AstraZeneca Impfstoff: (K)ein Vakzin zweiter Klasse?

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Der einst heißbegehrte AstraZeneca Impfstoff wird bald in rauen Mengen bereitstehen – und könnte zum Ladenhüter werden. Ein fatales Signal. (Foto: Roland Magnusson / shutterstock.com)

Das hatte man sich wohl anders vorgestellt beim schwedisch-britischen Pharmakonzern AstraZeneca. Anstatt mit seinem Impfstoff zu glänzen, folgt ein PR-Debakel aufs nächste. Die Aktie hat trotz erfolgreicher Impfstoffzulassung in den vergangenen 6 Monaten knapp zweistellige Verluste eingefahren.

Dabei hatte es so gut angefangen: Neben Biontech/Pfizer und Moderna gehörte AstraZeneca zu den ersten Herstellern, die bereits Ende 2020 einen baldigen Impfstart in Aussicht stellten. Während die anderen beiden Präparate auf dem neuartigen mRNA-Verfahren basieren, arbeitet AstraZeneca mit dem vielfach erprobten Vektorverfahren. Einen Vertrauensvorteil gegenüber den neuen Wirkstoffen hat der Konzern damit allerdings nicht.

Ganz im Gegenteil: Seit Studien belegen, dass das Präparat zwar zu 60 bis 70 Prozent wirksam ist, die Konkurrenzprodukte aber mit einer Wirksamkeit von mehr als 90 Prozent auftrumpfen, ist das Vakzin von AstraZeneca in der Gunst der potenziellen Impflinge deutlich abgefallen. Inzwischen machen Berichte die Runde über Impftermine, die abgesagt wurden, weil sich die Menschen nicht mit dem AstraZeneca-Impfstoff zufriedengeben wollten.

Trügerisches Halbwissen

Dabei ist das ein Trugschluss: Zunächst einmal ist eine Wirksamkeit von rund 70 Prozent für einen Impfstoff nicht unüblich – der jährlich angepasste Grippeimpfstoff weist lediglich eine Schutzwirkung von 50 Prozent auf. Damit ist das Vakzin von AstraZeneca zwar weniger wirksam als die mRNA-Impfstoffe – aber ein 70-prozentiger Schutz vor einer Infektion ist immer noch wesentlich besser als ein 0-prozentiger ganz ohne Impfung.

Hinzu kommt: Je mehr Menschen geimpft sind, desto geringer das Risiko für alle. Außerdem schützt das Präparat von AstraZeneca genau wie die anderen verfügbaren Impfstoffe wohl zuverlässig vor einem schweren Krankheitsverlauf. Wer sich also trotz Impfung mit dem Coronavirus infiziert, könnte zwar ein paar Tage mit Erkältungssymptomen im Bett liegen, würde aber nicht mehr am Beatmungsgerät auf der Intensivstation landen. Wenn das flächendeckend gelingt, ist schon viel gewonnen.

Gute Nachrichten – eigentlich

Zudem wies das Vakzin von AstraZeneca zum Teil ebenfalls rund 90 Prozent Schutzwirkung auf, wenn man die Impfdosis leicht veränderte. Dies war im Zulassungsprozess jedoch nicht berücksichtigt worden, da die Testgruppe zu klein war. Gleiches gilt für die Wirksamkeitsprüfung bei älteren Menschen, auch hier fehlt es bis dato an einer verlässlichen und hinreichend großen Datenbasis, weswegen der Impfstoff nun ausschließlich Personen unter 65 Jahren verabreicht werden soll.

Dadurch dürften Impfwillige aus nachrangigen Priorisierungsgruppen nach vorne rücken und früher geimpft werden – eigentlich eine gute Nachricht. Genau wie die nun angekündigten Liefermengen, die in den kommenden Wochen an die EU-Staaten verteilt werden sollen.

Immerhin ist es noch nicht lange her, da sich Politik und Medien lautstark öffentlich darüber beklagten, dass AstraZeneca zunächst nicht so viele Impfdosen liefern würde wie ursprünglich zugesagt. Im Detail weichen die Auffassungen des Konzerns und der Kommission darüber, welche Zusagen nun wie verbindlich getroffen wurden und ob in der EU produzierter Impfstoff in Drittstaaten wie etwa Großbritannien ausgeführt werden darf, bevor die EU-Kontingente erfüllt sind, voneinander ab.

Europa kann sich Impfstoff-Dekadenz nicht erlauben

Doch wenn die Bereitschaft, sich mit dem Präparat von AstraZeneca impfen zu lassen, derartig nachlässt, wie es in den vergangenen Tagen zu vernehmen war, dürften wir bald auf großen Mengen ungenutzter Impfdosen sitzenbleiben. Das wäre ein verheerendes Signal mit Blick auf die gesellschaftliche Solidarität mit den vielen Betrieben, die seit Monaten unter den Lockdown-Maßnahmen zu leiden haben.

Die Verteilung übriggebliebener Impfdosen an ärmere Regionen der Welt wäre das Mindeste, doch auch das würde in der jetzigen Lesart weniger großzügig als vielmehr dekadent erscheinen: Das Präparat, für das sich der gemeine Europäer zu fein ist, darf den Ärmeren am anderen Ende der Welt verabreicht werden, während man sich hier lieber noch ein paar Wochen nicht impfen lässt, bis der Luxusimpfstoff bereitsteht.

Eine solch hegemoniale Überheblichkeit aber kann sich nicht einmal das reiche Europa leisten angesichts der pandemischen Ausnahmesituation, die die Welt seit einem Jahr fest im Griff hat.

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Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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