Angebot und Nachfrage: Kann die Bahn die Lufthansa übertrumpfen?

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Grüne, SPD, Union – alle wollen plötzlich den Bahnverkehr ausbauen. Sind Kurzstreckenflüge bald nicht mehr rentabel? (Foto: Markus Mainka / shutterstock.com)

Die Bahn wird zum Wahlkampfschlager – man weiß nur noch nicht so recht, für wen eigentlich.

Baerbock sieht keine Zukunft für Kurzstreckenflüge

Am Wochenende wurde ein Interview mit der grünen Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock veröffentlicht. Darin sagte sie unter anderem, dass es perspektivisch keine Kurzstreckenflüge mehr geben werde. Politische Konkurrenten witterten sogleich grüne Verbotsgelüste, dabei hatte Baerbock ein Verbot weder angekündigt noch gemeint.

Vielmehr verwies sie auf grundlegende wirtschaftliche Prinzipien: Angebot und Nachfrage. Denn wenn die Bahn als Alternative zum Kurzstreckenflug an Attraktivität gewinnt, steigt hier die Nachfrage, während zugleich der Bedarf an Kurzstreckenflügen zurückgeht und sich die Airlines über kurz oder lang aus wirtschaftlichen Gründen von selbst davon verabschieden und den Flugplan zusammenstreichen. Nicht ausgelastete Kurzstreckenangebote lohnen sich schlichtweg nicht.

Das Timing des Interviews war indes eher unglücklich gewählt, verzehren sich doch dieser Tage etliche Deutsche nach einem eventuell möglichen Sommerurlaub nach der Zweitimpfung. Ganz so schnell wird es mit der Verkehrswende nun allerdings auch nicht gehen.

Frankreich macht‘s vor

Die Stärkung der Schiene ist unterdessen weder eine exklusiv grüne, noch eine exklusiv deutsche Idee. Spätestens seit Europa seine Klimaziele noch einmal nachgeschärft hat, ist die Diskussion wieder voll im Gange. Gerade erst wurde in Frankreich tatsächlich ein Verbot von Kurzstreckenflügen verabschiedet – vorausgesetzt, dieselbe Strecke lässt sich per Schnellzug in maximal 2 Stunden zurücklegen.

Frankreich verfügt im Vergleich zu Deutschland über ein wesentlich besser ausgebautes Schienennetz, insbesondere die Hochgeschwindigkeitszüge sind dort viel stärker etabliert. Nach und nach gehen mittlerweile auch in der Bundesrepublik sogenannte Sprinterstrecken an den Start. Köln und Frankfurt sind mittels Schnell-ICE mit wenigen Zwischenstopps in unter einer Stunde miteinander verbunden, auch zwischen Berlin und Hamburg pendelt es sich mit dem Zug sehr komfortabel und zügig. Auch Berlin und München sind seit einiger Zeit besser verbunden.

Verkehrsminister Scheuer lädt zum Schienengipfel

Neuerdings haben selbst die Unionsparteien, die ansonsten eher als Verbündete von Autolobby und Lufthansa gelten, ihre Liebe zur Bahn entdeckt. So unterstützt Kanzlerin Angela Merkel ausdrücklich das „Jahr der Schiene“, das für 2021 ausgerufen wurde. Und Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer von der CSU lud zum Wochenauftakt zum internationalen Schienengipfel, um auch den grenzübergreifenden Zugverkehr, insbesondere zwischen den Metropolen, auszubauen.

Angedacht ist neben dem schon länger angekündigten Deutschlandtakt nun auch ein Europatakt, bestehende Strecken sollen ausgebaut, neue Strecken erschlossen werden. Unter anderem plant das Verkehrsministerium offenbar einen 25 Kilometer langen Tunnel durch das Erzgebirge, mit einer Inbetriebnahme ist erst in den 2030er Jahren zu rechnen. Der Blick auf frühere größere Infrastrukturprojekte lässt auch diesen Zeitplan eher ambitioniert erscheinen.

Kommt die Kerosinsteuer?

Auch die wirtschaftlich obsolet werdenden Kurzstreckenflüge werden wohl noch eine ganze Weile Zukunftsmusik bleiben, denn der Ausbau des Bahnangebots braucht Zeit. Kurzfristiger umsetzen ließe sich eine preisliche Annäherung, die neben den Grünen zuletzt auch die Sozialdemokraten ins Spiel brachten: Bislang werden Fluggesellschaften staatlich subventioniert, durch eine Nichtbesteuerung des Kerosins. An dieser Schraube ließe sich leicht drehen, Flugtickets würden dadurch wohl rasch im Preis steigen.

Allerdings kann es kaum ein politisches Ziel sein, Reisen generell so teuer zu machen, dass eine vierköpfige Durchschnittsfamilie sich den Sommerurlaub nicht mehr leisten kann. Das Geld, was über eine Kerosinsteuer generiert würde, müsste dementsprechend direkt umgeleitet werden in eine stärkere Subventionierung der Bahn. Die gehört schließlich, trotz Privatisierung, nach wie vor zu 100 Prozent dem Bund, ist mit vielen ihrer regulären Ticketpreise bislang aber kaum konkurrenzfähig zum Auto oder Flugzeug.

Es braucht echte Anreize

Anstatt also Flüge nur zu verteuern, müssten parallel auch Zugtickets günstiger gemacht werden, um wirkliche Anreize für den Umstieg der Passagiere zu schaffen. Auch ein reibungsloserer Betriebsablauf der chronisch von Verspätungen und Zugausfällen geplagten Bahn wäre hierbei wünschenswert.

Unterdessen zeichnen sich erst einmal höhere Ausgaben ab, die auf die Bahn zukommen. In den aktuell laufenden Tarifverhandlungen mit der Lokführergewerkschaft GdL gab es zuletzt keine Einigung, Warnstreiks rücken damit immer näher. In diesem Punkt immerhin sind Bahn und Lufthansa gar nicht so verschieden: Auch die Piloten der Kranich-Airline haben schon so manchen Ferientag zur Unterstreichung ihrer Forderungen bestreikt.

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Lufthansa mit neuem Tief nach Kaufsignal!Ich bin eingestiegen, aber mit kurzer Reißleine. Der Fallschirm liegt quasi bereit und ich kann jederzeit aussteigen, falls wir unter 9 Euro laufen. › mehr lesen


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Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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