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Ratingagenturen in der Krise

Ratingagenturen werden von verschiedenen Seiten kritisiert.

In jüngster Vergangenheit erhielten deren Kritiker Nahrung durch die Rolle der Ratingagenturen in der Krise seit 2007/2008 und der darauf folgenden Staatsschuldenkrise in Europa.

Der Beginn der Krise: Das Kartenhaus am US-Immobilienmarkt bricht zusammen

Die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers hatte natürlich ein Vorspiel. Das fand am US-Hypothekenmarkt statt, wo Häuser- und Immobilienkredite gebündelt, verbrieft und munter gehandelt wurden.

Die Profite waren gut, es herrschte Goldgräberstimmung. Die handelbaren Finanzprodukte am US-Immobilienmarkt nahmen immer komplexere und auch von Profis nur schwer verstehbare Formen an.

Letztlich aberglaubte die Finanzindustrie an einen Vorteil: Man konnte sich auf das Urteil der Ratingagenturen stützen.

Denn die setzten diesen Finanzprodukten ihren Stempel auf. Und meist hatte der Abdruck die Form eines dreifachen A, das berühmte Triple-A der Ratingagenturen.

Tripple-A für Schrottpapiere

Das Triple-A steht synonym für das Urteil der Agenturen, dass es sich um eine ausfallsichere Anlage handelt.

Kaum jemand ahnte, dass die Papiere zum Großteil nicht einmal das Papier wert waren, auf dem sie standen und das Urteil der Ratingagenturen daher verheerende Auswirkungen besaß.

Denn bekanntlich platzte die Blase, was das Ende von Lehman Brothers bedeutete und die Weltwirtschaft in einer der schwersten Krisen seit dem zweiten Weltkrieg gerissen hat.

Mehr dazu: US-Rating-Agenturen: Handlanger für Wirtschaftskrieg gegen Europa?

Die Euro-Staatsschuldenkrise

Die  Auswirkungen dieser Krise sind noch Jahre später zu spüren, unter anderem unter einer rapide gestiegenen Staatsverschuldung in vielen Ländern.

Denn die Staaten mussten, um Schlimmeres zu verhindern, teure Konjunkturprogramme aufsetzen und ihre Banken vor dem Bankrott retten.

Es besteht also ein Zusammenhang zwischen der Hypothekenblase am US-Häusermarkt und der Staatsschuldenkrise in Europa.

Kritik an Ratingagenturen in der Staatsschuldenkrise

In Europa kam dann während der Euro-Staatsschuldenkrise vielen der Verdacht auf, dass die drei Marktbeherrschenden Ratingagenturen – Standard &Poor‘s, Moody’s und Fitch Ratings, allesamt mit Hauptsitz in den USA – für Europa andere Bewertungsmaßstäbe anlegten als etwa für die USA selbst.

Und im Verlauf der Euro-Staatsschuldenkrise ist es in der Tat regelmäßig geschehen, dass die Agenturen unmittelbar vor wichtigen Treffen der EU-Regierungen Länder im Euroraum abwerteten und so die Lösung der Probleme nicht eben erleichterten.

Schließlich, und das führt an den Anfang zurück, ist ihr Bezahlmodell umstritten.

Das Bezahlmodell als Ursache der Krise?

Egal in welchem Bereich – ob bei Staaten, Unternehmen oder Finanzprodukten: Es bezahlen immer die, die bewertet werden, der Schüler also zahlt seinen Lehrer für die Benotung.

Das ist nach Ansicht vieler Experten eine Erklärung dafür, dass während des Entstehens der Immobilienblase am US-Hypothekenmarkt in den Jahren vor 2007 die Ratingagenturen durchgehend Topnoten für Schrottpapiere vergeben haben.

Es waren immerhin die Papiere von deren Auftraggebern. Ratingagenturen sind im 19. Jahrhundert entstanden. Entlang der neu entstehenden Eisenbahntrasse, die den wilden Westen der USA erschließen sollten, wurden die ersten von ihnen gegründet.

Sie sollten dafür sorgen, Investoren Informationen darüber zu geben, wer von den neu am Markt erscheinenden Unternehmern vertrauenswürdig war.

Zu dieser Zeit wäre wohl niemand auf die Idee gekommen, Ratings zu vertrauen, bei denen die Wächter von denen bezahlt werden, die Gelder von Investoren einsammeln wollen.

Mehr zum Thema: Börsen ABC: Ratings – Fakten und Hintergründe

12. November 2012

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Michael Fehr
Von: Michael Fehr. Über den Autor

Michael Fehr wirkt seit fast zwei Jahrzehnten am internationalen Finanzplatz Frankfurt, ist ausgewiesener Finanz- und Wirtschaftsjournalist: Er arbeitete unter anderem für die Deutsche Börse AG, das ARD-Börsenstudio und die Financial Times Deutschland.