Ölpreisverfall: Segen oder Risiko für Wirtschaft und Verbraucher?

Der sinkende Ölpreis lässt bereits seit Wochen vor allem Autofahrer jubeln: Die Preise, die an der Zapfsäule für den Liter Benzin verlangt werden, haben inzwischen das Niveau von 2011 erreicht. Waren vor wenigen Monaten noch Beträge von deutlich über 1,60 Euro je Liter Super die Regel, liegt der Durchschnittspreis inzwischen nur noch bei gut 1,30 Euro – Tendenz weiter fallend.

Nicht nur Autofahrer dürfen sich freuen, auch Fluggesellschaften können nun deutlich profitabler fliegen, sind die Kerosinkosten doch für einen Löwenanteil auf der Ausgabenseite verantwortlich. Was Fluggäste verärgert, freut die Aktionäre der Airlines: Statt die Ersparnis über günstigere Ticketpreise an die Kunden weiterzugeben, werden seitens der Gesellschaften eher zusätzliche Flüge angeboten – oder einfach höhere Gewinne eingestrichen.

Nicht nur Fluggesellschaften, auch Staaten agieren auf diese Weise, um ihre Einnahmen zu steigern. So hat etwa China die Steuer auf den Ölverbrauch erhöht, während Malaysia den niedrigen Ölpreis nutzt, um entsprechende Subventionen zu kürzen.

Doch der fallende Ölpreis hat auch seine Schattenseiten, und diese betreffen die globale gesamtwirtschaftliche Entwicklung. Der Rohstoff wird schließlich nicht nur zur Gewinnung von Kraftstoff benötigt, sondern auch für die Produktion von Kunststoffen oder Medizinprodukten, mithin einer ganzen Reihe von Konsumgütern sowie deren Transport um die Welt.

Wichtig ist vor allem die Frage nach der Ursache des Preisverfalls: Liegt dieser begründet in einem Überangebot oder in einem Nachfragerückgang – oder aber in einer Kombination aus beidem?

Sinkt der Ölpreis, sinkt die Marge – und die Fördermenge

Zunächst einmal sinkt mit dem Ölpreis auch die Produktionsrate, weil sich ein Aufrechterhalten der bisherigen Fördermengen schlichtweg nicht rechnet. Um profitabel zu bleiben, werden Kapazitäten heruntergeschraubt. Dennoch sinkt die Gewinnmarge der fördernden Firmen, wodurch Liquiditätsengpässe begünstigt werden können.


Gratis Studie: Die Zukunft Ihres Depots?....

  • China Mobile (China), größter Mobilfunkanbieter weltweit
  • Vale (Brasilien), größter Eisenerzlieferant der Welt
  • Novo Nordisk (Dänemark), führender Hersteller Insulin der Welt
  • Petrochina (China), zweitteuerstes Unternehmen der Welt
  • Burberry Group (England), führender Luxushersteller der Welt
  • Harley Davidson (USA), legendärster Motorradhersteller der Welt

Hier erfahren wo sich der Einstieg noch lohnt ➜


Kommt eine Firma in Zahlungsschwierigkeiten, sinkt ihr Bonitätsranking. In der Folge steigen die Zinsen für neue Darlehen an, die Ausgaben steigen, während die Einnahmen stagnieren oder sogar zurückgehen. Der Schuldenberg, den die Unternehmen in der Förderbranche angehäuft haben, droht zu einem substanziellen Risiko zu werden. Zu beobachten sind solche Effekte derzeit etwa beim russischen Ölgiganten Rosneft, der zusätzlich durch US-Handelssanktionen im Kontext der Ukraine-Krise belastet wird.

Geraten einzelne Big Player der Verwertungskette in Schieflage, kann dies einen Dominoeffekt auslösen und auch andere Unternehmen mit herunterziehen, die von der kriselnden Firma abhängig sind. Die Risiken für Banken, die Direktkredite an die Unternehmen vergeben haben, steigen. Kommt es zum Kollaps, haften wir alle – mittelbar oder unmittelbar, beispielsweise über staatliche Rettungsmaßnahmen.

Ölexportierenden Staaten droht finanzielles Fiasko

Doch nicht nur einzelnen Unternehmen, sondern auch ganzen Staaten, deren Volkswirtschaft maßgeblich vom Ölexport abhängig ist, droht ein finanzielles Fiasko, wenn der Ölpreis für einen längeren Zeitraum auf sehr niedrigem Niveau verweilt. Dies betrifft etwa Venezuela oder Nigeria, mittelfristig möglicherweise auch Russland.

