Das rote Gespenst schockt die Börse


Morrien‘s Schlussgong

Der Börsenrück- und Ausblick von Deutschlands Depot-Optimierer Nr. 1: Rolf Morrien. Der kostenlose E-Mail-Newsletter „Morriens Schlussgong“ berichtet täglich von den jüngsten Entwicklungen der Börsen - mit Handlungsempfehlung für den nächsten Tag.

Tragen Sie sich hier kostenlos ein:

Der DAX verlor heute über 3% und konnte nur knapp die Marke von 6.500 Punkten verteidigen.

Auslöser für den Kursrutsch waren durchwachsene Konjunkturdaten und noch stärker Sorgen um die politische Stabilität in Europa.

In den Niederlanden hat die Regierung die Mehrheit verloren. Neuwahlen sind zu erwarten. Fast schon Panik löste an der Börse der Sieg des Sozialisten Francois Hollande in der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen aus.

Rennen ist noch offen

Die heftige Reaktion auf die Wahl in Frankreich überrascht. Das war erst der erste Wahlgang. Die beiden Favoriten Hollande und Sarkozy müssen in den Stichkampf.

Einige Schlagzeilen, die an der Börse für Unruhe sorgten, sind nur entstanden, weil zu früh Druckschluss war. In diesen Artikeln ist der Sozialist Hollande der strahlende Sieger und der konservative Amtsinhaber Sarkozy der chancenlose Verlierer.

Das Bild passte auch zu den ersten Wahlergebnissen. Doch je länger der Wahlabend dauerte, desto kleiner wurde der Vorsprung. Am Ende gewann Hollande mit 28,6 zu 27,2% gegen Sarkozy. Das ist ein Punktsieg für Hollande, aber keine Vorentscheidung.

Es kommt jetzt darauf an, was die Wähler der anderen Kandidaten machen. Wenn es ein reiner Lagerwahlkampf wird, könnte sogar Sarkozy hoffen, da das rechte und konservative Lager mehr Stimmen sammeln konnte als die Parteien links der Mitte.

Allerdings ist es fraglich, ob der in Umfragen unbeliebte Sarkozy alle Stimmen rechts der Mitte abschöpfen kann.

Entscheidend könnten die 1:1 Duelle in der zweiten Wahlkampfrunde werden. Hier muss Hollande einige taktische Fallen umgehen.

Streit über Spitzensteuersatz

Ein Wahlkampfschlager von Hollande war die Forderung nach einer Erhöhung des Spitzensteuersatzes auf 75%. Wer mehr als 1 Mio. Euro verdient, soll richtig zur Kasse gebeten werden.

Das ist in Zeiten der allgemeinen Banken- und Manager-Kritik eine beliebte Forderung. Da über 99% der Wahlberechtigten von dieser Straf-Steuer nicht betroffen sind, ist das an sich ein sehr guter Werbespruch.

In der nächsten Wahlkampfrunde geht es jetzt aber um Details. Ein winziges Beispiel: Was ist mit den Spitzensportlern?

Spitzensportler in werbeträchtigen Sportarten verdienen weit mehr als 1 Mio. Euro pro Jahr.

Wenn kein Verletzungspech auftritt, dürfte am 1. Spieltag der Bundesligasaison 2012/2013 bei Mannschaften wie Bayern München, Borussia Dortmund oder Schalke 04 kein einziger Stammspieler in der Startelf stehen, der unter 1 Mio. Euro verdient.

In Frankreich boomt der Fußball nicht ganz so extrem wie in Deutschland, aber auch dort gibt es in der 1. Liga mehrere Dutzend Spieler, die locker die Millionen-Grenze überschreiten.

Da die Steuersätze in England, Spanien und Deutschland deutlich unter 75% liegen, würden die Spitzenspieler einfach abwandern. Mannschaften wie Paris müssten quasi komplett aufgelöst werden.

Es geht nur um 30 oder 50 Fußballer, aber gleichzeitig geht es um mehrere Millionen Fußballfans in Frankreich, die auch Wähler sind.

Daher das passende Gerücht aus Frankreich: Wenn Hollande die Stichwahl gewinnt, soll der Spitzensteuersatz nicht für alle Einkünfte gelten. Künstler (und dazu gehören dann auch die Sportler) sollen weniger Steuern zahlen.

Dieses kleine Beispiel zeigt: Selbst ein scheinbar einfacher Wahlkampfspruch wie „Spitzensteuersatz 75%“ kann eine Wahl kippen, wenn es um die praktische Umsetzung geht.

Schock schwer verständlich

Die Angst vor dem Sozialisten ist auch aus anderen Gründen übertrieben. Es klingt fast paradox: Die Investoren haben panische Angst vor einem Linksruck, würden aber die Reformprojekte von Hollande feiern.

So fordert Hollande staatliche Konjunkturpakete. In den USA wird die Ankündigung von staatlichen Konjunkturpaketen an der Börse gefeiert. Das bringt Wachstumsimpulse und höhere Unternehmensgewinne (in der Theorie).

Hollande fordert auch eine großzügige Zins-Politik. Ein Traum für jeden Börsianer.

Abschließend fordert Hollande die Einführung von Euro-Bonds (er will sie nur anders nennen). Werden diese Bonds eingeführt, müssten Länder wie Italien oder Spanien nur 3 oder 4% Zinsen für Staatsanleihen zahlen. Ebenfalls ein Traum für Börsianer.

Das heißt: Die Börse hat Angst vor dem Politiker, fordert aber fast das identische Programm. Amtsinhaber Sarkozy passt als „Pseudo-Spar-Politiker“ viel schlechter zu den Investoren, die immer mehr Geldspritzen fordern.

Ich warte daher relativ gelassen die Stichwahl Anfang Mai ab.

23. April 2012
von
20120302-gevestor-cr-rolf-morrien-01
Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur des „Depot-Optimierers“, von „Rolf Morriens Power Depot“ und von „Rolf Morriens Premium Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.

Infografik des Monats

Wahlversprechen Steuersenkung

Gratis Newsletter von GeVestor
Weitere Newsletter