Die Notenbanken als Feuerwehr


Morrien‘s Schlussgong

Der Börsenrück- und Ausblick von Deutschlands Depot-Optimierer Nr. 1: Rolf Morrien. Der kostenlose E-Mail-Newsletter „Morriens Schlussgong“ berichtet täglich von den jüngsten Entwicklungen der Börsen - mit Handlungsempfehlung für den nächsten Tag.

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Was für eine Achterbahnfahrt am Aktienmarkt!

Zunächst stieg der DAX auf 6.640 Punkte.

Die Anleger feierten, dass die chinesische Zentralbank in der Nacht überraschend die Zinsen gesenkt hat.

Doch dann folgte die kalte Dusche: Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Leitzins nur um 25 Basispunkte auf 0,75% gesenkt.

Das ist zwar der niedrigste Zins-Satz in der Geschichte der EZB, aber die Anleger hatten noch größere Erwartungen. Der DAX stürzte auf 6.475 Punkte ab.

Im Endspurt konnte der DAX aber zumindest die 6.500-Punkte-Marke zurückerobern und schloss knapp 0,5% schwächer bei 6.535 Punkten.

Bilanz soll nicht aufgebläht werden

Der EZB-Präsident Mario Draghi kühlte heute die Phantasie der Anleger ab. Der „Traum“ von der großen Zins-Senkung platzte. Dabei hat Draghi die Zinsen seit seinem Amtsantritt im Jahr 2011 bereits halbiert.

Aber noch „schlimmer“, zumindest aus Sicht einiger Anleger, lief die anschließende Pressekonferenz. Die EZB kündigte kein neues Anleihen-Kaufprogramm an. Die Druckerpresse wird (noch) nicht wieder angeworfen.

Ein Blick auf die Notenbank-Bilanz zeigt, dass Draghi dieses Instrument vorsichtig einsetzen muss. Die Bilanzsumme des Euro-Systems ist erst vor wenigen Tagen auf den Rekordstand von 3,1 Billionen Euro gestiegen.

Steigt die Bilanzsumme schnell weiter, wird das Misstrauen größer. Und wenn die Marktteilnehmer der Notenbank nicht mehr trauen, wackelt das gesamte Währungssystem.

Daher hat EZB-Chef Draghi heute nur damit gedroht, neben der Zins-Senkung weitere Waffen in Stellung zu bringen.

IWF fordert Anleihen-Kauf

Die Hoffnung der Investoren auf den Einsatz der Gelddruckmaschine erhielt zuletzt durch den Internationalen Währungsfonds (IWF) Nahrung. Führende IWF-Vertreter wie die IWF-Chefin Christine Lagarde sprachen sich dafür aus, dass die EZB die Zinsen stabil halten und im Gegenzug Staatsanleihen kaufen solle.

Auch einige Finanzmarktexperten halten die EZB für die letzte Rettung. Das Argument: Das Geldvolumen im Euro-Rettungsfonds ist begrenzt. Die Spekulanten können leicht ausrechnen, wann der Rettungsfonds die Munition verschossen hat.

Ganz anders sieht es aus, wenn die Notenbank Anleihen der Schuldenstaaten kauft. Die Anleger, die gegen Italien und Spanien wetten wollen, können nicht wissen, ob die EZB im Extremfall mehrere Billionen Euro zur Verfügung stellt. Theoretisch kann die EZB ohne Obergrenze kaufen.

Die Überlegung: Wenn die EZB die Staatsanleihen durch Käufe künstlich stützt und eine „Kauf-Garantie“ abgibt, kommt es erst gar nicht zu Angriffen auf Italien und Spanien, weil die Spekulanten nicht wissen, wie stark der Gegner ist.

Staatsfinanzierung durch die EZB

Diese strategische Überlegung mag in der Theorie richtig sein, aber in der Praxis gibt es einige Probleme: Zum einen ist die Bilanzsumme der EZB bereits extrem groß. Selbst die EZB kann nicht jede Last tragen.

Zum anderen senden unbegrenzte Käufe durch die EZB falsche Signale: Warum sollen Griechenland, Italien, Spanien und Co. noch sparen, wenn die EZB ohnehin alle Staatsanleihen kauft und so die Staaten bequem finanziert?

Zur Erinnerung: Bei Gründung der EZB wurde beschlossen, dass eine Staatsfinanzierung durch die Notenbank strikt verboten ist. Diese Regel wurde bereits gebrochen. Noch einen Tiefschlag verträgt die formale Unabhängigkeit der Notenbank nicht.

Das Geld soll arbeiten

Die EZB hat nicht nur die Leitzinsen gesenkt, sondern auch den Zinssatz, den Geschäftsbanken erhalten, wenn sie Geld bei der EZB parken. Dieser Zinssatz wurde auf 0% gesenkt.

Beide Zins-Senkungen haben ein Ziel: Es soll immer unattraktiver werden, Geld zu „parken“. Das Geld soll arbeiten. Die Geschäftsbanken sollen das Geld in die Wirtschaft pumpen (Kredite vergeben) und die Sparer sollen investieren und konsumieren. So soll die Wirtschaft angekurbelt werden.

Zusätzlicher Nebeneffekt: Da die Zinsen niedriger sind als die Inflationsrate, werden die Schuldenberge langsam „weginflationiert“. Verlierer sind die Besitzer von Geldvermögen, die stetig Kaufkraft verlieren. Einer muss schließlich die Schulden-Party bezahlen.

5. Juli 2012
von
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Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur des „Depot-Optimierers“, von „Rolf Morriens Power Depot“ und von „Rolf Morriens Premium Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.

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