von Rolf Morrien

Schweizer Franken: Vorbild für die neue D-Mark

Schweiz startet Währungs-Experiment

Die Achterbahnfahrt an den Aktienmärkten geht weiter. Man sehnt sich als Anleger nach Börsentagen mit Kursschwankungen von 0,5%.

Heute ging es steil bergauf. Der DAX gewann über 4%. Der Grund: Das Bundesverfassungsgericht hat den Euro-Rettungsschirm gebilligt. Das Experiment Euro darf fortgesetzt werden.

Die nächsten Hürden warten aber bereits. Die Parlamente müssen über die neuesten Rettungsaktionen abstimmen. Ende September wird es wieder spannend.

Schweiz startet Währungs-Experiment

Falls die europäische Währungsunion scheitern sollte und Deutschland die neue D-Mark einführt, können wir auf unser Nachbarland schauen. Dort erleben wir in diesen Tagen, was es heißt, eine starke Währung zu haben.

Die Franken-Aufwertung um 50% seit Ausbruch der Finanzkrise zeigt, dass der Markt auch ein finanziell solides und wirtschaftlich erfolgreiches Land unter Druck setzen kann.

Der Kampf gegen die Franken-Aufwertung hat bereits 2010 rund 30 Mrd. Franken gekostet. Und dabei erfolgte der größte Aufwertungs-Schub erst 2011.

Wie gestern hier im Schlussgong aktuell berichtet, hat die Schweizer Nationalbank angekündigt, den Franken an den Euro zu koppeln. Der Wert von 1,20 Franken pro Euro darf nicht unterschritten werden.

Geschieht das doch, verkauft die Schweizer Nationalbank unbegrenzt Franken und kauft im Gegenzug Euro. Damit Sie sich die Größenordnung vorstellen können: Die Bank of Montreal schätzt, dass die Schweizer Nationalbank in den nächsten Monaten rund 200 Mrd. Euro investieren muss, um das Kursziel zu erreichen.

Verliert die Nationalbank das Duell gegen die Devisentrader, kommt es zu riesigen Währungsverlusten in der Notenbankbilanz.

Starke Währung kann die Wirtschaft ruinieren

Der Eingriff der Nationalbank ist umstritten. Viele Kämpfer für eine freie Marktwirtschaft haben den Schritt scharf verurteilt. Theoretisch ist das richtig, aber in der Praxis war der Handlungsdruck zu groß.

Im Jahr 2012 drohte im Fall einer weiteren Franken-Aufwertung eine Rezession. Laut der Uni Zürich ist schon jetzt jedes fünfte Schweizer Exportunternehmen in die Verlustzone gerutscht.

Bedenken Sie dabei, wie prächtig die deutschen Exportunternehmen im 1. Halbjahr auch dank des schwachen Euro verdient haben.

Es wäre in der Schweiz noch schlimmer geworden, da der jüngste Kursgewinn des Franken erst in den Zahlen für das 3. Quartal 2011 sichtbar wird.

Der Begriff „Alternativlos“ ist das Unwort des Jahres, aber ein „weiter so“ war für die Schweiz auch keine Handlungsoption.

Notenbank-Kritiker übertreiben

Wie beschrieben: Der Schritt der Schweizer Nationalbank ist umstritten. Einige Kritiker übertreiben aber. Dazu gehört auch das an sich seriöse Handelsblatt. Die reißerische Schlagzeile auf Seite 1: „Willkommen im Euro-Club“.

Im Artikel heißt es dann: „Als die Schweizer Notenbank gestern um kurz nach zehn Uhr ihr Schreiben mit dem Titel „Nationalbank legt Mindestkurs von 1,20 Franken pro Euro fest“ veröffentlichte, ging eine Ära zu Ende. Das Zeitalter der Schweizer Autonomie gegenüber Rest-Europa, aber auch die Epoche, in der freie Wechselkurse als Ausweis von vernünftiger Währungspolitik galten.“

Das ist alles zu dick aufgetragen. Die Beeinflussung von Wechselkursen ist an den Devisenmärkten kein Neuland. Auch die Schweiz war schon aktiv, ohne die Eigenständigkeit zu verlieren.

1978 wurde der Franken an die D-Mark gekoppelt. Wie wir alle wissen, wurde die Schweiz anschließend kein deutsches Bundesland. Allerdings müssen die Folgen des Eingriffs genannt werden: Die Geldschwemme in der Schweiz führte dazu, dass die Inflationsrate 1981 auf über 7% stieg. Wer gegen eine starke Währung kämpft, riskiert im Gegenzug eine Inflationskrise.

Es gibt keinen „Gewinner-Weg“

Die Euro-Gegner, die heute vor dem Bundesverfassungsgericht verloren haben, beklagen die riesigen Verluste, die auf Deutschland zukommen. Das stimmt auch. Die EU ist zu einer Transferunion geworden. Ob wir uns das leisten können, steht in den Sternen.

Es gibt allerdings keine leichte Lösung. Die Wiedereinführung der D-Mark würde zu einer radikalen Aufwertung führen. Die Konsequenzen erleben wir in der Schweiz.

Fazit: Wir, die Steuerzahler, werden auf jeden Fall die Verlierer sein. Wir können uns höchstens noch aussuchen, wie wir verlieren wollen.

 
 
Bildquelle: kentoh - Fotolia

Autor:

Rolf Morrien

Rolf Morrien spricht auch unangenehme Wahrheiten aus, findet jedoch immer die passende Antwort, egal in welcher Börsenphase. Lesen Sie seinen Newsletter gratis: Morrien's Schlussgong