Der nächste Tiefschlag: EZB finanziert die Krisen-Staaten

Morrien‘s Schlussgong
Der Börsenrück- und Ausblick von Deutschlands Depot-Optimierer Nr. 1: Rolf Morrien. Der kostenlose E-Mail-Newsletter „Morriens Schlussgong“ berichtet täglich von den jüngsten Entwicklungen der Börsen - mit Handlungsempfehlung für den nächsten Tag.
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Die Börse bleibt auch am letzten Handelstag der Woche unberechenbar.
Trotz schlechter Konjunkturdaten drehte der DAX deutlich in die Pluszone und erreichte wieder die 6.000-Punkte-Marke.
2 Gründe lösten die kleine Kursrally vor dem Wochenende aus: Zum einen handelt es sich um eine technische Gegenreaktion. Der rasante Kurssturz von 7.500 auf 5.500 Punkte löste eine neue Kaufbereitschaft aus. Richtig spannend wird es, wenn der DAX um mehr als 10% über das jüngste Tief steigt.
Dann könnte die Erholung sehr schnell bis zur alten Unterstützungslinie bei 6.900 Punkten führen.
Zum anderen bedeuten negative Konjunkturdaten aus den USA in diesen Tagen auch, dass die Wahrscheinlichkeit für ein neues Konjunkturstützungsprogramm der US-Zentralbank FED steigt. Der Markt freut sich schon auf die nächste Liquiditätsspritze. Die FED verstößt dabei nicht einmal gegen die Regeln: Anders als in Europa ist die US-Notenbank für Geldwert- und für die Konjunkturstabilität zuständig.
EZB bricht alle Regeln
Die Europäische Zentralbank (EZB) hat dagegen ausdrücklich „nur“ die Aufgabe, die Stabilität der Währung zu verteidigen. Konjunkturprogramme sind nicht vorgesehen. Theoretisch darf die EZB auch keine Staatshaushalte finanzieren. Damit steht die EZB in der Tradition der Deutschen Bundesbank.
In der Praxis sieht die EZB-Arbeit jedoch ganz anders aus. Das Zins-Niveau ist „konjunkturschonend“ und gegen alle Regeln kauft die Notenbank eifrig Staatsanleihen. Bisher war es nur ein kleiner Sündenfall, da wirtschaftlich kleine EU-Staaten wie Griechenland, Portugal und Irland gestützt wurden.
In dieser Woche wurde aber ein Tabu gebrochen: Jetzt werden auch die wirtschaftlichen Großmächte unterstützt.
Details sind noch nicht bekannt, aber die Marktbeobachter sind sich einig, dass die EZB im Wochenverlauf italienische und spanische Staatsanleihen gekauft hat, um die Kurse zu stützen.
Jetzt wird um die ganz großen Einsätze gespielt
Der große Unterschied: Bisher reichten relativ kleine Summen, um den Markt zu stützen. Seit Krisenbeginn erwarb die EZB für 77 Mrd. Euro Staatsanleihen. Da jetzt aber die großen Staaten betroffen sind, muss der Einsatz gesteigert werden, um eine Wirkung am Markt zu erzielen.
Die Experten gehen davon aus, dass die EZB pro Woche (!) einen zweistelligen Milliardenbetrag einsetzen muss, wenn Spanien, Italien und die anderen Krisenländer gestützt werden sollen. Innerhalb von Monaten würde die EZB-Bilanz um mehrere 100 Mrd. Euro anschwellen. Das ist eine völlig neue Dimension.
Es zeigt sich: Wenn einmal ein Tabu gebrochen wird (in diesem Fall Ankauf von Staatsanleihen), gibt es kein Halten mehr. Es bleibt fast nie bei Einzelfällen.
Deutsche Notenbanker stimmen dagegen
Sehr spannend ist das Abstimmungsverhalten. Insider berichten, dass vier Notenbanker gegen den Kauf der Staatsanleihen gestimmt haben. Genannt werden die Notenbanker aus den Niederlanden und Luxemburg, der deutsche Notenbank-Chef Jens Weidmann und das EZB-Direktoriumsmitglied Jürgen Stark (Deutschland).
Es fehlen in dieser Liste die Vertreter aus Österreich und Frankreich, die in der Vergangenheit oft zusammen mit Deutschland abgestimmt haben. Erste Stimmen werden laut, die davon ausgehen, dass sich die alten EZB-Lager auflösen. Deutschland distanziert sich langsam von der EZB und betont auffällig oft die Tradition der Deutschen Bundesbank.
Neuer Bundesbank-Chef bisher ein Glücksgriff
In den vergangenen Monaten habe ich hier im Schlussgong sehr oft die politischen Fehlentscheidungen in den USA und in Europa kritisiert. Es werden aber nicht nur Fehlentscheidungen getroffen.
So hat Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Besetzung des Bundesbank-Chefpostens mit Jens Weidmann einen Volltreffer gelandet. Weidmann galt zunächst als zu jung (er ist erst 43 Jahre alt), unerfahren und als „Handlanger“ der Kanzlerin.
In kürzester Zeit hat sich Weidmann sehr viel Respekt im In- und Ausland erarbeitet. Er gilt als sehr kompetent, unabhängig, diplomatisch (anders als sein Vorgänger Axel Weber), aber gleichzeitig als hart in der Sache.
Weidmann kann in der EZB (oder in einer irgendwann wieder eigenständigen Bundesbank) ein Garant für Geldwertstabilität werden. Solche Personen sind leider sehr selten geworden…



