MenüMenü

Gratis Studie zum kostenlosen Download:
Neu: 3 Topaktien für das Jahr 2017 . . . Download hier ➜

Social Trading – riskanter Run auf Rudelrenditen

Social Trading hat sich zum Megatrend entwickelt. Millionen investieren ihr Geld in soziale Finanznetzwerke.

Die Faszination des Social Trading erklärt sich mit seinem bestechenden Prinzip: Gleichgesinnte entwickeln gemeinsam optimale Anlagekonzepte – unabhängig von Banken und Vermögensverwaltern. Jeder mit Internetanschluss kann mitmachen.

Social Trading erklärt: Die Masse weiß mehr als ein Profi

Nach dem Motto „offen für alle“ tauschen Anleger auf Plattformen Informationen aus, stellen persönliche Depots ein und messen sich an der gegenseitigen Performance. Dabei können clevere Handelsstrategien anderer kopiert werden – in der Regel zunächst mit virtuellen Demo-Konten.

Alternativ kann man tatsächlich in gut laufende Depots investieren oder andere ins eigene Depot zusteigen lassen. Je mehr und je erfolgreicher, desto höher der Rang in der Beliebtheitsliste. Sämtliche Daten und Handelsentscheidungen sind transparent und online nachvollziehbar. Durch gegenseitiges Lernen in der Masse kristallisieren sich automatisch die besten Performer heraus.

Damit ist der zentrale Ansatz beim Social Trading erklärt, die sogenannte Schwarmintelligenz: Der Durchschnitt der Masse weiß mehr als einzelne Experten. Was bei TV-Shows wie „Wer wird Millionär“ geklappt hat, sollte auch unter Anlegern funktionieren: mit den Besten aus der Masse den Markt übertreffen.

Digitales Investment-Club-Revival im Massenformat

Der Erfolg des Social Trading erklärt sich aber auch mit der Entwicklung der vergangen Jahre: die letzte Finanzkrise, der leichtere Informationszugang übers Internet sowie einfache und billige Anlageprodukte wie ETFs, Zertifikate oder CFDs.

Nach der Finanzkrise kam der Wunsch nach Unabhängigkeit vom Herrschaftswissen der Banken und Fondsmanager auf. Zu viel Geld war verbrannt worden, und das für teure Gebühren und Provisionen. Die Idee der Investment Clubs lebte wieder auf, verlagerte sich aber zunehmend ins Internet.

Ging es anfangs um den Austausch in Chatforen, entwickelten sich bald die ersten Plattformen. Auf denen können Privatanleger sich an Depots von Gleichgesinnten hängen und umgekehrt. Die aktuell größten sind Wikifolio und Ayondo mit Schwerpunkt Aktien. Auf Etoro spekulieren fast 4 Mio. Mitmacher mit Devisen und Rohstoffen.

Gier und Kommerz halten Einzug

Überall tummeln sich gewiefte Studenten, neugierige Anleger, erfahrene Ex-Banker aber auch Hasardeure. Jeder zeigt sein Depot und lässt es kopieren. Der Aufstieg in der Beliebtheitsliste wird mit Bonuszahlungen honoriert. Die Betreiber wiederum haben Zugang zu sämtlichen Anlegerdaten, kassieren Gebühren und verdienen als Broker. Auf Wikifolio etwa verkauft ein einzelner Anbieter mittlerweile über 1.000 Zertifikate auf beliebige Erfolgsdepots in der Community.

Das demokratische Konzept wird zunehmend kommerzialisiert, und der anfangs selbstlose Gedankenaustausch von der Gier nach Rendite verdrängt.

Wenn durch den Einsatz extrem hoher Hebel ein Depot zufällig zum Überflieger aufsteigt und alle mitziehen, ist der Totalverlust nicht weit. In der Euphorie tut viele, was jeder Vernunft widerspricht: Sie springen in der Hochphase kurz vor der Konsolidierung auf – „notfalls kann ich ja schnell umsteigen“. Ein folgenschwerer Irrtum, der sich auch bei jedem regulären Börsenhandel zeigt. Nur dass dort die Regularien mehr Sicherheit bieten.

Das heißt nicht, dass Social Trading Plattformen unseriös wären, sie werden von der BaFin überwacht. Doch sie entwickeln eine Eigendynamik, bei der die Selbstreinigungseffekte der Masse ausbleiben. Das renommierte Massachusetts Institute of Technology (MIT) etwa kommt in einer Studie zum Ergebnis, dass Schwarmintelligenz zwar theoretisch die Renditen verbessern kann. In der Realität aber bringen einzelne Plattformen bis zu 85% aller Trader Verluste.

Das System überholt sich selbst

Einige Betreiber wollen nun mit Sicherungssystemen gegensteuern. Bei Ayondo etwa müssen Trader ein Jahr Erfahrung nachweisen und dürfen bestimmte Verlustschwellen nicht unterschreiten. Diesen Anforderungen aber werden nur wenige Amateure gerecht. Deshalb holt man überall zunehmend Profis und Vermögensverwalter ins Boot. Damit aber verliert das Social Trading einen zentralen Teil seiner Grundidee. Zumindest kann man nun auch den echten Profis beim Handeln zuschauen.

Wer Spaß am Social Trading hat, sollte stets im Auge behalten: Viele Mitstreiter sind nur darauf aus, eines Tages von der Fondsindustrie entdeckt zu werden, um dann mit Gebühren und Provisionen von Anlegern gutes Geld zu verdienen. Auch ist die Echtheit so mancher Gewinnstory mit ihren Zahlen zu hinterfragen. Außerdem: Wie steht es mit dem Insolvenzrisiko? Immerhin geht es um Depots von Mitmachern und den Einsatz von Zertifikaten oder CFDs. Das Kleingedruckte sollte unbedingt gelesen werden.

Ingesamt hat Social Trading seinen Reiz. Nur sollte es vorwiegend zum Lernen mit Demo-Konten dienen. Die Gier der Herde und der aktuelle Hype erinnern an schmerzhafte Erfahrungen mit früheren Euphoriephasen – Stichwort Internetblase oder Lehman-Pleite. Noch hat das Social Trading keine ernsthafte Krise erlebt.

2. September 2015

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.