Viele Unternehmen verdienen prächtig. Das spricht für Aktien.

Morrien‘s Schlussgong
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Am heutigen Freitag erhalten Sie im Schlussgong ein aktuelles Interview mit Rolf Morrien.
Rolf Morrien ist seit der Gründung 2002 Chefredakteur des Börsendienstes „Der Depot-Optimierer“.
Zum 10-jährigen Jubiläum des Börsendienstes stellt die GeVestor-Redaktion Rolf Morrien Fragen über die Börsenentwicklung seit 2002 und aktuelle Trends im Börsenjahr 2012.
„Viele Unternehmen verdienen prächtig. Das spricht für Aktien.“
GeVestor-Redaktion: Herr Morrien, in dieser Woche hat der DAX zum ersten Mal seit mehreren Monaten wieder 7.000 Punkte erreicht. Welche Gründe gibt es für den Aufschwung?
Rolf Morrien: Es gibt nicht den einen entscheidenden Grund. Die Investoren haben ganz unterschiedliche Motive, warum sie sich wieder mit Aktien eindecken und die Kurse nach oben treiben. Zentral der Wunsch nach einer positiven Rendite.
GeVestor-Redaktion: Was bedeutet das konkret?
Rolf Morrien: Ein Schweizer Kollege hat es auf den Punkt gebracht: Das Streben nach Kapitalerhalt ist kurzfristig schön und gut, aber auf längere Sicht fordern die Kunden Gewinne.
Die Versicherungen müssen Gewinne abwerfen, die Fondsmanager und auch die Vermögensverwalter. In der Krise ist auch ein 0%-Ergebnis gut, wenn der Gesamtmarkt fällt, aber spätestens im zweiten oder dritten Jahr wollen die Kunden, dass die Anlage-Chancen aktiv genutzt werden.
Daher wird das geparkte Geld Schritt für Schritt wieder in den Markt gepumpt. Deutsche Aktien gelten international als besonders interessant.
GeVestor-Redaktion: Herr Morrien, in den vergangenen Wochen haben Sie in unseren Interviews im Wochenrückblick immer wieder die Rolle der Notenbanken betont. Spielen die Notenbanken in der aktuellen Aufwärtsphase keine Rolle?
Rolf Morrien: Doch, auf jeden Fall. Die Macht der Worte wird hier sehr schön sichtbar. EZB-Chef Mario Draghi musste bisher nur ankündigen, dass die Europäische Zentralbank den Euro um jeden Preis verteidigt und schon werden die Short-Spekulanten nervös und decken sich wieder mit den vorher leer verkauften Aktien ein.
Ausgerechnet die Anleger, die vom Zusammenbruch profitieren wollten, treiben durch ihre Eindeckungskäufe die Kurse nach oben. Laut Bloomberg ist der Anteil der leer verkauften Aktien im europäischen Index Stoxx 600 von 3,4 auf 2,9% gefallen.
Die Short-Spekulanten haben Angst, dass die Notenbanken die Schuldenkrisen entschärfen oder einfach den Markt mit Liquidität vollpumpen. Schon vor der ersten Geldspritze decken sich diese Anleger wieder mit Aktien ein.
Die Drohung hat gereicht. Die EZB musste dafür noch keinen Euro in spanische Staatsanleihen investieren.
GeVestor-Redaktion: Gibt es weitere Gründe für den Aufschwung?
Rolf Morrien: Ja, die bereits beschriebenen Umschichtungen zeigen Wirkung. Die Devise, dass Sicherheit und Kapitalerhalt über alles geht, verliert langsam an Gewicht. Die Anleger wollen wieder Geld verdienen.
Und wenn diese Anleger dann ein Dutzend DAX-Werte mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von unter 10 und einer Dividenden-Rendite von über 4% kaufen können, ist das natürlich verlockend.
DAX-Werte wie Deutsche Post, BMW oder BASF gab es zuletzt zu Preisen wie im Sommerschlussverkauf. Auch in der zweiten Reihe locken echte Perlen. MDax-Werte wie Fuchs Petrolub, Rational oder auch Fielmann sind Dauerbrenner, die langfristig von Erfolg zu Erfolg rennen.
