Aktien von Reiseveranstaltern: Im Delta des Virus

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Gerade erst schien der Tourismussektor auf Erholung umzuschalten, schon gibt es neue Probleme. Ist Portugal erst der Anfang? (Foto: Vytautas Kielaitis / Shutterstock.com)

Kaum gewonnen, schon zerronnen – wenige Wochen nach den ersten zaghaften Lockerungen für die Reisebranche könnte der Traum vom unbeschwerten Sommerurlaub schon wieder vorbei sein.

Mit Portugal gilt ab heute ein beliebtes Urlaubsland der Deutschen als Virusvariantengebiet mit der Konsequenz, dass Reiserrückkehrer ausnahmslos eine zweiwöchige Quarantäne absitzen müssen – und zwar auch solche, die bereits vollständig geimpft oder von einer früheren Infektion nachweislich genesen sind. Zudem besteht ein Beförderungsverbot von Portugal nach Deutschland, was zumindest die Einreise per Flugzeug deutlich erschweren dürfte.

Portugal-Reisende kalt erwischt

Von dem Beschluss, der am Wochenende gefällt und bekanntgegeben wurde, werden viele Touristen kalt erwischt – vor allem jene, die sich bereits in Portugal befinden und nun abwägen mussten, vorzeitig vor Inkrafttreten der Beschränkungen zurückzukehren und somit die Quarantäne zu umgehen, oder aber die Quarantäne in Kauf zu nehmen.

Viele hatten sich bei ihrer Abreise darauf verlassen, etwa aufgrund einer bereits erfolgten Zweifachimpfung keine Sorge vor einer drohenden Isolation nach Rückkehr haben zu müssen. Doch wie schon immer seit Ausbruch der Pandemie: Langfristig planen lässt sich nichts mehr, stets muss damit gerechnet werden, dass das Virus dem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung macht.

Delta-Variante auf dem Vormarsch

Die zuerst in Indien entdeckte Delta-Variante des Coronavirus breitet sich derzeit rasant aus und dürfte schon bald die dominierende Virusvariante werden. Waren in Deutschland Anfang des Monats lediglich gut 6 Prozent der nachgewiesenen Infektionen auf diese Variante zurückzuführen, sollen es mittlerweile gut ein Drittel sein.

Auf dem Vormarsch ist Delta auch in Israel und damit ausgerechnet in jenem Land, in dem bereits mehr als die Hälfte der Bevölkerung vollständig geimpft wurde. Zwar weisen erste Studien darauf hin, dass insbesondere die Vakzine von Biontech/Pfizer sowie AstraZeneca einen recht hohen Impfschutz auch gegen alle bislang bekannten Virusvarianten, einschließlich Delta, bieten sollen. Doch unter den Neuinfektionen sind auch viele, die bereits vorab immunisiert waren.

Impfkampagne: Wettlauf mit dem Virus

Dass Delta also offenbar imstande ist, zumindest bei einigen Menschen den Impfschutz zu unterlaufen und außerdem als die bislang ansteckendste aller Virusvarianten gilt, fürchtet man nun auch hierzulande eine möglicherweise wieder stärkere Ausbreitung.

Zwar sind die Inzidenzwerte in den vergangenen Wochen erfreulich stark zurückgegangen, während parallel das Impftempo zugelegt hat. Doch es ist ein Wettlauf gegen die Zeit: Wer wird schneller sein, die Impfkampagne oder die Virenverbreitung?

Mit Sorge blicken Virologen vor allem auf drei Faktoren: die laufende Fußball-Europameisterschaft, die beginnende Sommerreisesaison und das massenhafte Aufeinandertreffen ungeimpfter Minderjähriger im Schul- und Kitabetrieb.

Fußball-EM sendet problematische Signale

Das Turnier der UEFA findet – ausgerechnet während der Pandemie – nicht innerhalb eines Landes oder einer Region statt, sondern führt Sportler, Funktionäre, Journalisten und Fans quer über den Kontinent. In den zum Teil vollbesetzten Stadien wird die eigentlich geltende Maskenpflicht meist eher missachtet als befolgt.

