Luftfahrt unter Druck: Kapitalerhöhung bei der Lufthansa?

Lufthansa Flugzeug RED – shutterstock_577658362 Dawid Lech

Die Lufthansa braucht mehr Geld, der BER macht Verlust und Ryanair verliert vor Gericht. Die Luftfahrtbranche steht unter Druck. (Foto: Dawid Lech / Shutterstock.com)

Jahrelang war es der Running Gag der Nation – und die Pointe folgte 2020. Mit fast einem Jahrzehnt Verspätung und erheblichen Mehrkosten wurde im vergangenen Herbst ziemlich glanzlos der neue Hauptstadtflughafen BER eröffnet.

Es passt ins Bild dieses in seiner Planungs- und Bauphase völlig misslungenen und aus dem Ruder gelaufenen Infrastrukturprojekts, dass er die vorangegangenen Boom-Jahre der Luftfahrt verpasst hat und just dann in Betrieb ging, als sich die Branche in ihrer schwersten Krise der Nachkriegszeit befand – und auch weiterhin befindet.

Branche in Bedrängnis

Bedingt durch die globale Corona-Pandemie haben Regierungen Grenzen geschlossen, Einreisebeschränkungen verhängt, Quarantänerichtlinien verordnet und den internationalen Tourismus weitgehend zum Erliegen gebracht, um eine Ausbreitung von immer neuen Infektionen und Virusvarianten zu unterbinden.

Um mehr als 90 Prozent wurde der Luftverkehr in Deutschland zeitweise reduziert, seit mehr als einem Jahr fliegen die Airlines weit unter ihrer Kapazität und haben zum Teil damit begonnen, Flotte und Belegschaft zu reduzieren.

Lufthansa baut tausende Stellen ab

Das trifft auch auf die stolze Traditionsairline Lufthansa zu. Die in Frankfurt ansässige Fluggesellschaft hat ihr Streckenaufgebot drastisch zusammengekürzt, Maschinen ausgemustert und staatliche Hilfsgelder in Anspruch nehmen müssen, um nicht in die Pleite zu rutschen. Ein Großteil der Belegschaft befindet sich seit Monaten in Kurzarbeit.

Während dieser staatlich geförderten Maßnahme, die vor allem die Beschäftigten vor einem Jobverlust in Krisenzeiten bewahren soll, besteht ein Kündigungsschutz. Mitarbeiter in Kurzarbeit dürfen nicht aus betriebsbedingten Gründen gekündigt werden.

Zum Ende des Jahres hin läuft diese Regelung allerdings voraussichtlich aus – und für die Zeit danach sieht es alles andere als rosig aus. Seit Beginn der Pandemie hat die Lufthansa ihre Belegschaft bereits um fast 30.000 gekürzt von 140.000 auf rund 111.000 Beschäftigte. Doch noch immer haben zu viele Menschen einen gültigen Arbeitsvertrag mit der Lufthansa. Allein in Deutschland gibt es noch immer etwa 10.000 Vollzeitstellen zu viel, wie der Vorstand ausgerechnet hat. Auch sie dürfte der Jobkahlschlag hart treffen, wenn auch erst im kommenden Jahr.

Schwierige Tarifverhandlungen

Bis dahin soll nach sozialverträglichen Lösungen gesucht werden. Zudem setzt die Lufthansa den Rotstift wohl auch als Druckmittel in den Tarifverhandlungen ein: Sowohl mit der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit als auch mit der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, die in diesem Fall das Bodenpersonal vertritt, steht die nächste Verhandlungsrunde an. Beide Gewerkschaften gelten als harte Verhandlungspartner, insbesondere die Pilotenvertretungen waren in der Vergangenheit häufig nicht dazu bereit, angestammte Privilegien aufzugeben.

Angesichts absehbarer Einschnitte beim Personalbestand vor dem Hintergrund der Pandemie und ihrer Auswirkungen auf die gesamte Luftfahrtbranche könnten die Verhandlungen diesmal allerdings unter etwas anderen Vorzeichen stehen als in der Vergangenheit. Fest steht, es wird ein weiteres ungemütliches Jahr für den Konzern, dessen Aktie im Zuge des Corona-bedingten Absturzes im vergangenen Jahr aus dem Dax in den MDax abgestiegen ist.

Lufthansa Aktie: Anleger wittern Morgenluft trotz Kapitalerhöhung

Immerhin sehen viele Anleger offenbar Licht am Ende des Tunnels: Die Lufthansa Aktie ist auf Jahressicht um rund 40 Prozentpunkte gestiegen, gerade in den vergangenen Monaten ging es aufwärts. Der Fortschritt der weltweiten Impfkampagne und die damit verbundene Hoffnung auf ein Ende der Pandemiebeschränkungen in absehbarer Zeit sorgen für neue Hoffnung.

Bei der heutigen Hauptversammlung wird indes auch über eine Kapitalerhöhung gesprochen. Die Rede ist von einem Rahmen von bis zu 5,5 Milliarden Euro, der allerdings nicht komplett ausgeschöpft werden soll.

Wegen Streiks: Ryanair muss Kunden entschädigen

Noch nicht komplett ausgeschöpft ist unterdessen auch der Rechtsweg des britischen Billigkonkurrenten Ryanair nach dessen juristischer Niederlage gegen Verbraucherschützer. Demnach muss die Airline Kunden entschädigen, die von erheblichen Verspätungen und Flugausfällen im Kontext von Streiks im Jahr 2018 betroffen waren.

Das Urteil kommt für die Branche zur Unzeit – und dürfte gerade für Ryanair empfindliche Zusatzkosten mit sich bringen, die in Zeiten der Pandemie nicht ohne weiteres wieder reinzuholen sind. Die Airline könne sich bei streikbedingten Ausfällen nicht auf „besondere Umstände“ berufen, so die Einschätzung der zuständigen Richter.

Luftfahrt Aktien: Anleger optimistisch, Analysten skeptisch

Dennoch zählt auch die Ryanair Aktie weiterhin zu den beliebten Papieren im Depot vieler Anleger. Auf Jahressicht notiert der Billiganbieter gut 75 Prozent im Plus, allein seit Anfang November legte der Kurs um etwa ein Drittel zu.

Während Analysten beim Optimismus hinsichtlich der Ryanair Aktie zumindest teilweise mitgehen und häufiger Kaufempfehlungen aussprechen, fällt ihre Einschätzung für die Lufthansa Aktie verheerend aus. Nach schwachen Zahlen zum Auftaktquartal senkten hier etliche Analysten den Daumen und raten zum Verkauf des Papiers.

Und der BER? Der hat im vergangenen Jahr rund 1 Milliarde Euro Verlust gemacht. Etwa drei Viertel davon entfielen auf die geringere Bewertung des Flughafens selbst, darüber hinaus kam es zu millionenschweren Abschreibungen und operativen Verlusten. Der Hauptstadtflughafen bleibt sich und seinem Image auch nach der Eröffnung treu.

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Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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