Züge statt Flüge: Verkehrswende in Europa?

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Gehören Kurzstrecken- und Inlandsflüge schon bald der Vergangenheit an? Bahn und Lufthansa verstärken ihre Zusammenarbeit. (Foto: nitpicker/Shutterstock)

Züge statt Flüge – das Motto macht Schule in Europa. Gleich mehrere Beschlüsse in verschiedenen Ländern haben sich in jüngster Zeit damit befasst, mehr Passagiere auf die Schiene zu locken und die als besonders klimaschädlichen Inlands-Kurzstreckenflüge zu reduzieren.

Besonders rigoros positionieren sich dabei die Franzosen: So haben die Abgeordneten in Paris kürzlich dafür gestimmt, Inlandsflüge gänzlich zu verbieten, sofern die Verbindung zwischen Start und Ziel mit dem Zug in maximal zweieinhalb Stunden zurückgelegt werden kann. Frankreich verfügt über ein sehr gut ausgebautes Schienennetz und ist für seinen Hochgeschwindigkeitszug TGV weltberühmt.

Lufthansa baut Kooperation mit Bahn aus

In Deutschland hat die Lufthansa einen Vertrag mit der Deutschen Bahn unterzeichnet. Beide Unternehmen wollen enger kooperieren, um insbesondere Zubringerflüge überflüssig zu machen. Für Fernreisen müssen die Lufthansa-Passagiere zunächst eines der Drehkreuze der Airline erreichen, um von dort aus weiterzufliegen ans eigentliche Ziel. In Deutschland liegen diese Drehkreuze der Lufthansa in Frankfurt und München.

Der Frankfurter Flughafen ist bereits gut ans Schienennetz angebunden, das Angebot soll nun ausgeweitet werden. Künftig sollen 22 statt bisher 17 Städte mit Schnellverbindungen an den Frankfurter Airport angeschlossen werden. Neu im System „Lufthansa Express Rail“ sind dann ICE-Direktverbindungen von Hamburg, München, Berlin, Bremen und Münster.

Zudem will die Bahn die bestehenden Sprinter-Verbindungen noch attraktiver machen. Durch das Wegfallen von Zwischenhalten bei bestimmten Verbindungen soll die Fahrtzeit noch einmal weiter verkürzt werden. Auf Seiten der Lufthansa sind zwar vorerst keine Streichungen von Inlandsflügen geplant, dies könnte aber auf mittelfristige Sicht die Folge sein, sollte das Konzept erfolgreich ausgebaut und weiter etabliert werden. Bereits in der Vergangenheit sind viele Passagiere auf den Zug umgestiegen, vor allem für vergleichsweise kurze Strecken wie Köln-Frankfurt oder Hamburg-Berlin.

Klimakiller Kurzstreckenflug

In Frankreich sind gerade die Zubringerflüge allerdings explizit ausgenommen vom Inlandsflugverbot, während hierzulande die Unternehmen ihrerseits selbst aktiv werden und somit staatlichen Regulierungen zuvorkommen.

Denn die sind mittelfristig kaum zu vermeiden, will man die ambitionierten Klimaziele noch irgendwie erreichen. Dass ein Zwischenziel im vergangenen Jahr rein zahlenmäßig gelungen ist, lag vor allem an den pandemiebedingten Einschränkungen und weniger an einer erfolgreichen Verkehrswende.

Frische Konkurrenz im Bahnwettbewerb?

Gerade die Bahn wird jedoch eine zentrale Rolle für Deutschland und Europa spielen, um die Verkehrswende zu organisieren, die für eine vorzeigbare Klimabilanz erforderlich ist. In Deutschland hat der einstige Staatskonzern, der nach seiner Umwandlung zur AG nach wie vor komplett in Bundeshand ist, bei vielen Passagieren keinen allzu guten Ruf: Zugausfälle, Verspätungen, überfüllte Wagons insbesondere zu Stoßzeiten – all das verleidet vielen die Freude am Bahnfahren. Die Bahn gelobt seit Jahren Besserung, doch in der Realität tut sich insgesamt noch zu wenig.

Neuen Schwung ins Geschäft bringt womöglich die private Konkurrenz: Flixtrain hat sich in Deutschland zu einer beliebten Alternative für Bahnreisende gemausert. Das Konzept ähnelt dem der Fernbusse: Eine überschaubare Anzahl von Fahrten verbindet insbesondere Großstädte miteinander, die online gebuchten Tickets sind an eine Sitzplatzreservierung gekoppelt, die Ticketpreise sind günstig, der Komfort an Bord überschaubar.

Billigzüge statt Billigflüge – anderswo längst Alltag

Angesprochen werden somit insbesondere jene Kunden, denen es in erster Linie darum geht, von A nach B zu gelangen und die dabei nicht unbedingt ein Menü im Bordbistro zu sich nehmen möchten. Nicht nur bei Fernbusreisen, sondern auch bei Billigfliegern sind ähnliche Konzepte seit langem erprobt und erfolgreich.

Auf der Schiene ist der Wettbewerb in Deutschland nach wie vor begrenzt, im Ausland ist man da schon erheblich weiter. In Italien sind Billigzüge seit Jahren etabliert, in Spanien soll das Angebot kräftig ausgebaut werden.

Im Unterschied zum Flugverkehr sind Zugverbindungen jedoch nicht ohne Weiteres grenzübergreifend möglich. Nicht jedes Zugmodell ist mit jedem Schienennetz kompatibel, häufig ist deswegen an der Landesgrenze Schluss oder es muss umgestiegen werden.