Die Bilder der dicht an dicht feiernden Fußballfans suggerieren, die Pandemie sei vorbei und die Party sei zurück. Doch es ist eine trügerische Normalität, die hier vermittelt wird, wie die aktuelle Lageentwicklung in Portugal, Israel, aber auch Großbritannien verdeutlicht.

Noch immer keine Luftfilter an Schulen installiert

Luftfilteranlagen für Schulen wurden auch im zweiten Jahr der Pandemie nicht angeschafft, noch immer wird auf Testen und Lüften verwiesen, wo (noch) nicht geimpft werden kann. Offenbar hofft man auf der Politik auf einen bald verfügbaren Impfschutz auch für die Kleinsten, nachdem zumindest das Präparat von Biontech inzwischen auch an Jugendliche ab 12 Jahren verimpft werden kann und der Mainzer Unternehmenschef Hoffnung auf eine Freigabe für kleinere Kinder bis Ende des Jahres machte.

Doch vorher werden die Sommerferien zu Ende gehen und die Kinder werden aus den Ferien in den Präsenzunterricht zurückkehren, der ab dem kommenden Schuljahr wieder aufgenommen werden soll. Sie werden aus dem Urlaub mit der Familie zurückkommen und einige von ihnen werden das Virus im Gepäck haben. Lokale Ausbruchsgeschehen an Schulen sind schon jetzt vorprogrammiert.

Reisebranche zittert: Ist Portugal erst der Anfang?

Noch nicht vorprogrammiert, aber zumindest deutlich bedrohlicher aus Sicht der Reisebranche ist mit den neuerlichen Beschränkungen für Portugal-Reisende die Aussicht geworden, dass weitere Länder wieder auf die Sperrliste rücken könnten, dass die Regierung Reisewarnungen wieder in Kraft setzt oder weitreichendere Maßnahmen beschließt.

Die Parteien werden sich zwar schwertun, ausgerechnet in der heißen Wahlkampfphase vor der Bundestagswahl Ende September den Wählern den langersehnten Sommerurlaub zu vermiesen. Doch bis zum Wahltag liegt die Richtlinienkompetenz weiterhin bei Angela Merkel – und die hat bekanntlich nichts mehr zu verlieren. Sie kann Vorsicht walten lassen, wie sie es in Sachen Delta und Portugal gerade erst getan hat. Medienberichten zufolge war es die Kanzlerin höchstselbst, die gegen die stimmberechtigten Fachministerien durchsetzte, dass es keine Ausnahmeregelungen für weniger stark betroffene Gebiete Portugals geben soll.

Tui streicht Portugal-Pauschalreisen bis Ende Juli

Für die Tourismusbranche in Portugal, aber auch Reiseanbieter in Deutschland ist das ein harter Rückschlag: Gerade erst hatten der Reiseveranstalter Tui und die Traditionsairline Lufthansa Buchungsrekorde vermeldet und auf erhöhten Nachholbedarf der Bevölkerung hingewiesen, die im vergangenen Jahr vielfach auf ihren Jahresurlaub verzichtet hatte und nun umso dringlicher das Fernweh verspürt.

Nun aber folgen drastische Schritte: Tui etwa hat als Reaktion auf die Portugal-Beschlüsse sämtliche Pauschalreisen in das Land gestrichen, vorerst bis Ende Juli. Eine zeitliche Ausdehnung oder auch räumliche Erweiterung ist durchaus denkbar.

Anleger verunsichert: Reiseaktien tiefrot

Besonders stark nachgefragt sind bei deutschen Touristen derzeit Reiseziele in Spanien, Griechenland und der Türkei. Sollte sich das Infektionsgeschehen auch hier wieder zuspitzen und Maßnahmen erforderlich machen, dürfte das die Branche noch empfindlicher treffen als die aktuellen Beschränkungen für Portugal und Großbritannien.

Die Verunsicherung war zum Wochenauftakt auch am Parkett deutlich zu spüren. Die Tui Aktie rauschte um mehr als 5 Prozent in die Tiefe, Anteilsscheine der Lufthansa gaben am Montag um gut 3,6 Prozentpunkte nach.

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Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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