichnet wird.

Definition und Beschreibung des klassischen Merkantilismus

Einige Länder wie China, aber auch Deutschland, werden zunehmend mit dem Vorwurf konfrontiert, nach den Prinzipien des Merkantilismus zu handeln.

Doch was versteckt sich hinter diesem Begriff? Grob gesagt, bezeichnet er eine Wirtschaftspolitik, bei der der Staat gezielt in die Wirtschaftsabläufe eingreift.

Ziel ist in der Regel, die eigene Marktposition durch hohen Export, Handelsbilanzüberschüsse und Protektionismus zu stärken.

Merkantilismus ist eng mit Begriffen wie Schutzzölle oder Handelskrieg verbunden. Laut Definition ist der Merkantilismus zunächst als Ideologie und Wirtschaftspolitik auf Kosten anderer Länder in der Geschichte verortet. Er geht auf das Zeitalter des Absolutismus zurück.

Die Herrscher Europas entdeckten die Außenwirtschaft als Mittel der Geldbeschaffung und des Machtausbaus.

Die Idee: Möglichst viel exportieren, Geld in die Staatskasse holen und Goldreserven anhäufen. Gleichzeitig wurde der Import durch allerlei Handelshemmnisse gedrosselt.

Um die eigenen Löhne niedrig halten zu können, mussten auch die Lebensmittelpreise niedrig bleiben. Ansonsten hatte der Inlandskonsum keinen Stellenwert.

Der Konkurrenzkampf um Handelsbilanzüberschüsse zu Lasten anderer Länder führte zu andauernden Handelskriegen und kolonialer Ausbeutung. Die Rechnung ging aber nicht immer auf. Die kostspieligen Kriege belasteten die Staatshaushalte und hatten insofern eine Art Ausgleichsfunktion.

Der Merkantilismus zeigte sich in Frankreich, England und Preußen mit unterschiedlichen Ausprägungen.

Mehr zum Thema: Merkantilismus – Frankreichs Vergangenheit als Hypothek?

Die Epoche des kruden Merkantilismus ging mit Ablauf des 18. Jahrhunderts zu Ende. Doch merkantilistische Tendenzen waren damit nicht ausgestorben.

Neo-Merkantilismus des 20. Jahrhunderts

Einseitige Verschiebungen im weltwirtschaftlichen Gefüge, die durch nationale Egoismen geduldet oder gefördert werden, führen immer wieder zum Vorwurf des Neo-Merkantilismus.

Traditionell steht der Neo-Merkantilismus vor allem für die interventionistische Wirtschaftspolitik zu Anfang des 20. Jahrhunderts: Stärke durch Autarkie, Exportförderung und Abkehr vom Freihandel, alles auf Basis des Goldstandards.

Während der Weltwirtschaftskrise wurden nationaler Wohlstand und Beschäftigungsquoten verbissen gegen andere Länder verteidigt.

Die Annahme, dass Geldgewinn durch Außenhandel nachhaltigen Wohlstand schafft, erwies sich als Irrweg.

Denn der hängt nicht von Goldschätzen ab, sondern von Gütern und Dienstleistungen, die real zur Verfügung stehen. Wenn auf Dauer mehr Güter abgegeben als eingeführt werden, entstehen Verluste.

Obendrein sorgt inflations- und abwertungsbedingter Druck für Verluste der Währungsreserven.

Massive Handelsbilanzüberschüsse und Störungen des Gleichgewichts in den Außenhandelsbeziehungen zeigen sich aber auch heute. Ebenso der  Ausbau und die Verteidigung wirtschaftlicher Stärke durch staatliche Interventionen.

Die zunehmende Globalisierung und die öffentlichen Bekenntnisse zum Freihandel stehen dem offenbar nicht im Wege.

Die Erkenntnis, dass ein außenwirtschaftliches Gleichgewicht zu den Grundpfeilern einer gesunden Marktwirtschaft gehört, gerät immer wieder in Vergessenheit.

Neo-Merkantilismus aktuell

Massive Exportförderung, Marktabschottungen oder die fragwürdige Zinspolitik etlicher Notenbanken sind gerade in Zeiten von Finanzkrisen und Staatsverschuldungen zu beobachten.

Mehr zum Thema: Die Zinspolitik der Notenbanken – Wettlauf des billigen Geldes

Und das führt zu einer aktuellen Definition des Neo-Merkantilismus: zum Streben nach Zahlungsbilanzüberschüssen sowie einer Stabilisierung der heimischen Beschäftigungsquote durch Protektionismus.

Als prominentes Beispiel in Sachen Protektionismus, Devisenanhäufung und aggressivem Export gilt China. Neben anderen Ländern steht auch Deutschland in der Kritik.

Im Zentrum steht die mangelnde Bereitschaft, von einigen Prinzipien des wirtschaftlichen Erfolgs abzulassen.

Der Vorwurf: Durch vergleichsweise niedrige Löhne und hohen Export schaffen die Handelsbilanzüberschüsse Druck auf Handelspartner.

Die beiden Beispiele aber zeigen, dass der häufig bemühte Vorwurf des Merkantilismus mit Vorsicht zu genießen ist. Zum einen hat der Begriff immer eine ideologisch-historische Komponente.

Zum anderen enthält die Definition nicht nur ein Kernmerkmal. Bezieht man sich rein auf die Exportüberschüsse, so mag dies auf Deutschland zutreffen.

In Sachen Protektionismus und Dirigismus ist Deutschland jedoch nicht mit China zu vergleichen.

Merkantilismus – Begriffsdefinition mit viel Spielraum

Davon abgesehen stellt sich die Frage, ab wann ein staatlicher Eingriff zum Charakter des Merkantilismus passt. Prominentes Beispiel ist der öffentliche Streit, ob die Vorgaben der Agenda 2010 mit der verbesserten Wettbewerbsfähigkeit durch moderate Löhne dazugehören.

Bleibt festzuhalten: Der Begriff des Merkantilismus ist mit seiner Definition nicht „justiziabel“ und lässt viel Raum für politische Interpretation.

Als gezielte Wirtschaftspolitik jedoch passt er nicht zum Bekenntnis zum Freihandel und der Notwendigkeit außenwirtschaftlicher Gleichgewichte.

29. April 2013

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.