GeVestor-Redaktion: Aber sind Aktien angesichts der Konjunkturrisiken und der Schuldenkrise nicht zu riskant?
Rolf Morrien: Ganz klar gilt: Rendite und Risiko gehören zusammen. Wer zweistellige Renditen pro Jahr verdienen will, muss auch zwischenzeitliche Kursverluste ertragen und aussitzen können.
Selbst eine Nestle- oder Coca-Cola-Aktie kann in Panikphasen 20% und mehr verlieren. Daher sollten Privatanleger nur das Geld direkt in Aktien investieren, das auch mindestens 3 Jahre an der Börse arbeiten kann. Besser sind sogar 5 Jahre.
Mit einer sehr großen Wahrscheinlichkeit wird ein Anleger auf Sicht von 5 Jahren erstklassige Ausstiegs-Kurse realisieren können. Es spricht aber noch ein Grund für Aktien.
GeVestor-Redaktion: Und zwar?
Rolf Morrien: Die Anlage-Alternative ist weggebrochen. Früher galt, dass Aktien für Rendite und Risiko stehen, Staatsanleihen dagegen für Sicherheit und planbare Erträge. Das gilt nicht mehr in der Schuldenkrise.
Sollte es zum Flächenbrand in Europa kommen, wird Deutschland die Zeche zahlen müssen. Warten wir mal ab, was deutsche Staatsanleihen dann noch am Kapitalmarkt wert sind. Heute gilt, dass Staatsanleihen keine Rendite bieten, aber auch keine Sicherheit mehr.
Bei Aktien weiß ich, dass ich ins Risiko gehe, kann aber mittel- und langfristig mit 8 bis 12% Rendite pro Jahr rechnen. Dieser Deal ist doch OK.
GeVestor-Reaktion: Ist das kurzfristige Einstiegs-Timing am Aktienmarkt optimal?
Rolf Morrien: Das perfekte Timing gibt es nicht. Natürlich wäre es taktisch besser gewesen, in den DAX einzusteigen, als dieser noch bei 6.000 Punkten stand. Doch dann hätte man sich auch mehr Unsicherheiten eingekauft.
Jetzt notiert der DAX bei 7.000 Punkten, dafür weiß der Anleger, dass die Notenbank das Währungssystem um jeden Preis verteidigen will und kennt von fast allen Unternehmen die Halbjahreszahlen. Mehr Information bedeutet mehr Sicherheit. Dafür muss ich jetzt an der Börse für Aktien einen höheren Preis zahlen.
GeVestor-Redaktion: Waren Sie bisher mit den Halbjahreszahlen zufrieden?
Rolf Morrien: Auf jeden Fall! Natürlich nimmt die Zahl der Gewinnwarnungen angesichts der Konjunkturflaute zu. Aber die Erwartungen wurden deutlich übertroffen und zwar im positiven Sinne.
Laut Wirtschaftsprüfer Ernst & Young haben die 30 DAX-Unternehmen im 2. Quartal mit 312 Milliarden Euro einen Rekordumsatz erzielt. Der operative Gewinn lag mit 27,5 Milliarden Euro nur knapp unter dem Rekordwert aus dem Jahr 2007.
Damals notierte der DAX aber bei über 8.000 Punkten, heute erst bei 7.000 Punkten. Das zweite Halbjahr wird deutlich schwieriger, aber die meisten Unternehmen haben einen schönen Sicherheitspuffer aufgebaut.
GeVestor-Redaktion: Und wie geht es jetzt weiter?
Rolf Morrien: Die Notenbanken haben große Taten angekündigt, jetzt muss auch geliefert werden. Die Investoren erwarten bereits im September die ersten Liquiditätsspritzen.
Das Geld würde nicht nur die Aktienkurse beflügeln, sondern auch die Preise von Gold und Silber. Fallen die Rettungspakete der Notenbanken dagegen aus Sicht des Marktes zu klein aus, drohen erste Rückschläge. Dann müssen die Unternehmen das mit guten 9-Monats-Zahlen ausgleichen. Es bleibt also auch im Herbst spannend.
GeVestor-Redaktion: Herr Morrien, vielen Dank für die aktuelle Markteinschätzung.



