von Rolf Morrien

Rating-Agentur Fitch sorgt für neue Panik an den Märkten

Rating-Agentur Fitch sorgt für neue Panik an den Märkten

Gestern um 19 Uhr war die Börsenwelt noch in Ordnung. Einige Minuten später setzte ein neues Erdbeben an den Börsen ein. Auslöser war die Rating-Agentur Fitch.

Die amerikanische Rating-Agentur, die oft im Schatten der bekannteren Konkurrenten Standard & Poor’s und Moody’s steht, sorgt plötzlich für Schlagzeilen.

Kommentare zur US-Banken-Branche haben gestern den Aktienmarkt in den USA erschüttert, heute legte Fitch nach und löste in Europa ein Erdbeben aus. Aktien, Anleihen, Rohstoffe und Edelmetalle wurden in Panik verkauft. 

Banken-Studie löst Verkaufswelle aus

Den ersten Volltreffer landete Fitch gestern um ca. 19 Uhr. Der Dow-Jones-Index hatte sich in die Pluszone vorgearbeitet und die Marke von 12.100 Punkten erreicht, da veröffentlichte die Rating-Agentur eine Studie zu den US-Banken.

Das Fazit der Studie: „Sollte die Schuldenkrise in der Euro-Zone nicht schnell und geordnet bewältigt werden, wird sich der allgemeine Ausblick für die US-Banken verdüstern.“ Um das ganze noch etwas dramatischer zu gestalten, folgte der Satz: „Die Risiken eines negativen Schocks steigen.“

Dieses Schock-Fazit reichte, um den Dow Jones und die anderen amerikanischen Aktienindizes innerhalb von wenigen Minuten tief in die Verlustzone zu treiben. Der Dow-Jones-Index sackte von 12.100 auf 11.900 Punkte an. Heute geht die Talfahrt in den ersten Handelsstunden weiter. Der Dow Jones kämpft mit der 11.750-Punkte-Marke.

Interessant noch zur Bankenstudie: Konkrete Zahlen kann Fitch leider nicht nennen, da die US-Banken der Rating-Agentur keine genauen Daten über Euro-Staatsanleihen im eigenen Portfolio mitgeteilt haben. Fitch kann daher nicht sagen, wie groß das finanzielle Risiko ist. Es folgt nur der schwammige Satz, dass die Banken im vergangenen Jahr Risiken abgebaut haben.

Italien auf der Abschussliste

Heute hat sich die amerikanische Rating-Agentur Fitch den europäischen Markt vorgenommen. Am Nachmittag wurde ein Sonderbericht zum Thema Italien veröffentlicht. Der Grundtenor klingt nicht schlecht: Die neue italienische Regierung könne eine positive Überraschung schaffen.

Der positive Aspekt wurde in den Medien jedoch kaum erwähnt. In den Agenturmeldungen tauchten 2 andere Textstellen aus dem Sonderbericht auf.

Zum einen warnt Fitch vor einer Rezession in Italien, zum anderen wird das Risiko genannt, dass Italien an den Rand der Zahlungsunfähigkeit geraten könnte, falls die Lage an den Kapitalmärkten eskaliert.

Der Begriff Zahlungsunfähigkeit sorgte für den nächsten Panik-Schub an den Börsen. Investoren verkauften alles, was handelbar ist. Die Verkäufe lösten weitere Stop-Loss-Verkäufe aus. Besonders stark waren die Edelmetall- und Rohstoffmärkte betroffen.

Aber auch die Anleihen der Schuldenstaaten erlitten einen Schwächeanfall. Die Erwähnung einer Zahlungsunfähigkeit war das letzte, was Spanien, Italien, Portugal und Co. gebrauchen konnten.

Die Rolle der Rating-Agenturen

Die in Deutschland relativ unbekannte Rating-Agentur Fitch ist seit gestern abend der große Schlagzeilen-Macher. Fitch wird sicherlich sagen, dass das Zufall sei. Die Berichte seien das normale Tagesgeschäft.

Das bewerte ich anders. Wenn eine Rating-Agentur in diesen Tagen eine negative Banken-Studie veröffentlicht, ist ein Erdbeben an der Börse vorprogrammiert. Ob das ein glückliches Timing war, darüber kann man streiten.

Keine Entschuldigung gibt es für den Italien-Bericht. Fitch sieht zwar positives Überraschungs-Potenzial, aber die Finanzmarkt-Profis mussten wissen, dass das Wort Zahlungsunfähigkeit einen neuen Schock auslöst.

Das hat Italien nicht verdient. Die neue Regierung ist erst wenige Stunden im Amt. Früher war eine Schonfrist von 100 Tagen üblich. Dann wurde ein erstes Zwischenfazit gezogen. Heute veröffentlichen die Rating-Agenturen Berichte am Tag der Ernennung. Das ist unseriös!

Fitch hätte der Regierung etwas Zeit geben müssen. So wurde direkt ein enormer Druck aufgebaut. Auch auf die anderen EU-Staaten.

Ich bin, wie hier mehrfach betont, gegen einen Maulkorb für Rating-Agenturen. Eine Narrenfreiheit darf es aber auch nicht geben. Fitch hätte mit dem Italien-Bericht warten müssen, bis die neue Regierung die Eckpunkte der Reformen verkündet hat. Dann wäre eine erste, seriöse Einschätzung möglich gewesen. So hat Fitch aber nur für Negativ-Schlagzeilen gesorgt.

Wieder Munition für die Politiker, die den Rating-Agenturen das Genick brechen wollen. Und an solchen Börsentagen kann man fast Verständnis für diese Haltung entwickeln.

 
 
Bildquelle: Dan Race - Fotolia

Autor:

Rolf Morrien

Rolf Morrien spricht auch unangenehme Wahrheiten aus, findet jedoch immer die passende Antwort, egal in welcher Börsenphase. Lesen Sie seinen Newsletter gratis: Morrien's Schlussgong