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Ratingagenturen: Historisch gesehen (k)eine gute Idee

Es sind die drei US-Amerikanische Ratingagenturen, die den weltweiten Markt dieser Bewertungen dominieren:Standard &Poor‘s, Moodys und Fitch – alle mit Hauptsitz in den USA.

An den globalen Finanzmärkten haben sie für das Bewerten der Kreditwürdigkeit oder der Ausfallwahrscheinlichkeit von Schuldnern und Finanzprodukten rund 90 Prozent Marktanteil.

Zwielichtige Gestalten im Eisenbahnbau

Dass die drei beherrschenden Rating-Spieler in den USA ihren Hauptsitz haben, kommt nicht von ungefähr. Denn dort sind auch die ersten Bewertungsagenturen im 19. Jahrhundert entstanden, und zwar entlang der im Bau befindlichen und immer wichtiger werdenden neuen Eisenbahnstrecken.

Die Eisenbahnen sollten den noch wilden Westen erschließen und dafür brauchte man Geld von Kreditgebern. Informationen waren zu dieser Zeit aber schwer zu beschaffen. Und so mischten sich unter die seriösen Unternehmen, die am Eisenbahnbau beteiligt waren auch allerhand windige Gestalten und Betrüger.

Investoren brauchten Sicherheit

Da der Markt zu dieser Zeit also ziemlich unübersichtlich war und viele neue Firmen entstanden, darunter aber auch schwarze Schafe, waren Spezialisten gefragt.

Da Investoren zwar Geld aber oft nicht ausreichend Kenntnis über die Spieler am Markt und deren Kreditwürdigkeit hatten, waren Leute gefragt, die den Markt kannten oder den neuen Akteuren auf diesem Markt auf den Zahn fühlten.

Die Idee von Ratingagenturen nahm Gestalt an. Von Anfang an also sollten sie die Lage für Investoren einschätzen und sie über mögliche Risiken von Investments und deren Adressaten aufklären.

Aus mehreren wurden die drei Großen Ratingagenturen

Aus diesen ersten Bewertungshäusern entstanden dann im vergangenen Jahrhundert die drei großen Ratingagenturen, Standard &Poor‘s, Moodys und Fitch, die bis heute den Markt beherrschen.Von ihrer Herkunft her erklärt sich auch das ursprüngliche Geschäfts- bzw. Bezahlmodell.

Natürlich hätte es keinen Sinn gemacht, wenn sich die Analysten des Eisenbahnmarktes von den dort tätigen Unternehmen hätten bezahlen lassen. Denn dann hätte natürlich niemand ihren Bewertungen vertraut.

Es wäre ja auch zu einfach, wenn ein Betrüger sich ein Urteil über seine Kreditwürdigkeit erkaufen könnte, das dann an Investoren geht, die ihm daraufhin ihr Geld anvertrauen. Genau dieser Wechsel des Bezahlmodells hat sich aber in den vergangenen Jahrzehnten vollzogen.

Kritik am Bezahlmodell

Im Jahr 1957 stellte der Vizepräsident der Ratingagentur Moody’s fest: „Offensichtlich können wir uns nicht dafür bezahlen lassen, eine Anleihe zu bewerten. Dies zu tun würde bedeuten, ein Preisschild an den Prozess zu heften und wir könnten uns dann nicht mehr gegen den Vorwurf erwehren, dass unsere Urteile käuflich sind.“

Heute sehen das die Ratingagenturen anders. Egal in welchem Bereich – ob bei Staaten, Unternehmen oder Finanzprodukten: Es bezahlen immer die, die bewertet werden, der Schüler also zahlt seinen Lehrer für die Benotung.

Das ist nach Ansicht vieler Experten eine Erklärung dafür, dass während des Entstehens der Immobilienblase am US-Hypothekenmarkt in den Jahren vor 2007 die Ratingagenturen durchgehend Topnoten für Schrottpapiere vergeben haben. Mitunter haben sie sogar daran mitgewirkt, die Finanzprodukte so zu gestalten, sodass sie ihnen ihr Tripple-A am Ende auch anheften konnten.

Auch aus diesem Grund, vor allem aber wegen der Macht der drei US-Rating-Riesen denkt man in Europa seit einigen Jahren darüber nach, eine alternative Ratingagentur ins Leben zu rufen. Ab 2013 gelten in Europa strengere Regeln für die Bonitätswächter. Sie sollen stärker kontrolliert und ihre Marktmacht abgeschwächt werden.

12. November 2012

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Michael Fehr
Von: Michael Fehr. Über den Autor

Michael Fehr wirkt seit fast zwei Jahrzehnten am internationalen Finanzplatz Frankfurt, ist ausgewiesener Finanz- und Wirtschaftsjournalist: Er arbeitete unter anderem für die Deutsche Börse AG, das ARD-Börsenstudio und die Financial Times Deutschland.