Brexit: Brüssel und Frankfurt auf falschem Fuß erwischt

Damit hatten wohl die wenigsten gerechnet:

Die Briten haben am gestrigen Donnerstag, den 23. Juni 2016, ihren Austritt aus der Europäischen Union besiegelt. Rund 52% stimmten für den Brexit bei einer Wahlbeteiligung von 72%.

Am Tag danach herrscht bei vielen Beobachtern Schockstimmung – v. a. auch an den Finanzmärkten.

Sie hatten mehrheitlich den britischen Buchmachern vertraut, die in den vergangenen Wochen das Lager der Brexit-Gegner mit weit über 60% deutlich vorne lagen.

Chaos an den Märkten

In Japan stürzte der Nikkei in der Nacht, während die Auszählung noch lief und sich der Brexit immer stärker abzeichnete, um fast 8% ins Minus. Das britische Pfund fiel bis zum Morgen auf 1,33 US-Dollar zurück und markierte damit den tiefsten Stand seit 1985.

Experten rechnen mit einem weiteren Abrutschen auf etwa 1,25 Dollar. Gold, das als „sicherer Hafen“ bereits in den vergangenen Wochen starken Zulauf verzeichnete, legte auch am Freitagmorgen weiter zu.

In Frankfurt bereitet man sich hingegen auf einen „schwarzen Freitag“ vor. Bereits im frühen Handel rauschte der Dax um mehr als 8% in den Keller in Richtung 9.400 Punkte, ein weiterer Absturz gilt als wahrscheinlich.

Gerade die Börsianer wurden auf dem falschen Fuß erwischt, kaum jemand hatte hier ernsthaft mit diesem Ausgang des Votums gerechnet.

Nicht nur dieser Freitag, sondern auch die kommenden Wochen versprechen ein hohes Maß an Unsicherheit und damit nervöse, volatile Märkte.

Cameron tritt ab

Die mittel- und langfristigen Folgen des Brexits sind bislang nicht absehbar. Deutsche Spitzenpolitiker äußerten sich enttäuscht über das Austrittsvotum und besorgt über die künftige Entwicklung der Europäischen Union.

Mehr Integration oder weniger? Ein Europa verschiedener Geschwindigkeiten? Über die Richtung, die die EU künftig einschlagen sollte, wird wieder leidenschaftlich diskutiert, der Ausgang ist völlig ungewiss.

Vor allem in Großbritannien selbst ist das politische Beben bereits jetzt zu spüren. Premierminister David Cameron kündigte am Freitagmorgen seinen Rücktritt in den kommenden Monaten an.

Der überzeugte EU-Befürworter räumt den Platz für einen Nachfolger, der den Weg Großbritanniens hinaus aus der EU aushandeln und bereiten soll.

Unabhängigkeit für Schottland und Nordirland?

In Schottland und Nordirland, wo eine Mehrheit für den Verbleib in der EU gestimmt hat, werden bereits Stimmen laut, nun ihrerseits über eine Abspaltung aus dem Vereinigten Königreich und einen eigenständigen Wiedereintritt in die EU abzustimmen.

Auch eine Wiedervereinigung Irlands steht plötzlich als Option im Raum, erscheint die Überlebensfähigkeit Nordirlands allein doch recht fraglich.

Dass Großbritannien sich selbst nicht unbedingt einen Gefallen getan hat mit dem Austritt, darüber waren sich Beobachter im Vorfeld weitgehend einig.

Welche politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen sich daraus für den Rest von Europa ergeben werden, bleibt abzuwarten.

24. Juni 2016

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Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov wuchs in einem internationalen Umfeld auf und entdeckte schon früh sein Interesse am Thema Finanzen. Er publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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