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Schulte-Mattler: „Wir brauchen starke Banken“

Anlässlich der Veröffentlichung des neuen Buches „Finanzkrise 2.0 und Risikomanagement von Banken“ führte GeVestor ein exklusives Interview mit Co-Herausgeber Prof. Dr. Hermann Schulte-Mattler:

GeVestor: Inwieweit hat sich das Risikomanagement von Kreditinstituten nach der Finanzkrise verändert?

Prof. Dr. Hermann Schulte-Mattler: Das Risikomanagement hat sich vor allem aufgrund zahlreicher neuer regulatorischer Anforderungen verändert. Zu nennen sind internationale Regelwerke, die bereits im Wesentlichen in nationalen Papieren umgesetzt wurden, oder noch umgesetzt werden.

Beispiele sind die EU-Bankenrichtlinie CRD IV, EBA Technical Standards, Guidelines on Internal Governance und CEBS Guidelines. Die internationalen Anforderungen werden grundsätzlich in das nationale Regelwerk integriert, wie in das KWG, in die MaRisk und in andere Verordnungen.

Darüber hinaus überprüfen die Kreditinstitute fortlaufend ihre internen Verfahren und Prozesse des Risikomanagements. Der Erfolgsfaktor für die Institute besteht jedoch aufgrund der derzeitigen Lage auf den Finanzmärkten eher darin, sich frühzeitig im Bereich der Finanzanlagen solide aufzustellen, um aus den Entwicklungen der Märkte die einzelnen Effekte möglichst genau abzuschätzen und die strategisch richtigen Entscheidungen zu treffen.

So wird in unserem Buch „Finanzkrise 2.0 und Risikomanagement von Banken“ auch ein marktorientiertes Frühwarnverfahren dargestellt, das sich ideal für die Risikofrüherkennung von Depot-A-Beständen, also der Eigenbestände der Kreditinstitute, eignet. Dieses Verfahren stellt beispielsweise eine Neuentwicklung im Bereich des Risikomanagements dar.

GeVestor: Was bedeutet das für den Kunden?

Schulte-Mattler: Stabile Banken sichern den Finanzsektor. Für die Kunden stellt sich die Frage nach der Geldanlage genauso wie für die Finanzinstitute. Der Kunde muss neben der intensiven Beobachtung der Märkte und seiner Anlageformen auch die verschiedenen Szenarien und Risiken im Blick behalten. Oder er entscheidet sich für risikoarme Engagements, von denen er weniger profitieren kann.

Auf der Kreditseite stehen stabile Institute für eine nachhaltige Kreditversorgung der Wirtschaft. Von der hohen Wettbewerbsintensität und den niedrigen Refinanzierungssätzen der Zentralbank profitieren Kunden. Derzeit ist das Zinsniveau für Kredite in Deutschland, historisch betrachtet, sehr niedrig.

GeVestor: Wie haben Sie die Autoren für die Beiträge ausgesucht?

Schulte-Mattler: Die Autoren sind durchweg erfahrene Praktiker im Bereich des Risikomanagements sowie der Prüfung des Risikomanagements. Manche Autoren sind an Bildungseinrichtungen und in der Forschung auf dem Gebiet des Risikomanagements aktiv. Die Beiträge wurden nach aktueller Relevanz im Bereich des Risikomanagements ausgewählt.

Die Themen reichen von den regulatorischen Erfordernissen wie MaRisk, SolvV bis hin zur praktischen Umsetzung und Weiterentwicklung des Risikomanagements und der Frühwarnverfahren. Auch die Regulierung des OTC-Derivatemarktes wird in einem Beitrag  analysiert. Wir haben Autoren ausgesucht, die für ihre Expertise auf diesen Gebieten in der Branche ausgewiesen und bekannt sind.

GeVestor: Welche Erfahrungen haben Sie in Ihren Berufen mit dem Risikomanagement gemacht?

Schulte-Mattler: Schon vor der ersten Finanzkrise gab es ein umfassendes Risikomanagement. Jedoch wurden nicht immer alle Entwicklungen zeitnah erfasst und umgesetzt. Ein Beispiel ist das zu große Vertrauen der Institute in externe Ratings. Viele Regierungen haben sich nach der ersten Krise durch Wachstumsprogramme und diverse Unterstützungsmaßnahmen hoch verschuldet.

Dies ist eine der Ursachen für die zweite Stufe der Finanzkrise, deshalb der Zusatz „2.0“. Wir nennen sie auch die Euro-Schuldenkrise. Gerade die Länder, die vor der Krise schon wirtschaftlich instabil waren, leiden derzeit massiv…

GeVestor: Welche Gesetzesänderung hat die größten Konsequenzen nach sich gezogen?

