Im zweiten Quartal stand in der Ölbranche ein Wert ganz klar im Fokus: BP. Der britische Konzern und die Katastrophe der Plattform Deepwater Horizon bestimmte die öffentliche Diskussion in den vergangenen Monaten. Daher ist es sehr spannend zu schauen, wie BP die Katastrophe verarbeitet hat, aber auch wie die großen Konkurrenten wie Royal Dutch Shell oder Exxon Mobil im abgelaufenen Quartal abgeschnitten haben. Das passt es gut, dass alle drei Ölgiganten in dieser Woche die Zahlen vorgelegt haben.
Beginnen möchte ich mit BP. Wie nicht anders zu erwarten, hat der Ölkonzern sehr stark unter der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko gelitten. Durch die schon jetzt absehbaren Kosten in Milliardenhöhe hat BP einen riesigen Quartalsverlust von 17,2 Mrd. Dollar erzielt. Allerdings sind darin auch die 32,2 Mrd. Dollar Kosten für die Ölkatastrophe schon mit eingerechnet.
BP hat sich also für ein Ende mit Schrecken entschieden und die Kosten der Katastrophe nahezu komplett ins zweite Quartal gebucht. Zudem gab es noch einen weiteren klugen Schachzug: nachdem das Leck nun dicht ist, kam die Ankündigung, dass BP-Chef Tony Hayward nur noch bis Ende September im Amt bleibt. Danach wird der Amerikaner Robert Dudley den Posten übernehmen. Mit dieser Personalentscheidung bleibt die gesamte Verantwortung für die Katastrophe mit dem Namen Hayward verbunden. Sein Nachfolger Dudley kann nun – sofern das Leck dicht bleibt –relativ unbelastet von der Katastrophe seine neuen Job angehen.
Bei der ganzen Diskussion um die Katastrophe fällt kaum auf, dass BP zwar den ersten Verlust seit 1992 erzielt hat.
Der Umsatz hingegen legte im ersten Halbjahr um 43% auf 166,4 Mrd. Dollar zu. Das lag vor allem auch am deutlich gestiegenen Ölpreis. Während das Barrel Öl im ersten Halbjahr 2009 nur 46,84 Dollar im Durchschnitt brachte, waren es in diesem Jahr immerhin 72,35 Dollar. Dabei lag der Durchschnittspreis in Europa mit 75,60 Dollar pro Barrel sogar noch deutlich höher. Rechnet man die Kosten für die Ölkatastrophe heraus, dann gelang BP eine Gewinnsteigerung im Vergleich zum Vorjahr von 73% auf 16,94 Mrd. Dollar.
Daran sehen Sie, dass BP operativ völlig gesund ist. Zudem erzielt das Unternehmen zwei Drittel seiner Umsätze außerhalb der USA. Daher ist der Einfluss der Ölkatastrophe auf das operative Geschäft begrenzt. Doch diese Zahlen sieht die Börse aktuell nicht. Es geht im Kern um die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko. Doch beim Vergleich mit den anderen großen Ölkonzernen sind die bereinigten Umsatz- und Gewinnzahlen schon von Bedeutung.
So hat Royal Dutch Shell vor allem beim Gewinn deutlich zugelegt: mit einem Zuwachs von 34% auf 4,21 Mrd. Dollar lag der Ölkonzern deutlich oberhalb der Analystenschätzungen, die nur einen Wert von knapp 4 Mrd. Dollar erwartet hatten. Einen deutlich größeren Sprung gab es beim operativen Cash-Flow, der im Vergleich zum Vorjahr von 919 Mio. Dollar auf erstaunliche 8,1 Mrd. Dollar angestiegen ist. Auf Basis dieser Zahlen will Royal Dutch Shell die Quartalsdividende weiterhin bei 0,42 Dollar belassen. Bei BP fällt hingegen die Dividende erst einmal aus. In Bezug auf den Cash-Flow zeigte sich BP sehr stabil: Wie im Vorjahr lag hier der Wert im 2. Quartal bei 6,75 Mrd. Dollar.
Exxon Mobil aus den USA schaffte sogar einen operativen Cash-Flow von 9,6 Mrd. Dollar. Beim Gewinn gelang dem Ölkonzern ein Sprung um 91% auf 7,56 Mrd. Dollar. Im gesamten ersten Halbjahr legte der Gewinn immerhin noch um 63% auf 13,86 Mrd. Dollar im Vergleich zu 2009 zu. Beim Umsatz im ersten Halbjahr ging es bei einer gestiegenen Produktionsmenge um 32% auf 182,73 Mrd. Dollar nach oben.
Bei diesen beachtlichen Zahlen ist es aber auch interessant, einmal zwei und drei Jahre zurückzublicken.
Und da fällt dann schon das enorme Aufholpotenzial auf: Zum gleichen Zeitpunkt 2008 lag der Gewinn bei Exxon Mobil bei 22,57 Mrd. Dollar – also um 38,5% höher als in diesem Jahr. 2007 waren es immerhin auch noch 19,5 Mrd. Dollar Halbjahresgewinn. Daran wird ein Effekt ganz deutlich: trotz des ähnlichen Preisniveaus 2007 im Vergleich zu 2010 ist der Gewinn deutlich gesunken. Das liegt an den deutlich gestiegenen Produktionskosten. Und dieser Effekt wird sich noch verschlimmern.
Sollten als Folge der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko die Umweltauflagen nicht nur in den USA sondern in vielen Teilen der Welt steigen, werden die Produktionskosten weiter steigen. Und so viel ist jetzt schon sicher: einen Teil dieser Kosten werden wir sicherlich durch höhere Benzinpreise an der Zapfsäule bezahlen müssen. Insofern deutet der mittel- bis langfristige Trend beim Öl weiter nach oben. Und ich bin mir auch sicher, dass BP ebenfalls von diesem Trend profitieren und in fünf Jahren auch noch Milliardengewinne erzielen wird.
Ein schönes Wochenende
wünscht Ihnen
Heiko Böhmer
Chefredakteur „Privatfinanz-Letter“


