Liebe Leser,
die dringendste Frage lautet in diese Tagen: Wie geht es weiter mit der Euro-Zone? Die Lage in einigen Euro-Mitgliedsstaaten hat sich so verschlimmert, dass es heute einen Sondergipfel zum Thema in Brüssel gibt.
Dort treffen sich die EU-Staats- und Regierungschefs, um konkrete Maßnahme zu beschließen. Denn Absichtserklärungen allein reichen jetzt nicht mehr aus, dafür ist die Krise schon zu weit fortgeschritten.
Beim Blick auf den Devisenmarkt ist auf den erste Blick jedoch von einer Währungskrise nicht viel zu merken: Im Verhältnis zum US-Dollar hält sich der Euro sehr gut. Auf dem aktuellen Niveau von 1,42 Dollar pro Euro rangiert der Euro beispielsweise sogar oberhalb des 200-Tage-Durchschnitts. Dies zeigt eigentlich eine starke Entwicklung.
Aber dieser Vergleich bringt nicht viel. Denn eigentlich haben die USA noch größere Probleme als die Euro-Zone. Das verdeutlicht der Blick auf die Staatsschulden. Im EU-Durchschnitt liegen die Schulden bei rund 85% der Wirtschaftsleistung. In den USA sind es in diesem Jahr schon annähernd 100%.
Allerdings gibt es innerhalb der EU jedoch größere Unterschiede und Griechenland weist hier einen Wert von annähernd 160% in diesem Jahr auf. Das entspricht einem massiven Anstieg nach noch knapp 130% vor zwei Jahren.
Dabei hat sich in früheren Finanzkrisen gezeigt, dass Staaten eine Verschuldung von mehr als 150% eigentlich nicht ohne eine Form von Staatsbankrott überstanden haben. Und genau an diesen Punkt stehen wir jetzt. Nun macht ja Griechenland nur 3% der EU-Wirtschaftsleistung aus.
Da wir beim Euro zwar eine Währungsunion aber keine Wirtschaftsunion haben, kann dieses kleine Land dennoch eine so große Wirkung auf das Gesamtsystem entfalten und den Euro in seinem Fundament erschüttern.
In einem aktuellen Kommentar erklären dazu die Analysten von Pictet: „Der Euro des ersten Jahrzehnts ist tot. Nun müssen die Regierungschefs die Mängel der Währungsunion korrigieren, in dem sie eine Art finanziellen Transfer zulassen.“
Und ein Chart verdeutlicht ganz klar, warum der Euro des ersten Jahrzehnts tot ist: Dort sind die Renditeunterschiede zwischen den einzelnen EU-Staaten aufgelistet. Vor der Euro-Einführung waren riesige Unterschiede zwischen den Starkwährungsländern wie Frankreich und Deutschland zu den Schwachwährungsländern wie Spanien, Italien und auch Portugal an der Tagesordnung.
Dann kam die Euroeinführung und ab dem Zeitpunkt schrumpften die Renditeabstände zwischen den einzelnen EU-Ländern deutlich zusammen.
Seit der Finanzkrise steigen Renditeabstände in der Euro-Zone massiv an
Bis hierhin hat das Euro-Projekt ohne Frage den erhofften Erfolg gebracht. Doch seit dem Aufkommen der Finanzkrise 2008 steigen die Aufschläge wieder rasant an. Aktuell liegt beispielsweise zwischen deutschen und griechischen Anleihen mit 10-jähriger Laufzeit ein Renditeunterschied von 15%-Punkten.
Aus der Sicht der Märkte wird der Euro damit schon nicht mehr als eine Währung angesehen. Das stellen auch die Pictet-Experten fest: „In der Realität gibt es schon einen deutschen Euro, einen griechischen Euro usw.“
Aber Europa steht jetzt am Wendepunkt. Laut Pictet „wird die aktuelle Krise ohne maßgebliche Entscheidungen zu einer Katastrophe werden.“ Die Politik ist also gefragt und laut Pictet wird es ohne eine Beteiligung privater Gläubiger an den Kosten in Griechenland keine Lösung geben.
Das absolute Minimalziel ist die Einigung auf ein zweites Hilfspaket mit einem Volumen von 115 Mrd. Euro. Damit wären die Probleme in Griechenland bis 2014 gelöst. Aber was kommt dann? Und welche Staaten haben bis dahin dann schon Hilfen aus dem EU-Rettungsschirm angenommen?
Was heißt diese angespannte Lage nun für die Entwicklung an den Märkten? Die Einigung auf ein zweites Hilfspaket ist schon fast eingepreist.
Wenn es nicht zu größeren Lösungen kommt, die eben auch über Griechenland hinaus wirken, deuten sich eher weitere Kursabschläge an. Das dürfte dann die sicheren Häfen unter den Investments weiter antreiben – also weiter steigende Kurse bei den Edelmetallen und auch Starkwährungen wie dem Schweizer Franken.
Bei Aktien sollte sich dann aber der Abwärtstrend verstärken – außer die aktuelle Berichtssaison sorgt hier für massive Überraschungen, so wie es Apple am Dienstag einmal mehr gelungen ist – es bleibt spannend.
Bis morgen,
Heiko Böhmer
Chefredakteur „Privatfinanz-Letter“