Umweltschützer begrüßen Angebotsoptimierung

Um auf Dauer mehr Passagieren Lust aufs Bahnfahren zu machen, sind daher gleich mehrere Kraftanstrengungen notwendig: Schnellstrecken müssen massiv ausgebaut und das Angebot optimiert werden, die Preisgestaltung im Ticketverkauf wird sich einem stärkeren Wettbewerb unterwerfen müssen – und dringend erforderlich ist es, auch den Flughafen München, das zweite Lufthansa-Drehkreuz, mit der Bahn anzubinden.

Umweltschützer sehen in den aktuellen Vorhaben einen Schritt in die richtige Richtung, hätten sich aber durchaus ein noch beherzteres Vorgehen gewünscht. Umweltorganisationen in Frankreich etwa bemängeln, dass nur Ziele umfasst werden, die binnen zweieinhalb Stunden per Bahn erreichbar sind – sie hätten eine Ausweitung auf eine bis zu vierstündige Bahnfahrtzeit bevorzugt. In Deutschland fordert der Umweltverband BUND einen vollständigen Abschied von Kurzstreckenflügen bis 2030.

Wie groß wird das Fernweh in der Zeit nach Corona?

Ohnehin zeichnet sich für die Zeit nach der Pandemie eine mögliche Verkehrswende ab, die zu Lasten der Luftfahrt gehen könnte. Reisebeschränkungen haben der Naherholung neue Attraktivität verliehen, der Urlaub in Deutschland oder in einem der mit dem Auto gut zu erreichenden Nachbarländer war 2020 so gefragt wie schon lange nicht mehr.

Fernreisen, die zuvor jahrelang im Trend lagen, wurden hingegen nach der großangelegten Rückholaktion der Bundesregierung während der ersten Pandemiewelle im Frühjahr 2020 kaum noch gebucht: Viele wollten nicht riskieren, am Ende der Welt festzusitzen oder gar im Ausland zu erkranken, zudem hatten etliche beliebte Urlaubsländer die Tourismusbranche heruntergefahren oder die Grenzen gleich ganz geschlossen.

Beobachter rechnen mit Rückgang von Geschäftsreisen

Doch nicht nur im privaten Tourismus, auch bei den Geschäftsreisen könnte sich künftig einiges ändern. Nachdem seit mehr als einem Jahr Konferenzen, Besprechungen und dergleichen mehr zunehmend auf das Format der Videokonferenz verlagert wurden, die entsprechende Infrastruktur jetzt in vielen Unternehmen stärker bereitsteht als zuvor und Arbeitgeber wie Beschäftigte die Einsparung von Kosten und Zeitaufwand schätzen gelernt haben, könnten geschäftliche Flugreisen auch längerfristig hinter dem Vorkrisenniveau zurückbleiben.

Für die Tourismusbranche insgesamt, aber insbesondere auch für die Fluggesellschaften hat das erhebliche wirtschaftliche Konsequenzen. So mussten sowohl die Lufthansa als auch AirFrance-KLM durch staatliche Hilfspakete vor dem Konkurs bewahrt werden, nachdem pandemiebedingt ein Großteil der Verbindungen gestrichen werden musste.

Aktien von Lufthansa und AirFrance-KLM im Minus

Am Parkett lief es für beide Airlines zuletzt nicht rund: Auf Monatssicht liegen Papiere von AirFrance-KLM gut 5 Prozentpunkte im Minus, die Lufthansa Aktie ist im gleichen Zeitraum um rund 12 Prozent abgestürzt. Auf längere Sicht jedoch scheinen beide das Krisenjahr recht gut überwunden zu haben: Auf Jahressicht liegen beide Kurse deutlich im Plus, die Lufthansa Aktie notiert hier etwa 30 Prozent fester, AirFrance-KLM bewegt sich immerhin rund 7 Prozent im Plus.

Aufwärts ging es für beide Aktien bezeichnenderweise ab Anfang November – als die zweite Infektionswelle über Europa rollte und die Beschränkungen wieder härter wurden, schalteten Anleger bereits wieder um auf Optimismus.

Branchenexperten geben jedoch immer wieder zu bedenken, dass die Erholung der Luftfahrtbranche mehrere Jahre in Anspruch nehmen dürfte. Sie rechnen erst zur Mitte des Jahrzehnts mit einem Niveau, das zur vor-Corona-Zeit vergleichbar wäre.

Verkehrswende pro Schiene – eine multiple Win-Win-Situation

Inwieweit die Airlines mittelfristig durch die Verkehrswende hin zur Schiene profitieren oder sogar noch weiter unter Druck geraten, bleibt abzuwarten. Eine proaktive Kooperation kann sich jedoch als günstiger erweisen als ein erbitterter Konkurrenzkampf – zumal gerade kurze Flüge vergleichsweise hohe Kosten verursachen.

Am Ende könnte es also auf eine Win-Win-Situation mit gleich mehreren Gewinnern hinauslaufen: Die Airlines können Kosten sparen, die Bahn gewinnt Passagiere und die Klimabilanz verbessert sich. Bei attraktiven Angeboten auf der Schiene mit angemessenem Preis-Leistungs-Verhältnis werden Zugverbindungen zudem nicht nur für sonst fliegende Passagiere interessant, sondern könnten zunehmend auch routinierte Autofahrer ansprechen.

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Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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