Daimler: Die Kritiker verlieren den Überblick

Morrien‘s Schlussgong
Der Börsenrück- und Ausblick von Deutschlands Depot-Optimierer Nr. 1: Rolf Morrien. Der kostenlose E-Mail-Newsletter „Morriens Schlussgong“ berichtet täglich von den jüngsten Entwicklungen der Börsen - mit Handlungsempfehlung für den nächsten Tag.
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Der DAX konnte heute das Tageshoch nicht verteidigen und schloss mit glatt 7.200 Punkten nur knapp im Plus.
Eine Kursbremse war die Daimler-Aktie, die knapp 3% verloren hat und damit das Schlusslicht im deutschen Leitindex war.
Auslöser war eine Gewinnwarnung. Hinzu kam, dass sich Daimler eine technische Panne geleistet hat.
Die E-Mail mit den Zahlen wurde zu früh verschickt. Auch dieser Vorfall hat das Vertrauen einiger Investoren in die Daimler-Führung erschüttert.
Gewinn sinkt um rund 10%
Im Geschäftsjahr 2011 hatte Daimler im operativen Geschäft 8,75 Milliarden Euro verdient.
Das laufende Geschäftsjahr 2012 war nur als Übergangsjahr gedacht, weil aktuell einige PKW-Modelle ausgetauscht werden, aber dennoch hatte das Unternehmen das Ziel, das Vorjahresergebnis zu wiederholen.
Dieser Traum ist jetzt endgültig geplatzt.
Das Daimler-Management rechnet mit einem Gewinnrückgang von rund 10%.
Am Ende des Jahres wird voraussichtlich ein operativer Gewinn in Höhe von ca. 8 Milliarden Euro in den Büchern stehen.
Um die Analysten und Investoren zu beruhigen, präsentiert Daimler die übliche Standardlösung nach einer Gewinnwarnung:
Es wurde ein Sparprogramm angekündigt. Bis zum Jahr 2014 will Daimler mindestens 3 Milliarden Euro einsparen. Entlassungen sind jedoch nicht geplant.
Gewinnwarnung war weitgehend eingepreist
Die Gewinnwarnung war keine Überraschung. Daimler hatte den Kapitalmarkt auf dieses Ereignis vorbereitet.
In den Gewinnschätzungen der Analysten war der Gewinnrückgang bereits weitgehend eingepreist.
Das erklärt auch, warum die Gewinnwarnung nur zu einem Kursrückgang von knapp 3% geführt hat.
Nach einer überraschenden Gewinnwarnung liegen die Kursverluste fast immer deutlich im zweistelligen Bereich.
Hätte es nicht zeitgleich die Kommunikationspanne mit der vorzeitigen Veröffentlichung der Zahlen gegeben, hätte die Daimler-Aktie den heutigen Handelstag sogar mit einer Null-Runde überstehen können.
Reaktionen übertrieben
Die Gewinnwarnung kann sogar die Kursbremse lösen, da jetzt endlich die erwartete Nachricht Schwarz auf Weiß veröffentlicht wurde.
Die Drohung ist oft stärker als die Ausführung.
Im Jahresverlauf war die Daimler-Aktie zunächst auf knapp 50 Euro gestiegen. Heute notiert die Aktie bei gut 36 Euro.
Obwohl die Gewinnprognose nur um 10% gekürzt wurde, liegt der Aktienkurs 25% unter dem Jahreshoch.
Hier stellt sich die Frage, ob der Kursverfall im Vorfeld der Gewinnwarnung nicht ein wenig übertrieben war.
Auch die Kommentare einiger Analysten passen nicht zum Ereignis.
So sagte Arndt Ellinghorst, Analyst der Bank Credit Suisse: „Vor dem Hintergrund der relativen Stärke von VW und BMW bin ich von der Schwäche von Daimler einfach schockiert.“
Ob die Daimler-Meldung ein „Schock-Erlebnis“ war, darf aber stark bezweifelt werden. Eine Zielverfehlung in Höhe von 10% ist ärgerlich, aber kein Beinbruch.
Wenn 8 Milliarden Euro Gewinn ein „Schock“ sind, wie beschreibt der Analyst dann die Ergebnisse der angeschlagenen Autobauer? Als globale Katastrophe?
Daimler hat ein Luxusproblem
Daimler hat ein Luxusproblem: Die direkten Konkurrenten BMW und Audi schneiden besser ab, aber im Vergleich zu Opel, Peugeot oder Renault schwebt Daimler im Himmel.
Die Autobauer, die sich auf Europa und das Massensegment konzentriert haben (im Fall Opel: auf Befehl der Muttergesellschaft konzentrieren mussten), kämpfen um das nackte Überleben. Ohne Staatshilfe könnte das eng werden.
Die Unterschiede werden deutlich, wenn Sie auf die Absatzmärkte blicken.
Daimler hat 2011 37% der Umsätze in Westeuropa erzielt und in den USA, Asien und dem Rest der Welt jeweils 21%. Das ist ein guter Mix, der vor lokalen Krisen schützt.
Peugeot und Renault kommen dagegen auf einen Europa-Anteil von über 70%. Bricht der europäische Markt ein, ist ein Ausgleich kaum möglich.
Da die PKW-Nachfrage in Europa 2012 stark fällt und wahrscheinlich auf den tiefsten Stand seit fast 20 Jahren sinkt, haben die Europa-Spezialisten echte Probleme.
Das heißt: Alles ist relativ. Daimler schneidet im Vergleich zu Audi und BMW schwach ab, lässt aber die meisten anderen europäischen Autobauer weit hinter sich.



