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Merkantilismus – Frankreichs Vergangenheit als Hypothek?

Merkantilismus ist ein beliebter politischer Kampfbegriff, wenn es um außenwirtschaftliche Schieflagen geht.

Doch nicht immer trifft er den Kern.

Merkantilismus und Absolutismus in Frankreich

Aufgrund seiner historischen Komponente wird der Merkantilismus verbreitet mit Frankreich in Zusammenhang gebracht. Immerhin hat er dort seine Wurzeln.

Nach den Verwüstungen durch die Religionskriege lag das Land zu Beginn des 16. Jahrhunderts brach. Die Monarchie nahm den Regionalfürsten die Macht ab und ebnete den Weg zum absolutistischen Zentralstaat.

Mehr zum Thema: Merkantilismus – Definition eines strapazierten Begriffs

Um Geld in Staatskassen zu spülen besann man sich auf neuen Prinzipien, die die bisherigen mittelalterlichen Strukturen ablösten: Der Merkantilismus.

Durch den Export von Handelsgütern und die gleichzeitige Abschottung des eigenen Marktes sollten hohe Überschüsse erzielt werden.

Im Bestreben Importe zu vermeiden, wurden ausländische Fachkräfte ins Land geholt. Geldbeschaffung also durch einseitigen Handel. Devisenüberschüsse wurden in Form von Gold und Silber angehäuft.

Weitreichende dirigistische Maßnahmen veränderten das Land. Produktionsstätten wurden geschaffen, Handelsgesellschaften, Handelswege und -flotten.

Maße und Gewichte wurden vereinheitlicht und ein neues Steuer- und Finanzsystem ausgearbeitet. Alles bis ins Detail nach zentralen Vorgaben.

Der Merkantilismus breitete sich auch in England und später in Preußen aus. Er brachte kostspielige Handelskriege mit sich. Der Merkantilismus machte Frankreich zur führenden europäischen Macht. Die stärkste Handelsmacht war jedoch England.

Als Architekt des Merkantilismus gilt Jean Colbert, der Finanzminister des Sonnenkönigs Louis XIV. Der Merkantilismus stand für ein Wirtschaftssystem des militanten feudalen Nationalstaats und für Handelskrieg. Das Ende kam mit der französischen Revolution.

Merkantilismus – Frankreichs Erbe?

Auch heute wird Frankreich schnell mit dem Vorwurf merkantilistischer und protektionistischer Wirtschaftspolitik konfrontiert. Meist geht es um zentralstaatliche Ansätze oder die Wahrung nationaler Interessen.

Tatsächlich war das Land auch in der jüngeren Vergangenheit immer wieder darauf bedacht, wirtschaftliche Entscheidungen direkt zu beeinflussen.

Als Beispiel ist die staatlich forcierte Übernahme des deutschen Pharmariesen Aventis durch Sanofi-Synthélabo 2004 in Erinnerung.

Damit hatte Frankreich endlich einen europäischen Champion. Die deutsche Regierung hielt sich zurück. Die Kritiker sprachen von Merkantilismus.

Auch Präsident Hollande musste sich jüngst den Vorwurf des Merkantilismus anhören. Der kam aus den Reihen des deutschen Sachverständigenrats.

Es war die Reaktion auf Hollandes Vorstoß, den Wechselkurs des Euro politisch zu steuern und mit einer Abwertung den Export zu fördern.

Aus deutscher Sicht ein typisch französischer, zentralstaatlicher Ansatz mit dirigistischem Charakter.

Merkantilismus – ein Vorwurf aus Paris

Doch die Argumentationskeule des Merkantilismus wird auch in umgekehrter Richtung geschwenkt. Anlass ist der anhaltende deutsche Exportboom mit entsprechenden Bilanzüberschüssen.

Diese sind 2012 allein im deutsch-französischen Handel um 13% auf fast 40 Mrd. Euro gestiegen.

Dadurch fühlt sich nicht nur Paris an die Wand gedrückt. Zentraler Kritikpunkt: Die moderate deutsche Lohnentwicklung als Folge der Agenda 2010.

Ob wirtschaftliche Reformen zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit schon zum Vorwurf des Merkantilismus taugen, sei dahingestellt. Immerhin hatte noch Hollandes Vorgänger Sarkozy das deutsche Modell als Vorbild gesehen.

Der aktuelle Merkantilismus ist nicht in Frankreich zuhause

Frankreich mag als Ursprungsland des Merkantilismus gelten. Und es mag auch heute noch einen Hang verspüren, nationale Interessen relativ direkt nach zentralstaatlichem Ansatz durchzusetzen.

Vor diesem Hintergrund wird die Vergangenheit schnell zur Hypothek.

Es wäre aber zu weit gegriffen, Frankreichs Außenwirtschaft bei jedem Anlass auf die Tradition des Merkantilismus zu reduzieren. Eine dirigistische Wirtschaftspolitik mit Schutzzöllen und gezielter Exportförderung sieht anders aus.

Länder wie China oder auch Japan kommen dem schon wesentlich näher.

26. April 2013

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.