Brexit: Startschwierigkeiten oder erst der Anfang?

Brexit Flaggen Stein – shutterstock_442032913 Delpixel

Knapp einen Monat nach Inkrafttreten des Brexit-Vertrags wird das Ausmaß der neuen Hürden erkennbar. Die Kritik wächst. (Foto: Delpixel / Shutterstock.com)

Vor gut einem Monat war es soweit: Ausgerechnet zu Heiligabend verständigten sich die Verhandlungspartner aus Brüssel und London auf ein Abkommen zur Regelung der Beziehungen nach dem Brexit.

Das Weihnachtswunder war geschehen, das jahrelange Gezerre hatte ein glückliches Ende gefunden und die Meldung darüber ging unterm Tannenbaum zwischen den Geschenken unter. Eine Woche später, zum Jahreswechsel, trat der Vertrag in Kraft. Vereinzelt gelten noch Übergangsfristen, doch elf Monate nach dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union ist der Bruch nun weitgehend vollzogen.

Nicht einmal Fischer sind zufrieden

Nun, nach knapp einem Monat, werden erste Eindrücke zusammengetragen – und siehe da, es ist nicht alles gut. Tatsächlich tun sich gerade für kleinere Händler, die Waren (oder auch Mitarbeiter) in die EU schicken wollen, erhebliche bürokratische Hürden auf. Viele von ihnen werden davon kalt erwischt, denn die britische Regierung hatte die erwartbaren Handelshemmnisse stets heruntergespielt.

Selbst die Fischereirechte, eines der zentralen Streitthemen bis kurz vor Abschluss der Verhandlungen, sorgen nun für Unmut, und zwar vor allem auf britischer Seite. Hatten die dortigen Fischer sich einst für den Brexit starkgemacht, sehen sie sich nun mit Nachteilen konfrontiert – so können sie beispielsweise Fangquoten nicht mehr einfach mit europäischen Fischern tauschen, wie es vorher oftmals üblich war, und der Export ihrer Fänge in die EU ist komplizierter, langwieriger und teurer geworden.

Startschwierigkeiten oder Dauerprobleme?

Auch die Logistikbranche steht vor ganz neuen Herausforderungen. Gemischtwarentransporte verschiedener Händler können mitunter tagelang an der Grenze feststecken, wenn irgendwo die Papiere nicht korrekt oder unvollständig sind. So kommt es inzwischen häufiger zu Leerfahrten oder es wird solange gewartet, bis ein Exporteur eine ganze Lkw-Ladung voll bekommt. Gerade bei kleineren Betrieben kann das schon mal einige Wochen dauern.

Um die Handelshürden zu umgehen, haben einige Firmen nun Dependancen auf dem Festland eröffnet, beispielsweise in Frankreich. Sie exportieren ihre Ware zentral an ihre europäische Niederlassung und organisieren ihren Versandhandel von dort aus. Ein Tipp übrigens, der pikanterweise auch von britischen Regierungsbeamten an die Exportunternehmen gegeben worden sein soll – hinter vorgehaltener Hand, versteht sich. Das Hauptgeschäft verlagert sich somit zurück in die EU, zu Lasten der britischen Wirtschaft.

Premierminister Boris Johnson spricht von erwartbaren und vorübergehenden Startschwierigkeiten, versucht diese aber konsequent kleinzureden – auch wenn völlig unklar ist, wie sich die Lage entspannen soll, außer dass man sich mit der Zeit eben daran gewöhnt und mit den neuen Gegebenheiten arrangiert.

Neue Unabhängigkeitsbestrebungen

In Nordirland mehren sich unterdessen die Stimmen, die einen Wiederanschluss an Irland und eine Rückkehr in die EU aufs Tableau bringen wollen. In Schottland ist man da schon ein Stück weiter: Zwar hatten die Schotten in einem Referendum einst für den Verbleib im Königreich gestimmt, doch beim Brexit fühlten sie sich über den Tisch gezogen.

Die meisten Schotten hatten beim Brexit-Referendum 2016 für den Verbleib in der EU gestimmt. Umfragen zufolge gibt es aktuell eine Mehrheit in Schottland, die sich für eine Loslösung vom Königreich und einen erneuten Beitritt zur europäischen Staatengemeinschaft ausspricht. Nicht wenige Beobachter rechnen inzwischen mit einer schottischen Unabhängigkeit von Großbritannien innerhalb einer Dekade.

Brexit Flaggen Stein – shutterstock_442032913 Delpixel

Wie geht es Großbritannien nach dem Brexit?Der Brexit ist vollzogen, jetzt zeigen sich die Folgeschäden. Immer stärkere Fliehkräfte drohen, das Vereinigte Königreich zu zerreißen. › mehr lesen


© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
david-gerginov
Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

Profitieren Sie von unserem kostenlosen Informations-Angebot und erhalten Sie regelmäßig den kostenlosen E-Mail-Newsletter "GeVestor täglich". Herausgeber: GeVestor Verlag | VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG. Sie können sich jederzeit wieder abmelden.

Hinweis zum Datenschutz