Gratis Studie zum kostenlosen Download:
Neu: 3 Topaktien für das Jahr 2017 . . . Download hier ➜

Wolfgang Kersting: Keine Gerechtigkeit ohne neue Ungerechtigkeiten

Anlässlich der Veröffentlichung seines neuen Buches „Wie gerecht ist der Markt?“ führte der bekannte Philosoph Wolfgang Kersting ein exklusives Interview mit GeVestor:

GeVestor: Wie gerecht ist die deutsche soziale Marktwirtschaft?

Wolfgang Kersting: Es gibt ein handliches Kriterium, mit dem gerechtere und ungerechtere Gesellschaften unterschieden werden können: Es handelt sich dabei um das Kriterium der Verteilung der basalen Güter.

Basale Güter sind fundamentale Lebensvoraussetzungen, die erfüllt sein müssen, damit die Individuen ihre unterschiedlichen Lebensprojekte in Angriff nehmen können. Dazu gehören Sicherheit, Freiheit, basale gesundheitliche Versorgung, hinreichende Dasein sichernde materielle Versorgung, Ausbildungschancen usw.

Sicherlich wird eine Gesellschaft, die keine egalitaristische Grundversorgung mit derartigen basalen Gütern ermöglicht, nicht das Prädikat einer im Großen und Ganzen gerechten Gesellschaft verdienen.

Eine minimalgerechte Gesellschaft wird daher auch nicht die Versorgung mit diesen basalen Gütern dem Markt überlassen, denn der Markt wird eine Gleichverteilung dieser Güter nicht zulassen.

In einer uneingeschränkten Marktgesellschaft würde der Besitz dieser basalen Güter funktional abhängig von der Marktmacht der einzelnen sein. Im Lichte dieses hier skizzierten Kriteriums ist Deutschland sicherlich ein im Großen und Ganzen gerechtes Land.

Wir können zur Beurteilung ebenfalls die Menschenrechte heranziehen. Auch wenn wir nach dem Grad der Menschenrechts-Verwirklichung fragen, kann Deutschland als ein gerechtes Land bezeichnet werden.

Aber hier beginnen schon die Schwierigkeiten: Manche zählen auch die Sozialrechte zu den Menschenrechten, statten etwa das Recht auf Arbeit mit menschenrechtlicher Qualität aus. Dann kann ein Land mit mehr als 3 Mio. Arbeitslosen sicherlich nicht mehr als ein gerechtes Land bezeichnet werden.

Aber auch dann, wenn man – wozu ich neige – das Recht auf Arbeit nicht als Menschenrecht betrachtet, gibt die Tatsache, dass in diesem Land Millionen keine Arbeit finden, keinen Anlass, Deutschland wegen seiner Gerechtigkeit zu loben.

Ich kann daher nur denjenigen zustimmen, die meinen, dass Verminderung der Arbeitslosigkeit durch phantasievolle beschäftigungsmehrende Initiativen die beste Form von Gerechtigkeitspolitik ist.

Betrachtet man das komplizierte Sozialversicherungssystem eines entwickelten Sozialstaats genauer, wird noch deutlicher, dass die Frage nach der Gerechtigkeit Deutschlands keine einfache Antwort finden kann.

Alle einzelnen Leistungssegmente stellen ja ihrerseits je eigene Gerechtigkeitsforderungen, die sich durch veränderte Rahmenbedingungen noch dazu immer ändern können; dann etwa, wenn kontingente Umstände, unbeherrschbare Tendenzen das Gleichgewicht zwischen Nutznießern und Belasteten drastisch verändern.

Man denke nur an die vielfältigen Ungerechtigkeitsfolgen der demographischen Entwicklung. Da sich der Generationenvertrag zunehmend als Fiktion erweist, müssen immer weniger Junge für die Altersversorgung von immer mehr Alten aufkommen.


Gratis Studie: Die Zukunft Ihres Depots?....