Schulte-Mattler: Es gibt keine Änderung, die für sich alleine die größte Wirkung erzeugt. Wesentlich sind sowohl die Summe aller Erfordernisse und Regelungen (von Basel III bis zu der vierten MaRisk-Novelle) als auch die inhaltliche Weiterentwicklung der einzelnen Institute, die Verbesserungen in der Praxis erzielen.

Zu loben sind in diesem Zusammenhang die deutschen Bankenverbände und die Aufsicht, die in einem intensiven und konstruktiven Dialog, der meist der Öffentlichkeit verborgen bleibt, Kernthemen der aufsichtlichen Regulierungs-Initiativen analysieren und diskutieren. Dies ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor für die Weiterentwicklung des Risikomanagements – auch im internationalen Kontext.

GeVestor: Was war der ausschlaggebende Grund für dieses Buch?

Schulte-Mattler: Anlass für unser Buch war die Beobachtung, dass sich die Krise, die im Frühjahr 2007 ursprünglich als US-Immobilienkrise begann, zu einer anhaltenden Banken-, Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise entwickelte.

Ab Oktober 2009 kam dann mit der Staatsschuldenkrise im Euroraum eine neue Dimension hinzu, die wir als Finanzkrise 2.0 bezeichnen. Die Dynamik der Entwicklung an den Märkten und im Bereich der Bankenregulierung erfordert es, sich dem Themenbereich des Risikomanagements auf aktueller Basis zu stellen.

GeVestor: Was waren die größten Fehler des Risikomanagements während der Krise?

Schulte-Mattler: Viele Institute, die Politik und die Öffentlichkeit haben das Ausmaß der Krise, den Worst-Case, der auf den Finanzmärkten eingetreten ist, also nicht für möglich gehalten. Eine derartige Entwicklung gab es zuvor noch nicht. Viele Experten haben sich intensiv mit den Ursachen auseinandergesetzt.

Genannt werden beispielsweise die bisherige Vergangenheitsbetrachtung (ex-post) im Bereich der Ratingsysteme, die Ratinggläubigkeit, das zu spät erkannte Verschuldungsausmaß einzelner EU-Staaten und die zu spät erkannten strategischen Positionen in den Beständen der Institute.

Auch Lücken und Defizite in den Regulierungsvorschriften werden aufgeführt. Wichtig ist derzeit der Blick nach vorne. Wir haben die große Chance aus den Erfahrungen der Vergangenheit zu lernen und werden diese Chance wohl auch nutzen.

GeVestor: Was muss sich noch beim Management ändern?

Schulte-Mattler: Es sind bereits viele Veränderungsprozesse im Management eingeleitet worden. Wichtig ist die Verantwortung des Managements gegenüber den Kunden, den Eigentümern und der Gesellschaft. Es ist ein Trend zu erkennen, der stärker auf die Solidität des Instituts abzielt und damit in der Verantwortung gegenüber dem Finanzsystem mündet.

Als führende Industrienation und in der Vorbildrolle, die Deutschland in der EU einnimmt, brauchen wir „starke“ Banken. Einzelne Egoismen rücken in den Hintergrund. Wichtig ist es, dass wir nunmehr im Sinne der Gemeinschaft handeln und uns der besonderen Verantwortung zur Sicherung des Finanzsystems bewusst sind.

GeVestor: Würden Sie sagen, dass man aus der Finanzkrise gelernt hat?

Schulte-Mattler: Jeder einzelne, mit dem wir uns beruflich, im Rahmen der wissenschaftlichen Arbeit, in Verbänden (wie DIIR, BdB oder VOEB), oder in der Bankenaufsicht auseinandergesetzt haben, hat unseres Erachtens aus seinen persönlichen Erfahrungen gelernt.

Wenn wir die Chance nutzen uns alle auf die Verbesserung des Risikomanagements zu konzentrieren, können wir einen wesentlichen Nutzen aus der Finanzkrise 2.0 ziehen.

Und glauben Sie uns: Viele Menschen in den Finanzinstituten, den Prüferorganisationen und -einheiten sowie den überwachenden Stellen setzen mit Hochdruck die neuen Erfordernisse und Entwicklungen des Risikomanagements in die Praxis um.

Lesen Sie hier unsere ausführliche Rezension und mehr zum fachlichen Hintergrund der Autoren.

Das Buch ist im Erich Schmidt Verlag erschienen und kostet 79,95 €.

2. Oktober 2012

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov wuchs in einem internationalen Umfeld auf und entdeckte schon früh sein Interesse am Thema Finanzen. Er publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.