Die Kürzung von Subventionen für die Ölförderung in einigen Staaten des Mittleren Ostens trägt ebenfalls ihren Teil dazu bei, die Lage zu destabilisieren. Zudem herrscht dort massive Verunsicherung durch eine drohende Eskalation mit Blick auf Terrororganisationen wie Islamischer Staat (IS).

Weltweit droht eine Deflationsspirale, wenn der Ölpreis weiter fällt und mittelfristig niedrig bleibt. Von dieser Entwicklung wären manche Länder stärker betroffen als andere. Für sie könnten sich wechselseitig verstärkende Effekte von Zahlungsschwierigkeiten und Währungsverfall die Folge sein.

Es gibt allerdings auch die umgekehrte Wirkung. So ist beispielsweise Chinas Währung relativ eng an den US-Dollar gekoppelt. Dessen Stärke im Vergleich zu anderen Währungen hat chinesische Exporte verhältnismäßig teuer gemacht und ist nun einer von vielen Gründen für die schwächelnde Konjunkturentwicklung im Reich der Mitte. China versucht bereits, die eigene Währung abzuwerten.

QE-Maßnahmen – nur kurzfristig ein Lösungsansatz

Eine Möglichkeit hierzu besteht im Fluten der Finanzmärkte mit billigem Geld oder auch Quantitative Easing (QE) – eine Maßnahme, die die US-Notenbank Federal Reserve in den vergangenen Jahren ausgiebig praktiziert hat, um die heimische Wirtschaft anzukurbeln.

Das QE-Programm der Fed lief im vergangenen Oktober aus. Manche Beobachter vermuten einen Zusammenhang mit dem fallenden Ölpreis, da die QE-Maßnahmen einst Teil der Lösung waren, um eben jenen Preisverfall zu stoppen.

Dennoch sind QE-Maßnahmen stets nur kurzfristige Mittel zum Zweck, denn auf Dauer wird dadurch die Überschuldung der Verbraucher begünstigt, da diese bei gleichbleibenden Löhnen für steigende Produktions- und Güterkosten aufkommen müssen.

US-Wirtschaft und -Arbeitsmarkt stark von Öl abhängig

Grundsätzlich ist der US-Arbeitsmarkt maßgeblich abhängig von der Ölförderung. In Staaten, die Öl fördern, wurden seit Dezember 2007 mehr als 1,3 Millionen Jobs geschaffen, während nicht-fördernde Staaten im gleichen Zeitraum einen Jobrückgang von über 400.000 Stellen verzeichneten. Da die wirtschaftlichen Effekte der Ölförderung vor Ort zahlreiche Branchen betreffen, profitieren die USA insgesamt davon, weniger Öl importieren zu müssen.

Mehr noch: Man hatte auf lukrative Exporte gehofft aufgrund der verhältnismäßig höheren Ölpreise außerhalb der USA. Durch das Überangebot im arabischen Raum und den Preisverfall hat sich dieses Geschäftsfeld des US-Außenhandels nun erst einmal erledigt.

Zugleich werden allerdings kaum nachhaltige Investitionen getätigt in Bereiche, die von niedrigen Ölpreisen abhängig sind – weil den meisten Investoren klar ist, dass der Verfall nur vorübergehend ist und sich die Preisentwicklung mittelfristig wieder stabilisieren dürfte. Ein Grund für einen tendenziell wieder anziehenden Ölpreis sind etwa steigende Förderkosten, da die Quellen immer schwieriger zu erschließen sind.

Um auf die Ausgangsfrage nach der Ursache für den aktuellen Preissturz zurückzukommen: Die Antwort liegt wohl in der Mitte. Sowohl eine Überproduktion als auch die nachlassende Nachfrage haben den Ölpreis zuletzt deutlich nach unten gedrückt. Doch die OPEC-Staaten beraten bereits über Gegenmaßnahmen, um ihren Exportschlager Nummer eins wieder lukrativer werden zu lassen.

In diesem Sinne: Genießen Sie noch einmal das Gefühl des Volltankens an der Zapfsäule – der günstige Preis wird nicht ewig anhalten.

17. Dezember 2014

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov wuchs in einem internationalen Umfeld auf und entdeckte schon früh sein Interesse am Thema Finanzen. Er publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

10 Dividendenaktien, deren Dividende IMMER steigt