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Wirtschaft der Türkei – nach Boomjahren am Scheideweg

Was in der Türkei geschieht, ist nicht nur aus deutscher politischer Sicht, sondern auch in Bezug auf die wirtschaftlichen Verflechtungen, wichtig. Alleinherrscher Erdogan geht zunehmend auf Konfrontationskurs mit der EU, legt sich mit den USA an, weil dort sein Widersacher Gülen Asyl genießt, und vertreibt oder verhaftet überall mutmaßliche Staatsgegner.

Von den rigiden „Säuberungsaktionen“ nach dem ominösen Putschversuch bleibt auch die Wirtschaft der Türkei nicht verschont. Institute werden geschlossen, Verlage machen dicht, Unternehmen verlieren ihre Führung – und viele Touristen meiden das Land.

Wirtschaft der Türkei – einige Boomjahre

Dabei verdankt Erdogan seine Popularität im Land zum großen Teil der Tatsache, dass seine bisherige Amtszeit mit einem wirtschaftlichen Aufschwung verbunden wird. Der allerdings wurde durch die Reformen seines Vorgängers eingeläutet.

Noch vor zwei Jahren gelang es, den seit 2004 anhaltenden Wrtschaftsboom nach einem Zwischentief neu zu beleben. Die Landeswährung Lira erholte sich, Investoren gaben sich die Klinke in die Hand. Der befürchtete Crash nach den Unruhen am Taksim-Platz und dem autoritären Gebaren der Regierung blieb aus. Dabei kam der erneute Kapitalstrom nun vermehrt von russischen Anlegern, auf der Suche nach Schnäppchen und angelockt von hohen Leitzinsen.

Abhängig von Auslandskapital und Importen

Traditionell ist die Wirtschaft der Türkei auf Kapital aus dem Ausland angewiesen. Die eigene Sparquote von nur 14% gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) reicht nicht aus. Das Land importiert deutlich mehr als es exportiert. Das aktuelle Leistungsbilanzdefizit beträgt 4%. Und seit den jüngsten Verwerfungen halten sich Investoren zurück.

Der anhaltend sinkende Kurs der Lira stützt wenigstens den türkischen Export. Doch der wird kaum helfen, das bisherige durchschnittliche Wachstum von 4,7% pro Jahr aufrecht zu erhalten. Im Gegenteil: Da die Industrie auf Importe angewiesen ist, wird deren Produktion teurer. Außerdem erhöhen sich Inflation (9%) und Arbeitslosenquote (zuletzt über 10 %), was wiederum den Binnenkonsum dämpft.

Die Entwicklung der Realeinkommen konnte mit der Wirtschaftsentwicklung nicht Schritt halten, sodass ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung am Rande des Existenzminimums lebt.

Leistungselite und Leuchtturmprojekte

Insgesamt teilt sich die Türkei grob in den wirtschaftsschwachen Osten und den -stärkeren Westen. In die ärmeren Regionen, meist im Osten, arbeitet über ein Drittel aller Erwerbstätigen in der Landwirtschaft. Daneben gibt es einige wirtschaftliche Großzentren, vor allem die Boomstadt Istanbul.

Die Industrie ist weitgehend im Westen angesiedelt: Bau-, Textil-, Maschinen- und Elektrobranche stemmen 25% des BIP, 60% kommen aus dem Dienstleistungsbereich, sprich Tourismus.

Bei alledem ist nicht zu vergessen, dass das Image der Türkei als anatolischer Tiger auf eine Strategie der Erdogan-Partei AKP zurückgeht. In deren Umfeld bildete sich ein Zirkel leistungsorientierter, gläubiger und national gesinnter Unternehmer, die es der Konkurrenz und dem Ausland zeigen wollen. Dabei können sie auf die Hilfe der Parteispitze zählen.

Zum Teil wurden ohne Rücksicht auf rechtsstaatliche Strukturen internationale Leuchtturmprojekte vorangetrieben, wie der neue Bosporus-Tunnel oder der weltweit größte Flughafen in Istanbul. Angebunden über großspurige Autobahnen und eine dritte Bosporus-Brücke wird in dessen Nähe sogar eine neue Metropole aus dem Boden gestampft. Anwohner werden kurzerhand enteignet, die Justiz läuft mittlerweile an der Leine der Partei. Ein Vorgehen, das an China erinnert.

Emerging Market als Hochrisikoland

Aus Investorensicht ist die Türkei ein Emerging Market. Typsich dafür ist, dass sehr schnell viel Geld spekulativ angelegt wird. Ändern sich die Verhältnisse, wird es genauso schnell wieder abgezogen. Bei der Türkei kommt ein weiteres Problem hinzu: Die zunehmenden Freiheitsbeschränkungen bedrohen die vom Ausland abhängige Wirtschaft.

Während etwa Russland sich noch auf seine Rohstoffe verlassen kann, muss Ankara seine Industrie pflegen. Wichtige Innovationen gedeihen in der Abschottung nur schwer. Und so einflussreich wie China ist die Türkei eben auch nicht. Die Ratingagentur Standard & Poor´s jedenfalls hat die Türkei mittlerweile als „Hochrisikoland“ eingestuft. Damit wird es schwerer, Geld an den Finanzmärkten zu besorgen.

29. August 2016

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.