  • China Mobile (China), größter Mobilfunkanbieter weltweit
  • Vale (Brasilien), größter Eisenerzlieferant der Welt
  • Novo Nordisk (Dänemark), führender Hersteller Insulin der Welt
  • Petrochina (China), zweitteuerstes Unternehmen der Welt
  • Burberry Group (England), führender Luxushersteller der Welt
  • Harley Davidson (USA), legendärster Motorradhersteller der Welt

Hier erfahren wo sich der Einstieg noch lohnt ➜


Keine Ruhestandsgeneration war je so wohlversorgt wie die jetzige. Und keine zukünftige Ruhestandsgeneration, auch nicht die, die die jetzige alimentiert, wird je so ein hohes Versorgungsniveau erreichen können.

Ähnliche Ungleichgewichte, ähnliche einseitige Bevorzugungen und Benachteiligungen finden sich, wenn wir andere Leistungssegmente des sozialstaatlichen Versorgungssystem betrachten; wenn wir etwa die Stellung von Alleinerziehenden und Kinderlosen in der Rentenversicherung vergleichen, oder die steuerliche und rentenrechtliche Behandlung von kinderlosen Ehepaaren und Ehepaaren mit Kindern vergleichen.

Je differenzierter ein sozialstaatliches Leistungssystem, umso schwieriger ist es, auf allen Ebenen der Verteilung, in allen Segmenten der Versorgung die allgemeinen Gerechtigkeitsstandards aufrechtzuerhalten. Im Gegenteil: Es ließe sich bei einer genaueren Analyse zeigen, dass häufig ein Gerechtigkeitsfortschritt mit neuer Ungerechtigkeit einhergeht.

Man denke nur an die Verschuldung: Jetzige Wohlfahrtsgeschenke führen zur Zinsknechtschaft unserer Kinder.

Der Sozialstaat ist ein leckes Schiff; während man im Bugraum abdichtet, dringt im Heckraum wieder Wasser ein. Aber das Schiff ist gleichwohl schwimmfähig, und die, die im Wasser treiben, sind froh, wenn sie an Bord genommen werden.

GeVestor: Gibt es ein gerechtes System? Oder: Kann es eine gerechte Gesellschaft geben?

Kersting: Es ist der Sinn moralischer Forderungen, zur Verbesserung der individuellen Lebensführung bzw. der gesellschaftlichen Verhältnisse anzustacheln. Wir Menschen benötigen diese Forderungen, weil wir unvollkommen und endlich sind.

WolfgangKersting

Philosoph Wolfgang Kersting.*

Gott benötigt keine Moral. Aber weil wir unvollkommen und endlich sind, werden wir auch nie unsere moralischen Forderungen vollständig verwirklichen können.

Es wird immer gerechtere und ungerechtere Gesellschaften geben, nie aber eine gerechte Gesellschaft. Und dabei habe ich noch das Problem ausgeklammert, dass es die eine Gerechtigkeit gar nicht gibt, sondern nur unterschiedliche und kulturell sehr variable Gerechtigkeitsmeinungen.

GeVestor: Müssen die USA für mehr Gerechtigkeit in ihrem Gesundheitssystem sorgen?

Kersting: Gesundheit ist ein basales Gut. Gesundheit ist nicht alles, aber alles ist ohne Gesundheit nichts.

Und da gilt, dass eine fundamentale Gerechtigkeitsforderung die Gleichverteilung basaler Güter ist, muss ein um Gerechtigkeit bemühtes System auch einen gleichen und einkommensneutralen Zugang zu grundlegenden Gesundheitsversorgungsleistungen garantieren.

Eine gesetzliche Krankenversicherung ist ein bewährter Weg, um dies zu erreichen. Daher versuchen demokratische Präsidenten schon seit Langem, so etwas in den Vereinigten Staaten einzurichten – bislang vergeblich, weil das hochentwickelte Freiheitsbewusstsein vieler Amerikaner Derartiges als Zwang empfindet.

GeVestor: In ihrem Buch sind Sie viel auf den Begriff der Gerechtigkeit eingegangen und haben diesen von vielen Facetten beleuchtet. Auf das, was als gerecht oder ungerecht von den Menschen gefühlt wird, sind Sie aber kaum eingegangen. Was denken Sie daher über Konzepte wie das der “moralischen Ökonomie”?

Kersting: Politiker müssen sich um die Gefühle der Menschen kümmern, wenn sie gewählt werden wollen. Demographen helfen ihnen dabei, indem sie durch Umfragen die Gefühlslage der Bevölkerung erhellen wollen. Philosophen hingegen arbeiten mit Begriffen, nicht mit Gefühlen. Mir geht es um Argumente, nicht um Stimmungen.

