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Sorgenkind Nummer Eins

Am empfindlichsten sind die Finanzmärkte.

Sie reagieren ganz besonders sensibel auf alles, was seit Ausbruch der Finanzkrise in der Euro-Zone passiert.

Wenn der Krisengipfel zur Dauereinrichtung wird

Passiert ist in den letzten Jahren so einiges. Der Krisengipfel wurde zur Dauereinrichtung, langwierige Verfahren durch kurzfristige Notfallpläne ersetzt. Europa rückt zusammen in der Stunde der Not, während gleichzeitig die Ressentiments zu wachsen scheinen.

Immer wieder gerät dabei vor allem ein Land in den Fokus: Griechenland. Mehrfach stand eine Staatspleite unmittelbar bevor, jedes Mal wurde buchstäblich in letzter Sekunde gerettet.

Zwar hat Griechenland im Laufe seiner langen Geschichte schon so manchen Bankrott erlebt – aber noch nie im Verbund einer Gemeinschaftswährung, in der 16 weitere Staaten die Erschütterungen direkt zu spüren bekommen.

Die Zeiten der Geduld sind vorbei

Deswegen darf Griechenland nun unter keinen Umständen pleitegehen – koste es, was es wolle. So lautete lange Zeit das Credo, auf dem Rettungsschirme und Gipfelbeschlüsse fußten.

Doch die Zeiten der Geduld sind vorbei – auf beiden Seiten. Die Griechen wollen nicht mehr sparen, zu sehr leidet die Bevölkerung inzwischen unter den sozialen Folgen der strikten Reformen.

Auf der anderen Seite sind die europäischen Partner nicht bereit, ohne jede Gegenleistung Milliardensummen zu transferieren.

Die Lage ist vertrackt. Die letzte demokratisch legitimierte Regierung in Athen ist im vergangenen Herbst gescheitert, sie wurde durch ein Expertengremium ersetzt, das die Sparanstrengungen durchführen sollte.

Die griechischen Wähler haben die Qual

Jetzt aber hat es der Wähler wieder in der Hand. Es ist in diesem Fall eher eine Qual der Wahl, denn so richtig gut ist das alles nicht, was den Griechen bevorsteht – egal, wer regiert. Das ist ihnen durchaus bewusst.

Ein erster Anlauf ist Anfang Mai bereits gescheitert – die Wähler haben entschieden, doch den Parteien passte das Ergebnis nicht. Bitte wiederholen.

Der nächste Urnengang ist für Mitte Juni geplant. Bis dahin hängt Griechenland in einer Art Schwebezustand – und mit ihm die europäische Politik und die globalen Finanzmärkte.

In den Wahlumfragen liefern sich europafreundliche Kräfte ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit einem Linksbündnis, das die Sparvorgaben nicht länger erfüllen will.

Es ist verständlich, dass die linken Forderungen populär sind. Doch sie sind darüber hinaus auch populistisch.

Vorbereiten auf alle Eventualitäten

Inzwischen dringt von allen Seiten an die Oberfläche, dass man sich auf diverse Szenarien vorbereitet. Auch ein Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone ist nicht mehr undenkbar, sondern eine Option unter mehreren.

Wie es allerdings danach weitergehen würde, steht in den Sternen.

Noch immer wird eine Politik der kleinen Schritte verfolgt. Der nächste absehbare Schritt ist die Parlamentswahl, über allem weiteren liegt ein grauer Schleier der Ungewissheit.

Fehleranalyse der Ist-Situation

Da hilft es auch wenig, wenn Finanzexperten in Talkshows zu der Erkenntnis gelangen, es wäre wirtschaftlich sinnvoller gewesen, Griechenland seinerzeit nicht in den Währungsraum aufzunehmen.

Das ist zwar offenkundig richtig, bringt aber die Debatte in der aktuellen Problematik nicht voran. Denn es ist ein Unterschied, ob eine Währung gar nicht erst eingeführt worden wäre – hätte, wäre, könnte – oder ob eine bereits eingeführte Währung nach einigen Jahren plötzlich abgeschafft wird.

Die Voraussetzungen sind grundverschieden, die Auswirkungen des letzteren Schrittes unabsehbar. Notwendig wäre eine Analyse möglicher Fehler in der Ist-Situation. Nur dass es dafür zu viele Unbekannte gibt.

Finanzmärkte reagieren nervös

Was die Finanzmärkte betrifft, so können sie naturgemäß nicht besonders gut umgehen mit Unsicherheiten. Bei unverlässlichen Aussichten, die auch zu bösen Überraschungen führen können, reagieren sie nervös.

Die Volatilität der vergangenen Wochen hat das deutlich gezeigt. Erst gaben sich Anleger im Vorfeld der wichtigen Wahlen Anfang Mai zurückhaltend. Doch als klar wurde, dass die griechische Tragödie damit nicht ausgestanden ist, sondern gerade erst anfängt, brach das Chaos aus.

Seitdem gleicht der Dax einer Berg- und Talfahrt: Wöchentlich gibt es gute und schlechte Tage, Kursrutsch und Freudentaumel wechseln sich ab. Kleinste Impulse wie ein Gerücht oder ein Umfragewert reichen aus, um die Märkte zu verunsichern – im Positiven wie im Negativen.

Es scheint, als habe die Zitterpartie, in der sich Griechenland befindet, direkt übergegriffen auf die Märkte.

Dass diese von Unsicherheit durchdrungene Volatilität mit den nächsten griechischen Wahlen vom Tisch sein wird, ist zwar eine kühne Hoffnung. So wirklich daran glauben kann derzeit kaum jemand.

Die Wahl wird keine Beruhigung bringen

Die Wahl könnte zugunsten des Linksbündnisses entschieden werden. Sie könnte aber auch, was nicht gerade unwahrscheinlich und womöglich noch verheerender wäre, das gleiche Ergebnis hervorbringen wie der letzte Urnengang vor wenigen Wochen.

Dann drohen in Griechenland politische Verhältnisse wie in Belgien oder Italien üblich – eine Regierungsbildung wäre auf unbestimmte Zeit unmöglich, Vielparteien-Koalitionen würden nach kurzer Zeit zerbrechen.

Das Land würde vermutlich noch unberechenbarer als nach einem Linksruck.

Spätestens dann hätten nicht nur die globalen Finanzmärkte, sondern auch die europäische Politik ein Problem mit der fehlenden Konstanz in Athen.

Griechenland – womöglich nur ein Testlauf

Bleibt zu hoffen, dass man sich hinter verschlossenen Türen nicht nur auf einen selbstgewählten Euro-Austritt der Griechen vorbereitet, sondern auch auf die Variante, dass es aus Athen in nächster Zeit keine Mehrheitsbeschlüsse geben wird.

Eine große Baustelle also, auf der es nur für eine kurze Zeit halbwegs ruhig zuging, drängt sich wieder auf die Agenda der Europapolitik.

Und dabei ist Griechenland noch nicht einmal das einzige Sorgenkind in der Euro-Zone.

Ein noch größeres Problem bahnt sich an und könnte Griechenland als harmlosen Testlauf erscheinen lassen: Spanien.

31. Mai 2012

Von: David Gerginov. Über den Autor

Die Welt der Finanzen und der Politik hat David Gerginov von jeher fasziniert. Aber auch das Weitergeben von wichtigen Informationen und Hintergrundwissen ist ihm wichtig. Mit seinen Beiträgen möchte er Lesern wichtige Fakten vermitteln und bei der Vertiefung des eigenen Wissens helfen.