Neues Baugesetz: „Urbane Gebiete“ mit weniger Lärmschutz

Der Wohnraum wird immer knapper in Deutschland. Doch Wohnungsnot macht erfinderisch: Ein neues Gesetz soll nun den Bau von Wohngebäuden direkt neben bereits vorhandenen Gewerbeflächen erlauben. „Urbane Gebiete“ nennt sich das neue Konzept des Bauministeriums.

Kehrtwende beim Wohnen in der Stadt

In den vergangenen Jahren wurden immer mehr Handwerksbetriebe aus urbanen Lagen an die Randgebiete gelockt, unter anderem mit subventionierten Flächen und Umzugsbeihilfen von den Kommunen in Milliardenhöhe. All dies sollte für ein ruhigeres Leben und Wohnen in der Stadt sorgen. Bauministerin Barbara Hendricks (SPD) will nun den umgekehrten Weg gehen.

Dafür soll im Gesetzt eine neue Kategorie von Baugebiet entstehen: „urbane Gebiete“. Durch diese Mischgebiete können neue Wohnflächen da geschaffen werden, wo bisher wegen Lärmschutzgrenzen und anderen Emissionen nur Gewerbe angesiedelt war. Damit ergänzen sie das Portfolio der Planungsvarianten, das bisher aus dem reinen Wohngebiet, dem Mischgebiet und dem Gewerbegebiet besteht.

Für die Kommunen, die bisher tief in die Tasche greifen mussten, wird das lukrativ. Denn sie können bisher unerschlossene Areale bebauen, und zwar deutlich enger, als dies in reinen Wohnlagen möglich wäre.

Und nicht nur an den Mindesabstandsflächen soll gedreht werden: In den urbanen Gebieten sollen auch größere Gebäude errichtet werden können als in bisherigen Mischgebieten und das Verhältnis von Gewerbe- zu Wohnfläche soll weniger stark reglementiert sein.

Klageflut von Anwohnern befürchtet

Das Problem: Die Lärmschutzverordnung wäre hier sogar noch lockerer als in bereits existierenden Mischgebieten, die heute bereits alles andere als beliebte Wohngegenden sind.

Experten befürchten eine Klageflut von Anwohnern, sollte der Lärmschutz tatsächlich so schwach reglementiert werden, wie es geplant ist – denn es zeigt sich in jüngster Vergangenheit, dass die Klagebereitschaft der Bevölkerung gegen Störungen sehr hoch geworden ist. Auch die Betriebe befürchten über kurz oder lang Verdrängung.

Lärmschutzgrenzen (dB steigen exponentiell)

 Tag maximalNacht maximal
Reines Wohngebiet50 dB35 dB
Mischgebiet60 dB45 dB
Urbanes Gebiet (geplant)63 dB48 dB

Zum Vergleich: 50 Dezibel ist etwa die Lautstärke eines Kühlschranks, 60 Dezibel die eines Gruppengesprächs. Die Schmerzgrenze liegt bei etwa 120 dB.

Wenig attraktiv für Investoren

Der Mieterbund hat einen Lösungsvorschlag: Bessere Lärmschutzfenster sollen zu mehr Ruhe verhelfen. Diese sind jedoch teuer und gelüftet werden muss trotzdem, dazu ist der Mieter sogar verpflichtet, ungeachtet der Lautstärke. Auch Außenbereiche sind dann deutlich weniger attraktiv.

Investoren werden ebenfalls vorsichtig an die neuen Angebote herangehen, denn eine langfristige und lohnenswerte Vermietung könnte sich aufgrund des Lärmpegels als schwierig erweisen.

Größere Gebäude mit weniger Lärmschutzrichtlinien – das soll die Lösung des Wohnungsmangels in Deutschland werden. Wann das neue Konzept „urbane Gebiete“ ratizifiert wird und ob es Investoren überzeugen kann, ist noch nicht klar.

11. November 2016

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Maria Schädlich
Von: Maria Schädlich.

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