Aber diese Argumente sind kein Selbstzweck, sondern sie sollen dazu dienen, den gesellschaftlichen Diskurs zu rationalisieren. Und irgendwann müssen auch die Fühlenden, wenn sie in die Öffentlichkeit gehen, die Sprache gebrauchen und ihre Gefühle in Begriffe fassen.

Und dann können sie anhand der ihnen vorgelegten Begriffe sehen, ob ihre Gefühle den Argumenten standhalten, oder vielleicht auf irrtümlichen Überzeugungen oder privaten Interessen beruhen und daher korrigiert werden müssen.

GeVestor: Auf S. 175 findet sich folgendes Zitat: “Genetische Ausstattung ist außerhalb moralischer Beurteilung”. Doch Menschen werden meist von Geburt an auf bestimmte Weise beurteilt, bewertet und in Kategorien eingeteilt. Wie ist dieses Zitat daher zu verstehen?

Kersting: Ich richte mich gegen eine Gerechtigkeitsauffassung, die Menschen in Bevorzugte und Benachteiligte einteilt, in Mehrmenschen und Mindermenschen, und mit dieser Einteilung eine Umverteilung von den Bevorzugten zu den Benachteiligten begründen will.

Ich trete vielmehr für eine Gerechtigkeitsauffassung ein, die die Gesellschaft zur Chancengleichheit verpflichtet und daher ein hinreichend ausdifferenziertes Ausbildungssystem fordert, durch das jeder sich gemäß seiner unterschiedlichen Anlagen und Talente entwickeln kann.

Genetische und soziale Differenzen sind kein Gegenstand moralischer Bewertung, weil es nicht Aufgabe des Sozialstaats ist, zufällige genetische Begabungsungleichheiten und soziale Herkunftsungleichheit auszugleichen, sondern jedem durch geeignete institutionelle Arrangements möglichst gleiche Entwicklungschancen zu ermöglichen.

Dass Derartiges von den Einkommensstarken finanziert werden muss, liegt auf der Hand. Aber es kommt auf die Begründung an: Wird die Steuer im Rahmen einer politischen Solidarität errichtet, um die Institutionen der Chancengleichheit für alle Bürger zu finanzieren, oder als Strafe für genetische Bevorzugung und zur Kompensation genetischer Benachteiligung?

GeVestor: Wer, denken Sie, würde von Ihrem Buch am meisten profitieren können? Vielleicht Politiker, Manager, oder vielleicht Wirtschaftswissenschaftler?

Kersting: Mein Buch bemüht sich um sowohl historische wie begriffliche Aufklärung. Zum einen klärt es über die Ideengeschichte unserer sozialen Marktwirtschaft auf und macht hoffentlich ein Ende mit der dümmlichen Neoliberalismus-Kritik.

Denn die Neoliberalen gehören zu den Gründungsvätern unserer sozialen Marktwirtschaft und waren konservative Marktskeptiker, die für eine konsequente staatliche Ordnungspolitik eingetreten sind.

Zum anderen versucht es zum gegenwärtigen sozialstaatlichen Gerechtigkeitsdiskurs beizutragen und ein mit unseren freiheitlichen Überzeugungs-Grundlagen in Übereinstimmung stehendes Gerechtigkeitskonzept zu verteidigen.

Wer an diesen Fragen interessiert ist und sich in diesen Diskursen als Politiker, Manager, Wissenschaftler, oder auch nur als Bürger bewegt, wird hoffentlich von der Lektüre meines Buches profitieren können.

Wolfgang Kersting wurde 1946 in Osnabrück geboren und zählt zu den bekanntesten zeitgenössischen Philosophen Deutschlands. Für sein Buch „Verteidigung des Liberalismus“ erhielt er 2010 den CORINE-Preis. Lesen Sie hier mehr über den Autor.

Das Buch ist im Murmann Verlag erschienen und kostet 24,90€.

*(c) Wolfgang Kersting.

30. Juli 2012

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov wuchs in einem internationalen Umfeld auf und entdeckte schon früh sein Interesse am Thema Finanzen. Er publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

10 Dividendenaktien, deren Dividende IMMER steigt